Kirchheimer Umland

Vom Dachbalken zum Konferenztisch

Aus jahrhundertealtem Holz bauen Schreiner ein Schmuckstück fürs neue Jesinger Rathaus

Das historische Gebälk des abgerissenen Jesinger Rathauses bekommt ein neues Leben geschenkt – als Konferenztisch im Sitzungssaal des neuen Rathauses. Dafür müssen die Bretter erst sorgfältig von den Spuren ihrer Vergangenheit befreit werden. Ein Besuch in der Werkstatt.

Martin Mauser bearbeitet die geleimten Eichenaltholzlamellen. Im Hintergrund ist ein zusammengesetztes Teil der Tischplatte zu e
Martin Mauser bearbeitet die geleimten Eichenaltholzlamellen. Im Hintergrund ist ein zusammengesetztes Teil der Tischplatte zu erkennen. Auf dem rechten Bild sieht man die Eichenholzlamellen im Fünf-Schichten-Aufbau. Fotos: Cornelia Wahl

Kirchheim. Gut und gerne ein paar Hundert Jahre haben die Eichenholzbalken auf dem Buckel. Sie dienten einst dem alten, 437 Jahre alten Rathaus als Dachgebälk, Wand oder Fußboden. „Die Balken haben wir vorsortiert bekommen“, erzählen die beiden Geschäftsführer Martin Renz und Tobias Hermann von „Die Schreiner“ in Jesingen. Dort entsteht der Holztisch derzeit. „Ob die Balken im Rathaus einst als Fußboden, Wand oder im Dach verbaut waren, kann nicht mehr genau festgestellt werden“, sagt Martin Renz. Eines jedoch ist sicher: Sie könnten so manche Geschichte erzählen.

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Wer das Rohmaterial sieht, kann kaum glauben, dass daraus ein schickes Möbelstück entsteht: Von Nägeln durchbohrt, mit Kerben, Drahtschlingen oder Bohrlöchern versehen, müssen die vom Alter gezeichneten Rohbalken erst einmal ausgesucht und gründlich in Handarbeit von den Spuren der Vergangenheit befreit werden.

Wenn sich das betagte Eichenholz nach dem Aufsägen mit einer Kreissäge entspannt hat, kann es weiterverarbeitet werden. Bei Eichenholz geht das gut: Es ist hart, hat ausgezeichnete Festigkeitseigenschaften und ist widerstandsfähig. Ein weiterer Arbeitsgang ist das Kalibrieren – „ein maschineller Schleifvorgang mit Schleifbändern für eine genaue Dicke der Bretter“, erklärt Tobias Hermann.

Für den Konferenztisch legen die Schreiner drei Schichten Fichtenholz zwischen zwei jeweils einen Zentimeter dicke Eichenholzplatten. Diese sind mit den Eichenholzlamellen verleimt. Danach werden die nummerierten Holzelemente zurechtgeschnitten und passend zusammengesetzt. Vorhandene Löcher im Holz werden mit einem dunklen Holzkitt so zugespachtelt, dass sie nicht als Fremdkörper auffallen.

Gegen Abschluss wird die Oberfläche von Hand abgeschliffen. „So entsteht eine leichte Unebenheit, die sich beim Darüberstreichen mit der Hand spüren lässt“, erzählt Tobias Hermann. Am Ende steht eine Veredelung mit Naturholzöl oder einem hochwertigen Polyurethan-Lack.

Insgesamt wird es circa 200 Arbeitsstunden dauern, bis der Tisch fertig ist. Bei allen Arbeiten achten die Schreiner ganz genau darauf, dass der über Jahrhunderte gewachsene und unverwechselbar gereifte Charakter des Eichenholzes mit seinen originalen Strukturen erhalten bleibt.

Der robuste Holztisch misst 3,20 mal 3 Meter. Die Tischplatte umgeben massive alte Eichenholzbalken als Rahmen. In die Tischplatte eingelassen sind zwei Abdeckungen aus Aluminium, unter denen sich elektrische Anschlüsse verstecken. Das Untergestell aus Stahl liefert ein Schlosser.

Sowohl der Tisch als auch das Untergestell werden vorsichtig und in Einzelteilen in den Sitzungssaal des neuen Jesinger Rathauses transportiert und dort zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Und so findet die Geschichte der historischen Eichenholzbalken ihre Fortsetzung: in neuer Funktion und neuer Umgebung – am alten Ort.

Vom Dachbalken zum Konferenztisch
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