Kirchheimer Umland

Von wegen Taxifahrer

Interview Als Juse Ju jung war, wurde ihm in Kirchheim gesagt, dass man als Theaterwissenschaftler nicht reich wird. Jetzt wird er als Rapper nicht reich. Dabei stürmte sein neues Album die Hip-Hop-Charts. Von Mona Beyer

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Berlin-Schöneberg. Ein gemütliches Atelier-Café mitten im lebendigen Akazienkiez. Juse Ju, 36 Jahre alt, Kirchheimer Rapper und seit Neuestem mit „Shibuya Crossing“ in den Charts, bestellt einen Apfelkuchen mit Sahne. Vom Tisch gegenüber winkt Maeckes, ein Stuttgarter Branchenkollege. Zufall. Man fühlt sich etwas wie in einem Wiener Kaffeehaus, wo sich einst die großen Intellektuellen trafen. Nur dass es hier offenbar die Denker des deutschen Hip-Hops sind.

Schöneberg also - ziemlich gediegen für einen Rapper, oder nicht?

Juse Ju: Ach, Schöneberg hat tatsächlich eine große Rap-Vergangenheit. Es gibt viele Rapper, die hier her kommen. Es muss ja nicht immer Gangster-Rap sein, aber Hip-Hop funktioniert besser in Großstädten. Im Hip-Hop geht es um den Moloch Stadt: Wie eine große Stadt dich verschlucken kann, wie du in der großen Stadt überlebst. Außerdem: So gediegen ist Schöneberg doch gar nicht.

Dein neues Album „Shibuya Crossing“ ist sehr biografisch. Der erste Track „Kirchheim Horizont“ handelt von deiner Jugend in Kirchheim, die gar nicht so nach Moloch klingt. Was bedeutet der Song für dich?

Juse Ju: Kirchheim ist auf jeden Fall meine Teenie-Zeit. Ich bin mit elf Jahren nach Kirchheim gezogen, als ich mit meiner Familie zurückgekommen bin aus Japan. Mein Vater hat dort jahrelang als Ingenieur gearbeitet. Für mich bedeutet Kirchheim Pubertät. Und eine gewisse Sorglosigkeit.

In dem Song gibt es die Zeile „Ich bin nicht dort aufgewachsen und gehöre nicht da hin“.

Ja, es gibt natürlich negative Seiten. Kirchheim ist ein eigener Kulturraum. Ich bin mit elf dorthin gekommen und hab da nach fünf Jahren in einer der größten Städte der Welt nicht so reingepasst. Meine Eltern sind auch keine richtigen Kirchheimer, meine Mutter kommt aus Braunschweig. Die Zeit war schön, weil ich auch Freunde da hatte. Ich hege keinen Groll gegen Kirchheim. Ich finde die Stadt immer noch schön. Trotzdem gibt es so gewisse schwäbische Eigenschaften, die einem das Leben schwer machen. Ich sag mal: Schwaben sind nicht so die, die groß denken oder groß träumen. Sie sind so realistisch, dass sie schon wieder pessimistisch sind.

Wie hat dich das damals getroffen?

Ich würde mich eigentlich auch nicht als großen Träumer bezeichnen. Aber als ich gesagt hab, dass ich Theaterwissenschaft studieren werde, kam nur der Standardspruch: „Du wirsch Taxifahrer. Jung, du musch doch au irgendwann mal Geld verdiena.“ Den Leuten war es schwer klarzumachen, dass Fernsehen oder Musik genauso eine Industrie ist wie Maschinenbau. Und ich glaube, das liegt auch daran, dass es in Kirchheim wenig Medien gibt, und auch in Stuttgart nicht allzu viele. Klar, es gibt die Lokalzeitungen, aber kaum deutschlandweite Fernseh- oder Radiosender. Stuttgart ist bekannt für Autos, Technik, solche Sachen. Die meisten halten es für Träumerei, wenn du sagst: Ich geh zum Fernsehen. Die denken, du willst Harald Schmidt werden. Aber das ist einfach Quatsch, die Branche ist eine Branche wie jede andere, 99 Prozent der Menschen sind nicht berühmt. Ich glaube zwar nicht, dass dieses Denken ein reines Kirchheim-Phänomen ist, aber sicherlich ein Phänomen von kleinen Städten.

Als Jugendlicher hast du noch ein Jahr mit deinem Vater in Texas gelebt, dann in München studiert, jetzt bist du in Berlin. Gibt es für dich so etwas wie „Zuhause“?

Es ist schwer für mich, einen Ort als Zuhause festzulegen. Aber ich glaube, Kirchheim ist für mich die Zeit, in der ich zu Hause war, insofern, dass ich bei meinen Eltern gewohnt hab. Wie gesagt: Ich mochte meine Pubertät. Ich wünschte manchmal, ich hätte wieder so ein Leben wie damals: Sich keine Gedanken darüber machen müssen, dass die neue Platte in die Charts gehen muss, dass sich die großen Medien darauf stürzen, dass die Tour laufen muss, weil ich wahnsinnig viel Geld da rein gesteckt habe. Damals waren so Sachen wichtig wie: Gehen wir heute Abend auf die fette Party oder treffen wir uns an der Tanke?

Dein „Kirchheim Horizont“ ist also eine Art Geisteshorizont - eine Mischung aus Kleinstadtleben und Jugend.

Ganz gut zusammengefasst (lacht). Eigentlich ist das Wort „Kirchheim Horizont“ eine Abwandlung vom „Kirchturm-Horizont“, einem soziologischen Begriff. Im 19. Jahrhundert, beziehungsweise bis zur Massenkommunikation und der weiten Verbreitung der Eisenbahn, hatten Menschen in solchen Städten wie Kirchheim einen „Kirchturm-Horizont“. Deine Interessen und das, was du über die Welt weißt, gingen so weit wie du vom Kirchturm aus gucken konntest. Und das war okay so.

Träumst du davon, mit deiner Musik Stadien zu füllen?

Im Moment ist es mir ehrlich gesagt nicht so wichtig, ob ich vom Rap leben kann oder nicht. Ich arbeite auch gerne in meinem Job im Radio. Mir geht es darum, dass ich Musik machen kann und meine Visionen umsetzen kann. Und dass es gehört wird. Ich möchte, dass Leute mir schreiben, dass es sie berührt.

Das heißt, du lebst am Limit, um dein Geld in Touren stecken zu können, bei denen für dich nicht viel rausspringt. Klingt sehr idealistisch.

Klar. Du bist nicht 18 Jahre in der Rap-Branche, ohne erfolgreich zu sein, wenn du nicht idealistisch bist. So wie es im Moment ist, drückt es extrem auf meine Gesundheit. Alle Leute, die ich in der Branche kenne, haben ernst zu nehmende gesundheitliche Probleme. Das dringt so lange nicht an die Öffentlichkeit, bis es nicht mehr geht. Das ist ein Fulltime-Job mit dem ich kein Geld verdiene. Das sehen die meisten Leute überhaupt nicht. Das Schwierige daran, Juse Ju zu sein - ein Künstler zu sein, der es in die Charts schafft - ist es, ein Gesamtkunstwerk zu sein. Social Media, Videos im Fernsehen, Interesse erzeugen, verfügbar sein. Du kannst der beste Künstler der Welt sein. Wenn du deine Songs einfach ins Internet stellst, passiert nichts. Gar nichts.

Ich hab gesehen, dass du meine Interview-Anfrage bei Instagram gepostet hast. Betitelt mit „Die wichtigste Anfrage für einen Kirchheimer“.

Natürlich, für mich ist das ein Elfmeter. Das ist das einzige Medium, von dem ich die Anfrage publiziert habe. Ich hatte auch Anfragen von der Stuttgarter Zeitung, von der Intro, der taz. Große Zeitungen also. Aber darum geht’s nicht. Es geht darum, dass ich mit 15 den Teckboten in Kirchheim gesehen habe und dachte: Ich will Journalist werden. Ich überbewerte den Teckboten nicht, keine Sorge. Kommerziell gesehen ist das total egal. Mein Promo-Agent wollte mich zum Beispiel in die Neon bringen. Das bringt mir Klicks und Geld. Aber das hat für mich keinen emotionalen Wert. Der Teckbote lag bei uns auf dem Küchentisch als ich Kind war. Das ist der Unterschied.

Abschlussfrage: Kannst du dir vorstellen, irgendwann nach Kirchheim zurückzukehren, wenn es solche Bilder und die Sehnsucht nach einer einfachen Welt in dir weckt?

Nein, du kannst so was nicht zurückbringen. Wenn du einmal raus bist, bist du raus. Ich kann auch nicht mehr einfach nach Tokio zurück und es ist wie früher. Kirchheim ist nicht mehr, was Kirchheim war, Tokio ist nicht mehr, was Tokio war und ich bin ja auch nicht die Person, die ich war, als ich da war. Du kannst deine Kindheit und Jugend nicht zurückdrehen. Du kannst dich auf den Kopf stellen und mit dem Arsch Fliegen fangen, das wird nicht funktionieren.

Der heute 36-jährige Rapper Juse Ju ist in Kirchheim aufgewachsen. Nun lebt er in Berlin, im Akazienkiez, wo er aber auch nicht
Der heute 36-jährige Rapper Juse Ju ist in Kirchheim aufgewachsen. Nun lebt er in Berlin, im Akazienkiez, wo er aber auch nicht immer bleiben will. Sein neues Album „Shibuya Crossing“ (Foto unten) ging im März auf Platz 35 der Charts.Foto: Mona Beyer