Kirchheimer Umland

Warme Wolle statt kaltem Plastik

In der Wollerei Zauner herrscht eine ganz besondere Atmosphäre – Künstlermarkt in der Scheune

Sonia Zauner liebt das Material, mit dem sie arbeitet. Aus bunter Wolle entstehen nicht nur flauschige Schultüten aus nachwachse
Sonia Zauner liebt das Material, mit dem sie arbeitet. Aus bunter Wolle entstehen nicht nur flauschige Schultüten aus nachwachsendem Rohstoff, sondern auch Märchenfiguren, Tiere, Sitzsteine, Lampen, Hüte und vieles mehr. Fotos: Jean-Luc JacquesRudolf Zauner

Kirchheim. Es ist die Leichtigkeit – um nicht zu sagen Fluffigkeit –, die einen anzieht. Jeder ist willkommen. Quasi im Wohnzimmer darf sich jeder, der Lust und Ambitionen hat,

an farbenfrohem Filz unter Anleitung von Hausherrin Sonia Zauner versuchen. Da sind die durchscheinenden Wolllampen mit ihrer mit Ornamenten durchsetzten Transparenz, die Lebendigkeit der gefilzten Meisen, Dachse und Käfer, die liebevoll gestaltete Schultüte für den Sohn, mit der alles begann. Und mittendrin: Kater Leonardo, der Olivenseifen-Wasser – unabdingbar beim Nassfilzen – gleichermaßen liebt wie die Filzkursteilnehmer. Genüsslich rekelt er sich zwischen der weichen Wolle mitten auf dem großen Arbeitstisch und empfängt Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit gleichermaßen. Willkommen in der Wollerei Zauner.

„Wir öffnen unser Haus, bitten Gäste herein und stellen hier alles zur Verfügung. Die Kindergeburtstage finden im Wohnzimmer statt. Wir arbeiten und leben hier“, sagt Sonia Zauner schlicht, Kirchheimerin mit Leib und Seele. Für sie und ihren Mann, der sein Büro im oberen Stockwerk hat, ist Wohnen und Arbeiten eine Einheit. „Unsere Kinder sind mittendrin, erleben, wie ihre Eltern arbeiten und Geld verdienen“, freut sie sich, dass sie das einstmals selbstverständliche Familienmodell „wohnen und arbeiten unter einem Dach“ umsetzen kann. Während sie filzt, sitzen die Kinder mit am Tisch und erledigen ihre Hausaufgaben. Eventuelle Fragen bleiben da in der Regel nicht unbeantwortet.

„Der Spaßfaktor ist wirklich toll“, sagt die überzeugte Filzerin, und der Funke springt auf ihre Eleven über. Es verwundert nicht, dass die Menschen, die zu ihren Kursen kommen, sich wie zu Hause und aufgenommen fühlen, insbesondere auch Kinder, denn von Beruf ist Sonia Zauner Erzieherin. Droht die Geduld und Motivation bei den kleinen Jung-Filzern verloren zu gehen, greift sie in die ihr wohlbekannte Trickkiste, um die Durststrecke zu überbrücken. Dann werden Lieder gesungen oder es gilt, ein Rätsel zu lösen. Beliebt sind bei den Kindern Tiere sämtlicher Art, insbesondere Pinguine auf der Eisscholle und bei den Jungs Dinos. Ihre Ausbildung lässt sich auch heute nicht verleugnen. Die Regale bevölkern gefilzte Apfelmännchen, Märchenfiguren wie Rotkäppchen und der Wolf, zudem zauberhafte Blumenkinder und Feen.

Die Fingerfertigkeit von Sonia Zauner ist faszinierend. So filzt sie auch Haustiere auf individuellen Wunsch, Prototyp war dabei der schwarz-weiß gefleckte Hund ihrer Schwester, der klar zu erkennen ist. „Es ist frappierend, was sich alles mit Nadel und Wolle darstellen lässt, auch an Ausdruck“, erzählt sie, warnt aber gleichzeitig vor allzu großer Anfängererwartung, denn dafür ist schon gewisses handwerkliches Können notwendig.

Sonia Zauner beherrscht die unterschiedlichen Filztechniken. Für sie spielt es keine Rolle, trocken oder nass mit dem Naturmaterial zu arbeiten. Die Nadel hat Widerhaken, wodurch die Wolle verfilzt und stabilisiert wird. Auf diese Art entstehen die dreidimensionalen Objekte. Alles, was flach bleiben soll, wird mit kräftiger Hände Arbeit mithilfe von Seifenwasser nass verfilzt. ­„Jede Wolle ist anders“, weiß die Wollekünstlerin aus Erfahrung. Strangwolle ist fein und hat lange Fasern. „Sie eignet sich für märchenhafte Sachen und Vorhänger oder Tücher – einfach alles, was durchscheinend ist“, verrät Sonia Zauner. Hüte oder Hausschuhe sind dagegen aus Fließwolle gefertigt. „Wie beim Weben wird der Stoff verkettet, also über Kreuz gelegt“, erklärt sie. In ihrer Werkstatt entstehen auf diese Weise Dinge des täglichen Gebrauchs, etwa Nadelkissen, Handymäppchen oder Wärmflaschen-Mäntelchen.

„Wolle ist für mich das warme Kontra zum kalten Plastik. Wolle lebt, hat was Kuscheliges“, so Sonia Zauner. Verbunden ist für sie damit untrennbar der Umweltaspekt: „Wolle fällt ab. Das Produkt gibt es automatisch bei Schafhaltung. Ich verarbeite dieses tolle Material, das nachwächst und somit nachhaltig ist.“ Deshalb steht für sie außer Frage, vornehmlich regionale Wolle zu verarbeiten, etwa vom Archehof Ketterle in Aichelberg, der vom Aussterben bedrohte Rassen beheimatet, wie etwa das Steinschaf. Der Name scheint Programm, die Wolle ist fest und urig und kratzt. Sie eignet sich jedoch prima für Sitzkissen – die sind als graue Steine nicht nur praktisch, sondern auch schönstes Deko-Objekt.

Am Freitag, 8. Mai, von 14 bis 18 Uhr und am Samstag, 9. Mai, von 10 bis 17 Uhr öffnet die Wollerei Zauner das Scheunentor in den Stellegärten 4 in der Nähe des Ludwig-Uhland-Gymnasiums in Kirchheim für allerlei Kunsthandwerk. Alle Künstlerinnen kommen aus Kirchheim und Umgebung. Angeboten werden neben den Filzprodukten handgeschöpfte Seifen, allerlei Ringe und Geschmeide, lustig benähte Kindershirts und Kreatives aus Stoff. Gäste sind willkommen und können sich bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Streuobstapfelsaft unterhalten.

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