Kirchheimer Umland

Wasserpegel erreichen Tiefstand

Außergewöhnlich trockener November sorgt für Niedrigwasser und lässt Bäche versiegen

Nur selten gab es im November so wenig Niederschlag wie dieses Jahr. Aber auch der Rest von 2015 war alles andere als feucht. Das hat Auswirkungen auf die Gewässer: Lindach und Lauter plätschern nur noch leise vor sich hin, einige kleinere Bäche sind schon versiegt. Trotz allem: Dramatisch scheinen die Folgen nicht zu sein.

Nur noch eine Pfütze ist die Lauter in Kirchheim. Kleinere Bäche sind vielerorts schon ganz versiegt.Foto: Carsten Riedl
Nur noch eine Pfütze ist die Lauter in Kirchheim. Kleinere Bäche sind vielerorts schon ganz versiegt.Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. „Es ist eine Katastrophe. So wenig Wasser hatten wir noch nie“, klagt Helmut Kapp. Der ehemalige Kirchheimer Stadtrat betreibt seit elf Jahren ein Wasserkraftwerk an der Lauter. Es produziert zu Spitzenzeiten schon mal 140 Kilowatt pro Stunde. Von solchen Werten ist Helmut Kapp derzeit aber meilenweit entfernt: „Dieses Jahr wird es wohl einen Minusrekord bei der Stromerzeugung aus Wasserkraft geben“, prophezeit er. Gerade mal zwei bis drei Kilowatt pro Stunde gebe das Kraftwerk her. Grund dafür sind außerordentlich niedrige Niederschlagsmengen, wie Kapp mit einem Blick auf seine privaten Messungen belegt: „Im November sind in Nabern bisher zwei Liter Regen gefallen“, sagt er. Normal sind Werte zwischen 60 und 70 Liter im Monat.

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„Der Herbst ist bis jetzt viel zu trocken“, sagt Clemens Steiner vom Deutschen Wetterdienst in Stuttgart. Gerade mal 36 Prozent der durchschnittlichen Niederschlagsmenge sei gefallen. „Aber auch der Rest des Jahres war zu trocken“, sagt er. Das Ganze ausschließlich mit einer Klimaverschiebung zu begründen, sei unwissenschaftlich. Aber: „Die Trockenheit und Hitze der vergangenen Jahre ist mehr als nur verdächtig.“

Wie trocken es ist, kann jeder selbst sehen. Viele kleinere Bäche in und um Kirchheim sind ausgetrocknet. Auch Lauter und Lindach plätschern nur noch vor sich hin. An offiziellen Messstellen in Kirchheim und Unterlenningen liegen die Pegel jedoch immer noch über den Niedrigstwerten. Die Lauter bei Wendlingen dagegen schreibt Rekorde. „Da sind wir schon im Bereich der Extreme“, sagt Dr. Bernhard Fischer vom Wasserwirtschaftsamt des Landkreises Esslingen. Größere Probleme bereitet die Trockenheit aus seiner Sicht allerdings nicht. „Das System wird zwar labiler“, weiß er. „Glück ist aber, dass die Temperaturen nicht so hoch sind.“ Dadurch halte sich der Sauerstoff recht gut im Wasser und der Algenwuchs bleibe im Rahmen.

Noch nicht versiegt sind die Kalkgrabenquelle und die Rotlehenquelle, die zu Lenningens Wasserversorgung beitragen. „Die Schüttung hat abgenommen“, weiß Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht. Bis jetzt reiche die Wassermenge jedoch noch aus. Und wenn einmal zu wenig Wasser komme, springe die Landeswasserversorgung als zweite Quelle ein.

Kein Geheimnis ist es, dass in vielen Wasserläufen rund um Kirchheim im Moment große Teile Klärwasser fließen. „Der Bodensee speist sozusagen unsere Bäche“, sagt Dr. Bernhard Fischer. Bedenklich ist das aus seiner Sicht nicht. „Früher hätten wir Güteprobleme bekommen, aber heute sind die meisten Kläranlagen so gut, dass das unproblematisch ist.“

Auch die Diplom-Landschaftsökologin Sarah Löber vom Büro am Fluss, der Geschäftsstelle der Aktion Lebendiger Necker, fürchtet keine dramatischen Folgen. „Durch den großen Anteil an Klärwasser kann es zu Veränderungen in der Zusammensetzung des Wassers kommen, aber zu schwerwiegenden Schädigungen nicht“, sagt sie.

Aufmerksam, aber nicht allzu beunruhigt beobachten die Angler die Trockenheit. „Gefährdet sind die Fische in der Lauter noch nicht“, sagt Wasserwerksbesitzer Helmut Kapp, der auch Mitglied der Kirchheimer Fischer ist. Allerdings hätten es Fischräuber wie Graureiher und Kormorane leichter, an ihre Beute zu gelangen. „Wir setzen aber sowieso immer wieder Fische ein“, betont Kapp.

„Die Fische leben noch“, meldet Jochen Stüber, einer der Vorsitzenden des Angelvereins Kirchheim: „Aber sie könnten es schöner haben.“ An den Bürgerseen seien die Wasserstände ausgesprochen niedrig. „Das war zu dieser Jahreszeit noch nie so“, sagt er. Auch wenn bis jetzt alles glimpflich abgegangen sei: „Der See und die Fische brauchen frisches Wasser.“

Das ist jetzt in Sicht: Der Deutsche Wetterdienst meldet einen Wetterumschwung mit kalter Luft und kräftigen Niederschlägen ab Freitag.

Hoffen auf den Dung des armen Mannes

Kirchheim. „Es ist schwierig, jetzt schon eine Gesamteinschätzung zu treffen“, sagt Siegfried Nägele, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Esslingen. Wie viel Schaden Hitze und Trockenheit in der Landwirtschaft tatsächlich angerichtet hätten, ließe sich voraussichtlich erst im nächsten Jahr genauer sagen. Auch Anton Watzek, Leiter des Kreisforstamts, kann das Ausmaß der Trockenschäden im Wald noch nicht genau abschätzen. „Vor allem Laubholzbäume werfen ihre Blätter oft erst im Folgejahr ab“, weiß er.

Ganz sicher ist sich Siegfried Nägele aber in einem: Die Wiesen haben dieses Jahr arg gelitten. „Vielerorts ist die Grasnarbe geschädigt“, berichtet er. Zudem sei die Anzahl der Pflanzen geschrumpft und die Zusammensetzung der Gras- und Kräuterarten habe sich negativ verändert. Ein wichtiger Grund dafür: „Durch den trockenen Boden gab es sehr viele Mäuse. Die Wiesen sind voll mit Gangsystemen“, hat er beobachtet. Auch in den Äckern hätten sich die kleinen Schädlinge ziemlich wohl gefühlt: „Wenn es sehr trocken ist, kommt man bei der Bodenbearbeitung nicht so tief und erwischt die Mäusegänge nicht.“

Je nach regionalen Wetterverhältnissen und Bodenbeschaffenheit wird es auch für Ackerpflanzen kritisch. „Auf schweren, trockenen Böden hat es das Getreide nicht leicht“, sagt Siegfried Nägele. Sei es zu trocken, könne das Saatgut nicht keimen. Entscheidend für die Entwicklung ist auch, ob es zwischendurch mal einen Regenguss gegeben hat oder nicht. „Und das ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich“, so Nägele.

Während Äpfel und Birnen dieses Jahr einfach etwas kleiner ausgefallen sind, mussten Gemüsebauern teils kräftig bewässern: „Das ist ein erheblicher Kostenfaktor“, weiß Nägele. Abzuwarten bleibe auch, wie gut sich die Ernte einlagern lasse. „Obst hat dieses Jahr einen hohen Zuckergehalt und könnte leichter gären.“

Spuren hat die außergewöhnliche Witterung auch im Wald hinterlassen: „Durch die Trockenheit erhöht sich die Anfälligkeit der Bäume“, sagt Anton Watzek. Besonders die Fichten seien anfällig für den Borkenkäfer, und den Eschen drohe Gefahr durch das Eschentriebsterben, ausgelöst durch eine Pilzinfektion. „Jungbäume, die im Herbst gepflanzt wurden, könnten vertrocknen“, ergänzt Watzek. Und auch für Pilzsammler sei es kein gutes Jahr gewesen: „Aufgrund der mangelnden Feuchtigkeit gab es sehr wenig Pilze.“

Mit Problemen hat auch Kirchheims Revierförster Daniel Rittler zu kämpfen: „Bei einigen Waldwegen haben sich so tiefe Risse gebildet, dass wir Material reinschütten mussten“, berichtet er. Und noch eine Folge kann die Trockenheit haben: „Die klassischen Weihnachtsbäume wie Fichten könnten ihre Nadeln etwas früher verlieren, weil sie nicht so gut mit Wasser versorgt waren.“

Ganz entscheidend für die Entwicklung von Pflanzen, Saatgut, Bäumen und Wiesen sind der kommende Winter und das darauffolgende Frühjahr – da sind sich Siegfried Nägele und Anton Watzek einig. „Wir hoffen auf einen schneereichen Winter und ein nasses Frühjahr“, sagt der Leiter des Kreisforstamts. „Dann können sich die Wasserspeicher wieder füllen.“ Dabei ist nicht allein die Menge des Wassers von oben entscheidend. „Wir brauchen jetzt moderate, ständige Niederschläge, am besten Schnee“, sagt Siegfried Nägele. Den nenne man nicht umsonst den „Dung der armen Leute“. Perfekt sei es, wenn dann noch der Boden durchfriere, damit sich der Mäusebestand dezimiere. „Es heißt: Die Mäuse bekommt man nur weg, wenn sie sich die Beine brechen“, zitiert Siegfried Nägele eine alte Bauernweisheit.