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Weilheim hat einen Popkantor

Kirche Mit Johannes Lorenz hat die Evangelische Kirchengemeinde Weilheim den ersten Kantor mit popularmusikalischem Schwerpunkt angestellt. Die Resonanz zeigt: Die Zeit dafür war reif. Von Peter Dietrich

Er sei mit Melodica aufgewachsen, sagt Johannes Lorenz über seinen frühen musikalischen Werdegang. Er ist Jahrgang 1996 und wuchs in Ebersbach auf. Als ihn seine Eltern zur Musikschulpräsentation verschiedenster Instrumente mitnahmen, hätte er sich gleichermaßen mit Klavier oder Schlagzeug anfreunden können. Die Eltern entschieden sich – verständlicherweise – fürs Klavier. Zehn Jahre lang bekam er klassischen Unterricht, später auch für Jazzpiano. In der kirchlichen Jugendarbeit spielte er Keyboard. „Ich habe gemerkt, es macht viel Spaß, mit andern in der Kirche Musik zu machen und so meinen Glauben auszudrücken.“

 

Ich habe gemerkt, es macht viel Spaß, mit anderen in der Kirche Musik zu machen.
Johannes Lorenz

 

Doch ganz einfach war das nicht: „Es wäre schön gewesen, wenn mich jemand an der Hand genommen hätte.“ Wenn er sich in der Band nicht vieles hätte mühsam selbst erarbeiten müssen. Daraus wuchs der Entschluss, dass es andere leichter haben sollen: „Ich wollte sie anleiten.“ Bis heute sei das sein Schwerpunkt, auch wenn er selbst gerne spielt: „Ich bin mehr der Musikpädagoge.“

Noch ist die kirchenmusikalische Ausbildung mit popularmusikalischem Schwerpunkt exotisch, mit bundesweiter Anerkennung nur in Tübingen und Witten zu haben. Johannes Lorenz ging nach Witten, zum Klavier kamen an der dortigen Evangelischen Popakademie Orgel und Gitarre, auch mit dem E-Bass kommt er klar. „Gesang habe ich mir vor dem Studium nie zugetraut“, sagt der Kantor. Nach vier Jahren Gesangsunterricht sei das anders: „Jetzt bin ich im Wohlfühlbereich.“

Orgel spielen darf er in der Weilheimer Peterskirche auf einem ganz besonderen, im Jahr 1795 von Andreas Goll fertiggestellten Instrument. Aber das soll nicht der Schwerpunkt sein. „Wir wollten einen Menschen für eine intensive Aufbauarbeit mit dem überragenden Teil der Bevölkerung, der sich nicht in SWR2 zu Hause fühlt“, sagt Pfarrer Matthias Hennig – selbst allerbestens klassisch trainiert. Für die Chorarbeit sei mit Anna-Maria Wilke weiterhin gesorgt, beide Stellen ergänzen sich. Ob sich die Kirchengemeinde mit aktuell knapp 3700 Evangelischen in finanziell schweren Zeiten eine 50-Prozent-Kantorenstelle plus 30 Prozent für die Chorleitung leisten kann und will, musste sie sich allerdings sehr gut überlegen. Was wichtig sei, brauche Investitionen, sagt Pfarrer Hennig. „Wir werfen da unsere Aktien rein.“

In seinem Anerkennungsjahr in Wendlingen hatte Johannes Lorenz mehrere zeitlich befristete Projektchöre angeboten – und bemerkt, dass 70 bis 80 Prozent der Leute immer wieder dabei waren. Zur ersten Probe seines ersten Gospel-Projektchors in Weilheim kamen 48 Sängerinnen und Sänger, dabei hatte es gar keine riesige Werbung gegeben.

Wenn der neue Kantor mit Bands üben will, braucht es einen Proberaum. Einen solchen haben Ehrenamtliche schon vor einigen Jahren im Keller des Evangelischen Gemeindehauses eingerichtet. Er ist sogar schalldicht, wurde einige Zeit nicht genutzt und wartet geradezu darauf, bespielt zu werden. Einen Stock höher stehen derzeit sogar zwei Flügel: Das etwas ausgespielte Exemplar wird in Kürze weichen, es bleibt der deutlich fittere Kollege, ein Steinway. Er war ein Geschenk an die Gemeinde.

Seit Anfang Oktober ist der neue Kantor nun im Dienst, wechselt im Gottesdienst immer wieder von der Orgel zum Klavier, an dem er einen besseren Blickkontakt zur Gemeinde hat. „Ich frage mich, was tut dem Lied gut?“, sagt der Kantor. „Ich erlebe die Gottesdienstgemeinde als sehr elastisch“, sagt Pfarrer Hennig. „Die Menschen können sich auf vieles einlassen, wenn es gut gemacht ist.“

Zu den neuen Angeboten des Kantors gehört ein offenes Singen am Sonntagabend, beim ers­ten Mal kamen über 30 Leute. Ab Januar kommt beim jungen Papa noch seine zweite musikalische 50-Prozent-Stelle bei der Stuttgarter Kesselkirche hinzu. Weilheim und Stuttgart werden sich gegenseitig befruchten, erwartet er. Kirchturmdenken ist ihm ohnehin fremd: „Es ist eine Kirche, es ist ein Reich Gottes.“