Kirchheimer Umland

Wenn der Mann zum Kind wird

Krankheit Dorothée Sommerfeld pflegt ihren Mann, der seit rund sechs Jahren an Demenz leidet. In der Coronakrise habe sich sein Zustand stark verschlechtert, sagt sie. Von Antje Dörr

Dorothée Sommerfeld hat vor ihrem Mann bereits ihre ebenfalls demenzkranke Mutter gepflegt. Als ständig Waschbecken überliefen,
Dorothée Sommerfeld hat vor ihrem Mann bereits ihre ebenfalls demenzkranke Mutter gepflegt. Als ständig Waschbecken überliefen, Töpfe anbrannten und die 90-Jährige von ihren Ausflügen nicht mehr nach Hause fand, musste sie ihre Mutter ins Pflegeheim bringen. Symbolfoto

Der Fernseher ist sein Fenster zur Welt. Den ganzen Tag sitzt er davor und starrt hinein. Bewegen mag er sich nicht mehr. „Er ging bisher immerhin noch zum Bäcker, eine Brezel kaufen. Oder Zigaretten holen. Das muss ich jetzt unterbinden, weil er zwar eine Maske hat, sie aber nicht aufsetzt“, sagt Dorothée Sommerfeld über ihren Mann.

Die Demenz hat sich in ihr Leben geschlichen, sechs Jahre ist das her. „Kennen Sie das, dass Sie Ihrem Mann etwas erzählen, und er hört es einfach nicht?“, fragt Dorothée Sommerfeld, und in ihrer Stimme liegt ein Lächeln. Ja, ja. Typisch Mann, eben. Als sich die Situationen häuften, verging ihr das Lachen. Sie kannte das schon, weil sie ihre demenzkranke Mutter eine zeitlang gepflegt hatte. Irgendwann packte sie es nicht mehr, weil die 90-Jährige, die bislang 400 Kilometer entfernt gewohnt hatte, ständig rausging und nicht mehr zurückkam, die Waschbecken überliefen und Töpfe anbrannten. Sie musste ihre Mutter ins Pflegeheim bringen. Traurige Erinnerungen. „Zum Arzt wollte er aber nicht“, sagt Dorothée Sommerfeld über ihren Mann. Auch das sei typisch, weil er natürlich merke, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Im letzten Jahr hat die Krankheit an Fahrt aufgenommen. 2019 schaltete sich zum ersten Mal der Medizinische Dienst ein. Der gewährte Pflegegrad 1. Nach einem Sturz baute der 73-Jährige weiter ab, es folgte Pflegegrad. Und dann kam Corona. „Jetzt ist er bei Pflegegrad. Innerhalb eines halben Jahres“, sagt die Kirchheimerin.

Dorothée Sommerfeld ist 65 Jahre alt. Die Situation, die durch die Pandemie noch schwieriger geworden ist, belastet sie sehr. „Meine Rente hatte ich mir anders vorgestellt“, sagt sie trocken. Manchmal fühlt sie sich, als hätte sie ein Kind zuhause. Mittlerweile muss sie ihren Mann ankleiden, ihn daran erinnern, sich zu waschen. Tagsüber ist er oft müde und schläft, nachts ist er aktiv. Manchmal ist er aggressiv, häufig misstrauisch. Freunde und Familie mag er nicht mehr treffen, aus Scham, weil die anderen nicht sehen sollen, wie er geworden ist. „Demenz macht einsam“, sagt Dorothée Sommerfeld. „Die normalen Kontakte, die man gewohnt war, Unternehmungen mit anderen Paaren, das muss man sich abschminken.“

Demenz wird oft verharmlost

Während ihr Mann sich komplett einigelt, hält Dorothée Sommerfeld an ihren Freundschaften fest. Wobei das in den letzten Wochen auch schwierig war. „Wir haben telefonisch Kontakt gehalten“, sagt Dorothée Sommerfeld. Ihr Italienischkurs, ein Hobby, das sie wieder aufgenommen hat, fand ebenfalls telefonisch statt, „aber das ist nicht das Gelbe vom Ei“. Was ihr hilft, ein bisschen aufzutanken, sind lange Spaziergänge im Wald. „Das ist für mich ein Antidepressivum“, sagt die Kirchheimerin. Glücklicherweise kann sie ihren Mann für ein, zwei Stunden allein zuhause lassen. Was allerdings auf der Kippe steht, ist ihre Reise, und das nicht nur wegen Corona. „Im letzten Jahr konnte ich ihn während meines Urlaubs noch zuhause lassen, jetzt geht das nicht mehr“, sagt Dorothée Sommerfeld. Um länger weg zu können, brauche sie einen Kurzzeitpflegeplatz für ihren Mann. Die Reise, die sie eigentlich in diesem Jahr antreten wollte, wurde auf 2021 umgebucht. Allerdings könne man so langfristig keinen Kurzzeitpflegeplatz bekommen. „Man soll sich drei bis vier Wochen vor der Reise melden“, ärgert sich Dorothée Sommerfeld, die in großer Sorge ist, dass ihr lang ersehnter Urlaub auch im kommenden Jahr ins Wasser fallen könnte. „Ich brauche das, um aufzutanken“.

Es ärgert sie, dass Demenz oft verharmlost wird. Über Witze wie „Demenz, da lernt man täglich neue Leute kennen“, kann sie schon lange nicht mehr lachen. Filme wie „Honig im Kopf“ mit Dieter Hallervorden fand sie nie lustig. „Er zeigt nicht den wirklichen Tagesablauf mit einem Demenzkranken“, sagt Dorothée Sommerfeld. Dafür brauche man sprichwörtlich Nerven wie Drahtseile. „Und man muss sich Freiräume schaffen“. Das wird aber immer schwieriger, weil die Pflege so viel Kraft verschlingt. Und weil die Coronakrise das Auftanken fast unmöglich gemacht hat.

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