Kirchheimer Umland

Wer mit wem – und mit wem nicht?

Gewählte Kirchheimer Kandidaten sprechen über ihr Abschneiden und über mögliche Koalitionen

Nachdem sie die berühmte Nacht darüber geschlafen haben, nehmen die drei Kirchheimer Landtagsabgeordneten den Wahlausgang noch einmal genauer unter die Lupe. Ergebnis: Andreas Schwarz (Grüne) und Andreas Kenner (SPD) sind offen für beinahe jede denkbare Koalition. Für Karl Zimmermann (CDU) dagegen gibt es nur zwei Möglichkeiten: Schwarz-Rot-Gelb oder nichts.

 

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Kirchheim. Nach einer Achterbahnfahrt der Gefühle ist Andreas Kenner noch ganz euphorisiert: „Drei Mal war ich drin und wieder draußen. Es ging darum, ob sieben oder acht SPD-Kandidaten aus dem Regierungsbezirk in den Landtag kommen, und ich war an achter Stelle.“ Letztlich wurden es acht, und somit war Andreas Kenner „der letzte, der noch reingerutscht ist“. Genau umgekehrt sei es Sabine Fohler vor fünf Jahren ergangen: „Sie war leider als 15. die erste, die draußen war.“

Andreas Kenner ist übrigens der einzige SPD-Kandidat, der 2016 einen neuen Sitz erobert hat. Die anderen 18 haben die vorhandenen Sitze in ihren Wahlkreisen verteidigt. „Das ist ein gutes Gefühl“, sagt er über diesen besonderen Erfolg, „aber ich kann es noch nicht richtig einschätzen. Das musst du erst mal begreifen.“

Was ihm sehr zu denken gibt, ist der Erfolg der AfD, auch im Wahlkreis Kirchheim: „Der Kandidat der AfD macht nichts im Wahlkreis, er wird von seiner eigenen Partei fast rausgeschmissen und holt trotzdem so viele Stimmen.“ Da frage er sich schon, warum er sich einen so intensiven Wahlkampf angetan habe. Immerhin aber sieht er die wenigen Prozentpunkte, die ihm sein persönliches Engagement eingebracht habe, als die entscheidenden an.

Zu Koalitionen hat Andreas Kenner einen erstaunlich nüchternen Standpunkt: „Wenn ich das Wahlergebnis anschaue, dann wollen die Leute eigentlich, dass weder die CDU regiert noch dass wir regieren. Wir haben so gesehen den Auftrag, in die Opposition zu gehen.“ Die Wähler wollten offensichtlich, dass Winfried Kretschmann Ministerpräsident bleibt. Und da komme es jetzt vor allem auf die FDP an, ob sie sich einer Ampel-Koalition verschließt oder nicht. Grundsätzlich müsse die SPD mit allen demokratischen Parteien sprechen. „Sonst gibt es in einem halben Jahr Neuwahlen – und da würde ich dringend davor warnen.“

Für Andreas Schwarz ist das Wahlergebnis der Grünen „super“ – aber auch sein eigenes: „Das gute Ergebnis, insbesondere in der Stadt Kirchheim, ist für mich ein Ansporn, die Landespolitik weiterhin maßgeblich mitzugestalten, aber auch Ansprechpartner für die Bürger vor Ort zu bleiben.“ Allerdings besteht künftig große Verwechslungsgefahr, denn im Wahlkreis Bretten holte die Kandidatin Andrea Schwarz das Direktmandat – ebenfalls für die Grünen.

Andreas Schwarz ist vom Auftrag der Grünen überzeugt, die Regierung anzuführen: „Im Lauf des Tages gehen die Einladungen zu Sondierungsgesprächen raus“, sagte er gestern, „sowohl an die CDU als auch an SPD und FDP.“ Mit letzteren seien gemeinsame Gespräche zu führen: „Man will ja gemeinsam weiterkommen und sich auf einen Fahrplan festlegen.“ Zwischen FDP und Grünen sieht Andreas Schwarz durchaus Schnittmengen, etwa bei Themen wie „Schulfrieden“ oder „Bürgerbeteiligung“.

Auch mit der CDU seien Gespräche notwendig, betont Andreas Schwarz, denn „Winfried Kretschmann ist einer, der auch im Lager der CDU viel Zuspruch hat.“ Zunächst aber gehe es für die Grünen darum, sich heute bei einer Fraktionssitzung mit alten und neuen Kollegen zusammenzusetzen. An dieser Stelle bricht noch einmal die Freude über den Wahlsieg durch: „Da müssen wir schauen, ob wir überhaupt für alle Platz haben.“

Diese Schwierigkeit sieht Karl Zimmermann nicht als das größte Problem der CDU-Fraktion an. Er hadert extrem mit dem Wahlergebnis und teilt in alle möglichen Richtungen aus. Vor allem sieht er einen direkten Zusammenhang zwischen Verlusten der CDU und Gewinnen der AfD. Ähnlich wie Andreas Kenner stellt er fest: „Die Enttäuschung sitzt deshalb sehr tief bei mir, weil da eine Person Stimmen kriegt, die niemand kennt und die sogar für die AfD untragbar ist.“

Noch einer ganz anderen Person gibt Karl Zimmermann die Schuld an seinem persönlichen Abschneiden: der Kanzlerin. „Nachdem ein Foto in der Zeitung war, auf dem ich Angela Merkel die Hand schüttle, haben fünf Wähler ihre verschlossenen Wahlbenachrichtigungen bei mir in den Briefkasten geworfen. Einer hat sie sogar vor meinen Augen zerrissen.“ Die Flüchtlingspolitik habe ihn viele Stimmen gekostet, analysiert er: „Auch das Abstimmungsverhalten der Kirchheimer CDU-Gemeinderatsfraktion zu Flüchtlingsunterkünften wird mir in die Schuhe geschoben.“

Die Grünen kann Karl Zimmermann übrigens nicht als die großen Gewinner erkennen: „Die haben zu uns nur eine Differenz von drei Prozentpunkten.“ Eine schwarz-rot-gelbe „Deutschland“-Koalition würde er deshalb auch nicht als eine „Koalition der Verlierer“ bezeichnen wollen. Auf keinen Fall will er einer grün-schwarzen Koalition zustimmen: „Wenn wir mit Dummheit geschlagen gehören, dann machen wir so eine Koalition. Dann geht es mit uns nämlich ständig bergab.“ Bei einer „Ampel“ werde die FDP nicht mitmachen – zumal nach Zimmermanns Ansicht viele der FDP-Stimmen eigentlich als Unterstützung für die CDU gedacht gewesen seien. Und falls bei der „Deutschland“-Koalition die SPD nicht mitspielt? Für Karl Zimmermann ist das keine Frage: „Ich schließe auch Neuwahlen nicht aus.“