Kirchheimer Umland

Wer will, wird Teil der 3-D-Kunst

Kultursommer Die Streetart-Künstler Marion Ruthardt und Gregor Wosik schaffen auf dem Kirchheimer Marktplatz eine Illusion im XXL-Format. Ab morgen können Passanten für Fotos im Bild posieren. Von Bianca Lütz-Holoch

Gregor Wosik und Marion Rut­hardt kreieren auf dem Kirchheimer Marktplatz ein dreidimensionales Kunstwerk. Die Skizze zeigt, wie
Gregor Wosik und Marion Rut­hardt kreieren auf dem Kirchheimer Marktplatz ein dreidimensionales Kunstwerk. Die Skizze zeigt, wie das Gemälde aussehen soll, wenn es fertig ist. Fotos: Carsten Riedl

Marion Ruthardt beugt sich über das Stativ und späht durch die kleine, bemalte Glasplatte, die sie darauf montiert hat. Dann läuft sie ein paar Schritte, beugt sich hinunter und justiert die lange Schnur, die sich auf dem Boden vor dem Kirchheimer Marktbrunnen windet. Dort, wo sie schon endgültig ausgerichtet ist, macht sich Gregor Wosik ans Werk: Er taucht eine Malerrolle mit Verlängerung in den weißen Farbeimer und beginnt, den Asphaltboden entlang der Kordel weiß zu walzen. Was ein bisschen wie Renovierungsarbeiten wirkt, ist die Geburtsstunde eines dreidimensionalen Straßenkunstwerks: Im Rahmen des Kirchheimer Kultursommers erschaffen die beiden international renommierten Street­art-Künstler ein 3-D-Bild speziell für die Teckstadt. Der Clou an der Sache: Sobald es fertig ist, können sich Interessierte darin fotografieren lassen - mit dem Effekt, dass sie Teil des verblüffend real wirkenden Kunstwerks werden.

„Wir versuchen immer, einen kleinen Gag in unsere Bilder einzubauen“, sagt Gregor Wosik. Im Fall des Kirchheimer Werks ist ein Wildschwein, das oberhalb eines Lochs steht und auf Häuser, Dächer und die Silhouette des Kirchheimer Rathauses blickt. Wer sich auf dem fertigen Bild dort hinstellt und ablichten lässt, wirkt, als sitze er auf dem Tier.

Dass gerade ein Wildschwein den Weg in das Gemälde gefunden hat, beruht übrigens auf einem Insider-Scherz der Kirchheimer Stadtverwaltung. „Im Logo der Stadt wirkt die Silhouette der Teck immer ein bisschen wie ein Wildschwein, das die Stadt auffressen möchte“, lautet die augenzwinkernde Erläuterung des Kirchheimer Stadtarchivars Dr. Frank Bauer, der als Leiter der Abteilung Kultur im Kirchheimer Rathaus auch Mitglied des Lenkungskreises für den Kultursommer ist.

Kunst mit Eventcharakter

Neben den zahlreichen Konzerten, die beim Kultursommer stattfinden, wollten die Organisatoren auch die Kunst nicht zu kurz kommen lassen. „Wir haben etwas gesucht, das Eventcharakter hat, ein Besuchermagnet ist und auch Kinder begeistert“, so Bauer. Seine Kollegin Susan Besara brachte schließlich die beiden Streetart-Künstler ins Spiel, die sie mit ihren Werken - unter anderem dem immer wieder beliebten Wasserfall - schon bei Aktionen in Tripsdrill erlebt hatte.

Das Gemälde in der Teckstadt hätte laut Plan eigentlich schon heute fertig werden sollen. Der Wunsch in Kirchheim war gewesen, noch vor dem Wochenmarkt Fotomöglichkeiten anzubieten. Das schaffen Marion Ruthardt und Gregor Wosik aber nicht. „Wir brauchen eigentlich immer mehrere Tage für ein Bild“, sagt Marion Ruthardt. Nicht nur, weil sich immer wieder - willkommene - Gespräche mit Passanten entwickeln. Damit der typische 3-D-Effekt entsteht, ist auch absolute Präzision, Technik und perspektivisches Know-how gefragt. „Wir müssen die kleinen Vorzeichnungen ja groß und verzerrt auf den Boden bringen“, erläutert Marion Ruthardt. Das lässt sich gut an dem Schwein erkennen, das am Dienstagnachmittag schon fertig ist und auf dem Marktplatzboden ziemlich langgestreckt aussieht. Wie real es auf den Fotos wirken wird, simuliert eine Linse, die die Künstler auf dem Stativ montiert haben. Eine Schwierigkeit gibt es allerdings: „Man muss für das Foto an einer ganz bestimmten Stelle stehen, damit die Szene echt wirkt“, sagt ­Marion Ruthardt. Auf dem Marktplatz ist das ein kleiner runder Gully. Nur wer sich ganz genau dort platziert, „reitet“ auch wirklich auf dem Schwein. „Wir pinseln Fußabdrücke auf den Boden, damit alle wissen, wo sie stehen müssen“, verspricht sie.

Werk soll eine Weile bleiben

Grund zu großer Eile gibt es für diejenigen, die sich mitsamt der Straßenkunst verewigen wollen, aber nicht: Das Kunstwerk bleibt den Kirchheimern noch eine Weile erhalten. „Unsere Bilder halten mehrere Wochen“, verspricht ­Gregor Wosik. Die Künstler verwenden dafür Innen-Wandfarbe, die nach einer Weile per Hochdruckreiniger entfernt wird.

Mit ihrer Straßenkunst haben sie es ins Guinness-Buch geschafft

Die beiden Streetart-Künstler Marion Ruthardt und Gregor Wosik aus Nordrhein-Westfalen haben sich 2006 kennengelernt, als sie gemeinsam einen Streetart-Workshop leiteten. Seither arbeiten sie neben ihren individuellen Projekten auch zusammen.

Zunächst Vertreter der klassischen Straßenkunst, haben sich Marion Ruthardt und Gregor Wosik vor ein paar Jahren auf ­3-D-Straßenmalerei und Illusionsmalerei im XXL-Format spezialisiert.

Rekorde haben die beiden Künstler gleich mehrere gebrochen. 2009 malten sie gemeinsam mit anderen Streetart-Vertretern ein 750 Quadratmeter großes Straßenbild in Holland, das als „größtes, anamorphisches Bild auf der Straße“ ins Guinness-Buch der Rekorde einzog. 2012 stellte Gregor Wosik einen neuen Rekord in Wilhelmshaven auf. Gemeinsam mit Marion Ruthardt brach er diesen Rekord dann 2014 in Florida wieder - mit einem 2000 Quadratmeter großen Straßenbild.

Weltweit malen die beiden Künstler ihre riesigen Illusionen - als freie Kunst und bei Straßenfesten, im Auftrag von Einkaufscentern, Werbeagenturen und Unternehmen.bil

1 Weitere Infos zu den Künstlern und ihren Werken gibt es online unter www.3dstreetart-strassenmalerei.de

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