Kirchheimer Umland

„Wir haben genug Getreide, aber wir brauchen Zeit“

Nahrung Die Nachfrage nach Mehl ist in den Mühlen ungebrochen – die Mahlwerke stehen nicht mehr still, dabei dürfen nur noch Haushaltsmengen verkauft werden. Von Katja Eisenhardt

Müller Jürgen Zinßer füllt den Bestand an Weizenmehl auf Foto: Katja Eisenhardt
Müller Jürgen Zinßer füllt den Bestand an Weizenmehl auf Foto: Katja Eisenhardt

In den Supermärkten herrscht nach wie vor oft gähnende Leere in den Mehlregalen. In den Mühlen der Region steht die Produktion nicht mehr still, um der extrem hohen Nachfrage nachkommen zu können. Jürgen Zinßer leitet die Hochdorfer Zinßer Mühle in mittlerweile 13. Generation. Aktuell produziert er gut das Dreifache der sonstigen Menge: „Normalerweise mahlen wir wöchentlich etwa sechs Tonnen Getreide, jetzt sind es 20 Tonnen. Pro Tonne ergibt das 800 Kilo Mehl, beim Vollkorn sind es 1000 Kilo.“ Besonders gefragt seien derzeit die hellen und dunklen Weizenmehle, also die Klassiker zur Herstellung von Brot, Spätzle oder Hefezopf. Dinkelkörner gebe es unabhängig von Corona gerade weniger auf dem Markt. „Entsprechend produzieren wir weniger Dinkelmehl“, erklärt der Müller. Wurden anfangs für den Verkauf noch die großen Säcke mit bis zu 25 Kilo gepackt, gibt es aktuell nur noch 2,5- und 5-Kilo-Packungen. „Ende Februar ging das langsam los, dass sich die Kunden mit großen Mengen an Mehl eingedeckt haben. Teils haben sie den Anhänger direkt vor dem Laden geparkt und die 12,5-Kilo-Säcke rausgetragen“, berichtet Jürgen Zinßer. Nachdem die Ausgabe vorübergehend auf maximal zwei kleinere Packungen Mehl pro Person beschränkt werden musste, könne momentan wieder in haushaltsüblichen Mengen eingekauft werden: „Im Schnitt reichen einer Kleinfamilie circa 2,5 bis 5 Kilo Mehl für 14 Tage.“ Immer wieder hat Jürgen Zinßer seinen Kunden die notwendige Rationierung erklärt: „Es mangelt uns nicht am Getreide, aber wir kommen schlicht mit der Produktion nicht mehr hinterher, wenn jeder diese großen Mengen einkauft. Da gab es teils schon Diskussionen, warum man nicht mehr mitnehmen dürfe, obwohl doch Mehl vorhanden sei.“ Man müsse das ja auch mal von der anderen Seite betrachten, betont Zinßer: „Es ist nur noch etwas da, weil manche Kunden eben durchweg in normalen Mengen eingekauft haben, anstatt die Keller mit Mehl vollzupacken.“

Das Sortiment wurde mittlerweile auf das Wesentliche reduziert, bei den Mehlen konzentriert sich die Produktion auf helle und dunkle Weizenmehle. Eigene Brotbackmischungen, die sich ansonsten in einer großen Vielfalt in den Regalen des Mühlenladens finden, können mangels Zeit gerade nicht nachproduziert werden. Diese Regale bleiben vorerst leer. Hefe gibt es schon seit Ende Februar keine mehr. Das werde auch erst mal so bleiben, sagt Jürgen Zinßer, denn auch er bekommt momentan keine Nachlieferungen. Alternativ hat er aber einen guten Tipp parat: Problemlos könne man sich zu Hause wilde Hefe selbst ansetzen und genauso zum Backen verwenden: „Einfach mal googeln, da gibt es genug Rezepte. Mit wilder Hefe zu backen ist zudem geschmackvoller und bekömmlicher“, so der Profi.

Nach wie vor bilden sich immer wieder lange Schlangen vor dem Mühlenladen, den als Schutzmaßnahme und den einzuhaltenden Abständen nur noch drei Kunden gleichzeitig betreten dürfen. Kommen diese in der Regel aus einem Umkreis von 20 Kilometern, darunter viele Stammkunden, so seien jetzt immer wieder auch Leute von weiter weg dabei. Die Öffnungszeiten müssen aufgrund der zeitaufwendigen Produktion immer mal wieder angepasst werden, sodass die Mühle an manchen Tagen auch geschlossen bleibt. „Unsere aktuellen Öffnungszeiten findet man immer auf unserer Homepage“, so Jürgen Zinßer. Auch für die individuelle Beratung der Kunden bleibe nur noch wenig Zeit, das müsse sich auf das Wesentliche beschränken, appelliert er an das Verständnis seiner Kunden. Trotz all dem Stress versuche man sein Möglichstes, alle gut zu versorgen. Zehn Mitarbeiter sind inklusive dem Chef derzeit im Laden, der Produktion und beim Verpacken der Waren im Einsatz. Zu Spitzenzeiten liefen Produktion und Verpacken sieben Tage die Woche bis zu zwölf Stunden täglich. Denn die Waren werden nicht nur im Mühlenladen verkauft, sondern ebenso im Online-Shop - allerdings auch mit reduziertem Sortiment - sowie an verschiedene Supermärkte und die Gastronomie geliefert. „Zusätzlich versenden wir normalerweise auch via Amazon. Das haben wir vorübergehend eingestellt, nachdem an einem Wochenende 1000 Anfragen reinkamen“, erklärt Jürgen Zinßer. Eingestellt wurden zunächst für das kommende Vierteljahr zudem alle Back- und Kochkurse der Mühle, die sich immer großer Beliebtheit erfreuen: „Entsprechend heben sich die Mehreinnahmen von 20 bis 30 Prozent aus dem aktuellen Verkauf auch direkt wieder auf.“

Thomas Rommel von der Denkendorfer Talmühle beschreibt dasselbe Szenario: „Bei uns war ‚Land unter‘. Wir wurden nur so überrannt. Deshalb hatten wir letzte Woche schon Montag, Mittwoch und Donnerstag geschlossen und mussten leider diese Woche von Montag bis Donnerstag unseren Mühlenladen schließen, um wieder Nachschub zu produzieren.“ Da sie nur zu zweit seien, sei ihnen keine andere Wahl geblieben. 16-Stunden-Schichten pro Tag seien derzeit fast normal, um die Bestände so aufzustocken. „Wir haben die Produktion der hohen Nachfrage angepasst, so gut es eben ging“, sagt Thomas Rommel. Wie sein Hochdorfer Kollege Jürgen Zinßer betont er, dass nicht das Mehl an sich knapp werde, sondern die Zeit schlicht dafür benötigt werde, um nachzuproduzieren und abzufüllen. Vereinzelt wurde es auch in der Talmühle nötig, die Mengenabgaben zu begrenzen, da manche Kunden wie auch in Hochdorf mehrere 12,5-Kilo-Säcke gekauft hätten und teils wenige Minuten später dennoch wieder im Laden standen. „Der Renner sind zusätzlich zu jeglichen Mehlen auch unsere Brotbackmischungen und Trockenhefe. Die ist momentan aber nicht zu bekommen.“

Die Lage der Mühlen in Owen und Kirchheim-Jesingen

In der Ensinger Getreidemühle in Owen ist die Nachfrage ebenfalls sehr hoch, wie Christian Ensinger berichtet. Besonders gefragt seien Weizen- und Dinkelmehl, was momentan nicht verfügbar ist und erst wieder gemahlen werden muss: „Wir brauchen derzeit die dreifache Menge an Mehl.“ An Kunden würden nur haushaltsübliche Mengen abgegeben, um das „hamstern“ zu vermeiden. Die Öffnungszeiten des Mühlenladens sind noch unverändert.

Die Sting-Mühle in Jesingen hat bisher auch zu den regulären Zeiten geöffnet. Die Kunden werden über die Homepage darauf hingewiesen, dass Mehl nur in haushaltsüblichen Mengen abgegeben wird und nicht im Vorrat gekauft werden kann. Dass auch hier gerade kaum einer Zeit zum Verschnaufen hat, zeigt die kurze Rückmeldung von Maren Sting auf unsere Anfrage: „Leider bleibe aktuell keine Zeit, die Fragen zu beantworten, denn man arbeite stets daran, die Kunden zu beliefern. Man kann nur allen Beschäftigten in den Mühlen ein gutes Durchhaltevermögen wünschen und dass sich die aktuell sehr stressige Lage bald wieder etwas entspannt.“ Wie in den Supermärkten gilt auch hier: Es ist genug vorhanden, aber es braucht Zeit, nachzuproduzieren und zu bestücken beziehungsweise auszuliefern. Je schneller die Hamsterkäufe aufhören, umso schneller gelingt das auch.eis

Anzeige