Kirchheimer Umland

„Wir leben über unsere Verhältnisse“

Natur Ein neues Einfamilienhaus am Ortsrand mit Terrasse? Wenn es nach Professor Dr. Martin Dieterich geht, soll es das nicht mehr geben. Das Thema „Flächenverbrauch“ sorgt in der Stadthalle für rege Gespräche. Von Melissa Seitz

Welche Folgen der Flächenverbrauch für die Menschen hat, machte Professor Dr. Martin Dieterich in der Stadthalle deutlich.Foto:
Welche Folgen der Flächenverbrauch für die Menschen hat, machte Professor Dr. Martin Dieterich in der Stadthalle deutlich.Foto: Jean-Luc Jacques

Ohne Boden keine Nahrung. Ohne Nahrung keine Menschen. Klingt nach einer verständlichen Schlussfolgerung. Ist laut Professor Dr. Martin Dieterich, Vorsitzender der BUND-Ortsgruppe Kirchheim, aber nicht allen bewusst. „Klimawandel ist ein ernstes Problem“, sagt der Experte, „aber es gibt ernstere, zum Beispiel Bodenschutz.“ Genau um dieses Thema ging es bei einer Podiumsdiskussion in der Kirchheimer Stadthalle. Wie sieht es aus mit dem Flächenverbrauch? Wie geht es den Landwirten? Und wie steht es um unsere Nahrung? „Schlecht“, sagt Martin Dieterich, „wir sind nicht mehr selbsternährend, immer mehr Boden wird versiegelt, und Landwirte haben nicht mehr genügend Flächen.“ Felder weichen Einfamilienhäusern oder Bauvorhaben. Natur für die Landwirtschaft oder als Naherholungsgebiet wird laut dem Agrarbiologen immer weniger.

Eine Studie aus dem Jahr 2010 macht deutlich, wie schlecht das Land sich selbst versorgen kann: „In Deutschland werden 20,2 Millionen Hektar für Nahrung benötigt, doch in Wahrheit stehen nur 14,7 Millionen Hektar zur Verfügung“, weiß der Experte. Nahrung wird aus dem Ausland importiert - zum Bedauern der Landwirte.

„Technik kann viel, aber einen technischen Ersatz für Boden gibt es nicht“, betont Martin Dieterich. Um aus dieser Zwickmühle zu kommen, gibt es für ihn nur zwei Möglichkeiten: „Wir brauchen stärkere Bodenschutzgesetze, und die Kommunen müssen ihre Freiflächen erhalten.“ Das bedeutet: Wohngeschoss über Wohngeschoss anstatt Einfamilienhaus neben Einfamilienhaus.

Aufeinander statt nebeneinander

Genau das versucht Stefan Dvorak im Amt für Stadtentwicklung und Vermessung der Stadt Reutlingen umzusetzen. „Früher hatte Reutlingen eine starke Textilindustrie“, erklärt der Amtsleiter. Diese leeren Flächen werden nun sinnvoll und platzsparend genutzt. Arbeit, Wohnsitz und Einkaufsmöglichkeiten rücken immer näher zusammen. „Der Trend geht immer mehr zum städtischen Leben“, erklärt Stefan Dvorak. Auch die Nachbarstadt Tübingen zeigt mit ihrer Südstadt, dass Boden sinnvoll genutzt werden kann. Hier gibt es Arbeitsplätze, Wohnungen und Supermärkte auf engstem Raum.

Aber Stefan Dvorak weiß auch, dass viele Flächen mitten in den Städten leer bleiben, weil ihre Besitzer sie nicht rausrücken wollen. Den Bauplanern bleibe dann nichts anderes übrig, als auf die Umgebung rund um die Stadt auszuweichen.

Einen ganz anderen Blick auf die Dinge hat Siegfried Nägele. Er ist Förster und Landwirt in Bissingen und weiß, was die Versiegelung des Bodens für Bauern bedeutet: „Ein landwirtschaftlicher Betrieb ernährt 140 Menschen.“ Gibt es nicht genügend Boden, können die Landwirte nichts produzieren. „Und dann greifen wir auf Lebensmittel aus dem Ausland zurück. Das ist ziemlich arrogant von uns“, stellt der Bissinger fest.

Ein Dorn im Auge: Stuttgart 21

Ein Musterbeispiel für wahren Flächenverbrauch sieht Steffen Siegel von der Schutzgemeinschaft Fildern im Stuttgarter Flughafen- und Messegelände. „Früher hätte man so etwas mit Schwertern und Flammen bekämpft“, sagt er. Das Projekt „Stuttgart 21“ ist ihm ebenfalls ein Dorn im Auge. Er bezeichnet es als „das schädlichste Projekt, das man sich vorstellen kann“. Fortschritt und Wachstum haben für Steffen Siegel nur negative Folgen: „Wir müssen andere Prioritäten setzen und zum Beispiel landwirtschaftliche Reservate errichten.“ Für ihn ist klar, der Mensch zerstört den Boden, ohne auf die Folgen zu achten. „Wir leben über unsere Verhältnisse“, stellt Steffen Siegel fest.

Wenn es um „Stuttgart 21“ und Modernität geht, weiß Thomas Kiwitt vom Verband Region Stuttgart, wovon er redet. „Mobilität wird doch von der Bevölkerung verlangt“, entgegnet er Siegel. Auch wenn es um eine effektive Innenplanung geht, tut sich seiner Meinung nach einiges in der Landeshauptstadt. „Schauen Sie sich das Porsche-Werk in Zuffenhausen an“, sagt der Stuttgart-Experte. Dort sei alles sehr zentriert und „pickepackevoll“, anders sehe es im Porsche-Werk in Leipzig aus. „In der Region Stuttgart versuchen wir, flächensparend zu arbeiten.“

Auch im Plenum merkte man deutlich: Dieses Thema ist ein Aufreger, Lösungen sind noch nicht in Sicht. „Wir halten uns doch für so erfinderisch, also lasst uns das in der Innenentwicklung sein“, fordert Martin Dieterich.

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