Kirchheimer Umland

Wozu in die Ferne schweifen?

Im Hain der Kulturen genießen Kirchheimer die grüne Freiheit mitten in der Stadt

Zwischen Fachwerk und ­kleinen Grasinseln suchten Kirchheimer lange vergeblich nach einem größeren Flecken Grün. Mit dem Hain der Kulturen gibt es seit vergangenem Sommer einen Park, der die Natur in die Stadtmitte bringt. Der Teckbote hat sich ein Stimmungsbild ­gemacht.

Kirchheim. „Keks, komm her!“, ruft Sven aus Kirchheim. Aber Keks ist schon über alle Berge. Entfesselt tollt er über die grüne Wiese, springt seinen Besitzer an und läuft dann wieder fort zu seinen Artgenossen. Sven schaut ihm lächelnd nach und erzählt, er komme oft mit dem Hund hierher. Seine Frau Anka stimmt ihm nickend zu: „Wenn weniger Leute da sind, ist es super hier. Dann kann man den Hund problemlos auch mal von der Leine lassen.“ Ansonsten gibt es dazu für den Hund nämlich wenig Gelegenheit.

Anzeige

So kommt es, dass die Hundebesitzer wohl die treuesten Besucher des Parks sind: „Bei schönem Wetter ist viel los, bei Regen sieht man oft nur die Gassigeher mit ihren Kapuzen“, erzählt Anka. Der Hain der Kulturen ist ihr persönlicher Ersatz für die Bürgerseen, die ihr viel zu weit weg sind. Auch Tochter Aimée hat den Wert des Parks ganz in der Nähe von zu Hause schon erkannt und kommt oft mit Freunden her, um auf der Wiese zu quatschen. „Da weiß man, dass sie irgendwo in der Nähe ist“, kommentiert Mutter Anka glücklich. Auch Ilse Ortloff und Isolde Wittmann halten dem Hain der Kulturen die Treue – „im Winter wie im Sommer“, sagt Ilse Ortloff lachend. Sie kommt hier immer vorbei, wenn sie beim Marktkauf einkaufen war. Auf dem Weg in die Stadt zum Eisessen, ruhen die beiden Seniorinnen ihre „alten Knochen“ auf einer Bank aus. „Herrlich!“, ruft Isolde Wittmann.

Die Stadt hat das Grundstück gekauft, um auf dem ehemaligen Gelände des Pädagogischen Fachseminars wieder einen Park zu errichten. Die Gebäude wurden nicht mehr gebraucht und abgerissen. So machten die Bagger Platz für mehr Grün mit Blick aufs schöne Lauterblau. Das Ufer wurde freigelegt und ermöglicht nun den Zugang zum Wasser. Die Idee des „blauen Ypsilons“ rückt ein Stück näher: Die zwei Flüsse der Stadt sollen wieder zu stadtprägenden Linien werden.

Max und Lotta haben schon längst Gefallen an dem rauschenden Bach gefunden. Sie laufen im Wasser he­rum und spritzen um sich. „Das hat schon was“, meint Max, der gemeinsam mit Lotta auf andere Freunde wartet. In der Stadtmitte ist der Park seine Nummer eins. Alternativen? „Höchstens zu Hause in Lindorf.“ Lotta stimmt ihm zu: „Wenn man nicht gerade ins Freibad will, ist das der beste Platz.“

Thomas Monz hat seine Kinder Leo und Ella und Kumpel Felix Bercht­holt gleich mit dem Fahrrad aus Schlierbach mitgebracht – zwar eigentlich, um in die Eisdiele zu gehen, aber auf der Suche nach einem schönen Platz zum Spielen kam ihnen der Park an der Lauter ganz gelegen. Thomas Monz findet ihn „schön angelegt“ und hat nur eine kleine Anregung: „Ein Wasserspielplatz für die Kinder wäre cool, aber ich will mich ja nicht beschweren.“

Etwas bescheidener ist Gerd vom Schafhof. Zu seinem Glück fehle ihm nur noch eine Flasche Rotwein, ein Baguette und ein bisschen Käse – „dann wär die Stimmung perfekt.“ Er und Ehefrau Christa führen ihren Enkel Theo im Buggy spazieren und verweilen ein paar Minuten auf einer Bank am Weg. „Wir laufen hier oft durch“, erzählt Christa: „Erst holen wir den Kleinen von der Kita ab und gehen ein bisschen spazieren, anschließend gibt‘s dann noch ein Eis in der Stadt.“ Für Gerd gleicht das jedes Mal einem Abstecher in die Natur – „Wozu in die Ferne schweifen?“, fragt er. „Das ist wie die Schwäbische Alb vor der Haustür.“

Auf einer anderen Bank sitzen Anita, Laura und Dafina unter einem der großen Bäume, die den Park schmücken. Neben einigen sind kleine Schilder angebracht, mit kurzen Sprüchen verziert: „Für den Baum macht es keinen Unterschied, wer in seinem Schatten sitzt“, steht da zum Beispiel. Oder: „Die beste Zeit einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt.“ Dass vor weit über zwanzig Jahren jemand diesen Baum gepflanzt hat, freut die 15-Jährigen. Sie sitzen im Schatten und beobachten Leute, reden über dieses und jenes und entspannen. „Am schönsten ist es gegen 5 Uhr am Nachmittag, wenn die Sonne weg ist“, findet Anita: „Dann ist es etwas kühler.“

Als Barbara Groß und Katharina Neubauer im Park Frisbee spielen wollen, nieselt es schon. Aber das macht ihnen nichts aus. Barbara Groß ist in den Semesterferien aus Wien zu Besuch bei ihren Eltern in Ötlingen. „So eine Grünfläche hat Kirchheim gefehlt“, meint sie. Die Klosterwiesen seien viel zu weit weg.

Fotos: Jean-Luc Jacques

Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärten
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärte
Umfrage; Hain der Kulturen - Bürgerpark Herrschaftsgärte

Alles ruhig im Hain der Kulturen

Zu Beginn der Planungen des neuen Bürgerparks in der Kirchheimer Stadtmitte gab es einige Bedenken: Das Gelände der ehemaligen Herrschaftsgärten könnte sich zu einem Pol für Ruhestörer, sogar zum Drogenabschlagsplatz entwickeln. Der Leiter des Kirchheimer Polizeireviers Thomas Pitzinger relativiert die Befürchtungen: Der Bereich würde bei den Polizeistreifen genauso mit einbezogen werden wie andere Gegenden, sei aber „überhaupt nicht auffällig oder problematisch“. Im Gegenteil sogar: „Der Park wird sehr gut angenommen“, beteuert Pitzinger. „Wenn es mal zu laut wird oder es andere Probleme gibt, sprechen wir mit den Leuten. Dann hat sich das meistens sofort erledigt.“mona