Kirchheimer Umland

„Zur Kenntnis nehmen, was geschah“

Schlossgymnasium erinnert mit der Geschichte von Renate Reutlinger an den Holocaust

Einen „historischen Moment“ erlebten Neuntklässler des Kirchheimer Schlossgymnasiums am gestrigen Holocaust-Gedenktag: Sie sahen ein Skype-Interview mit Renate Breslow, der letzten verbliebenen Zeitzeugin aus Kirchheim. Vor 77 Jahren war ihr gemeinsam mit ihrer Mutter die abenteuerliche Flucht in die USA gelungen.

Holocaust-Gedenktag im Schlossgymnasium
Holocaust-Gedenktag im Schlossgymnasium

Kirchheim. Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erinnerte sich gestern in der Mensa des Schlossgymnasiums an ihre eigene Schulzeit, als die unterrichtete Geschichte 1933 aufhörte und erst 1945 weiterging. An die Neuntklässler gewandt, sagte sie: „Ich bin froh, dass es seither einen Wandel in unserer Gesellschaft gegeben hat und dass es hier am Schlossgymnasium schon seit Jahrzehnten Tradition ist, am 27. Januar an den Holocaust zu erinnern.“

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Einen wichtiger Wendepunkt für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus sei die Rede Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 gewesen. Aus dieser Rede zitierte die Oberbürgermeisterin Sätze, die direkt mit dem Gedenken an die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie zu tun haben: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.“ Allzu viele Menschen hätten damals und auch in den Jahrzehnten danach versucht, „nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah“.

Für diese Worte Richard von Weizsäckers ist Angelika Matt-Heidecker bis heute denkbar. Denn auch aus Kirchheim sind Menschen deportiert worden. Kirchheim habe damals rund 13 000 Einwohner gehabt. Jeder habe jeden gekannt. Und doch durfte beispielsweise Kurt Vollweiler plötzlich nicht mehr mit seinen Kameraden Fußball spielen, weil er Jude war. Von diesem Fall habe ihr Vater immer wieder erzählt, berichtete die Oberbürgermeisterin gestern.

Ähnlich war es Renate Reutlinger ergangen, die heute Renate Breslow heißt und die seit nahezu 80 Jahren in den USA eine neue Heimat hat. Den ersten Besuch in der alten Heimat, in Kirchheim, machte sie 1994, 55 Jahre nach der Flucht. Damals war sie – als Erstklässlerin – von allen Freunden verlassen worden. Weil sie Jüdin war, durfte sie von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Schule gehen. Alle ihre Klassenkameraden mussten den Kontakt zu ihr abbrechen. Auch ihre beste Freundin Marianne sah sie nie mehr wieder. Das lag aber nicht an Marianne, sondern an deren Vater. Der hatte die Tochter mit einem Gürtel geschlagen, bis sie ihm versprach, sich nie wieder mit Renate zu treffen.

Markus Ocker, der seit vielen Jahren zum Organisations-Team des Holocaust-Gedenktags am Schlossgymnasium gehört, nannte Renate Breslow die „letzte lebende, ansprechbare Zeitzeugin aus Kirchheim“, die den Holocaust noch am eigenen Leib erfahren habe. Vergangenes Jahr habe sie sich über Brigitte Kneher – die Erforscherin der jüdischen Geschichte Kirchheims – an das Schlossgymnasium gewandt, um in Kontakt mit deutschen Schülern zu kommen, in Kirchheim, der Heimatstadt ihrer Kindheit. So kam es nun zum Skype-Gespräch, das fünf Tage zuvor geführt und aufgezeichnet worden war. Der Artikel unten geht ausführlicher auf dieses Interview ein.

Brigitte Kneher fasste anschließend kurz die Geschichte der Juden in Kirchheim zusammen, die vor rund 120 Jahren begonnen hatte, mit acht Familien – vor allem Viehhändler und Kaufleute: „Sie haben sich hier schnell integriert. Sie waren in Vereinen aktiv und haben am gesellschaftlichen Leben teilgenommen. Von den Kindern waren viele auf dem Realgymnasium, der Vorgängerschule des heutigen Schlossgymnasiums.“

Unmittelbar nach Hitlers „Machtergreifung“ Ende Januar 1933 hätten die Repressalien gegen Juden begonnen, auch in Kirchheim. Dazu gehörten die Boykotte jüdischer Läden, eben auch des Weiß- und Wollwarengeschäfts von Renates Eltern in der Alleenstraße. 1938 schließlich, nach der „Reichspogromnacht“, sei es für deutsche Juden nur noch da­rum gegangen, ihr Leben durch Auswanderung zu retten. Von 13 Kirchheimer Juden, die verschleppt worden waren, hätten nur zwei überlebt. Bereits 1941 habe die Stadt Kirchheim verkündet, „judenrein“ zu sein.

Heute erinnern Stolpersteine an die Kirchheimer Juden, die in der Nazizeit ums Leben kamen, auch vor dem Elternhaus Renate Breslows gegenüber vom Amtsgericht. Und das Schlossgymnasium erinnert in Kirchheim jedes Jahr am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, an den Holocaust und dessen Opfer.

Markus Ocker führte gestern zum Holocaust-Gedenktag am Schlossgymnasium in die Geschichte des Kirchheimer Mädchens Renate Reutli
Markus Ocker führte gestern zum Holocaust-Gedenktag am Schlossgymnasium in die Geschichte des Kirchheimer Mädchens Renate Reutlinger ein. Auf dem Schulhof erinnerten Kerzen an den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.Foto: Jean-Luc Jacques