Kirchheimer Umland

Zweimal Geburtstag feiern

Organspende Torsten Klein lebt seit 30 Jahren mit einer Spenderleber. Die Transplantation ermöglicht ihm heute ein normales Leben. Von Katja Eisenhardt

Torsten Klein genießt sein Leben. Nächster Stopp: Australien.Fotos: Katja Eisenhardt/Carsten Riedl
Torsten Klein genießt sein Leben. Nächster Stopp: Australien.Fotos: Katja Eisenhardt/Carsten Riedl

Torsten Klein aus Notzingen hat zweimal im Jahr Geburtstag. Am 1. Mai wird er 48 Jahre alt, doch Grund zu feiern gibt es jährlich bereits am 18. Februar. An diesem Tag - vor mittlerweile 30 Jahren - bekam Torsten Klein eine neue Leber. Mit 17 Jahren. Ohne die Organspende hätte er seinen 18. Geburtstag nicht erlebt.

Sommer 1986: Am 1. August begann der damals 17-Jährige seine Ausbildung zum Modellbauer, „davor bin ich mit meinem Vater noch mit dem Fahrrad an den Bodensee und zurück gefahren. Mir ging es gut, bis auf die plötzlich geschwollenen Füße“, erinnert sich Klein. Gedacht habe er sich dabei erstmal nichts, schließlich hatte er gerade die Tour hinter sich. „Meiner Mutter war allerdings nicht wohl dabei, sie hat mich zum Hausarzt geschickt. Ich hatte dann zusätzlich auch etwas gelbe Augen.“

Der erste Verdacht: Hepatitis. „Mein Hausarzt schickte mich nach Nürtingen in die Klinik“, erzählt der 47-Jährige. Von da an nahm die Krankengeschichte ihren Lauf. „Ich war gut drei Wochen im Nürtinger Krankenhaus. Dort wurde festgestellt, dass ich an Morbus Wilson erkrankt bin.“ Aufgrund eines fehlenden Enzyms wird das über die Nahrung aufgenommene Kupfer nicht gebunden und kann nicht ausgeschieden werden. Das führt dann zur Leberzirrhose.“

Morbus Wilson ist eine Erbkrankheit, die auch mehrere Generationen überspringen kann. „Wir hatten vor der Diagnose noch nie davon gehört und haben angefangen zu recherchieren, ob das sonst auch jemand in der Familie hatte oder gefährdet ist. Ohne Ergebnis.“

Die Nürtinger Ärzte überwiesen ihren jungen Patienten zu den Spezialisten in das Tübinger Universitätsklinikum. Die Krankheit mit einer medikamentösen Therapie in den Griff zu bekommen, scheiterte. Er habe anfangs nicht wirklich begriffen, wie kritisch sein Zustand war: „Körperlich ging es mir zu dem Zeitpunkt eigentlich so weit gut, ich hatte keine Schmerzen, die Blutwerte waren halt schlecht. Als man mir dann im Januar 1987 sagte, ich bräuchte dringend eine Organspende, um überleben zu können, musste ich das erstmal begreifen“, beschreibt Torsten Klein die damalige Situation.

Familie und Freunde waren stets an seiner Seite. „Das war unheimlich wichtig. Auch, dass es mir ermöglicht wurde, zumindest ab und zu mal heimzudürfen: am Wochenende oder als meine Nichte geboren wurde. Sonst packst du das psychisch alles nicht.“

Dann ging alles sehr schnell: Der 17-Jährige wurde relativ weit oben auf die Warteliste gesetzt, denn die Zeit drängte. Am 18. Februar 1987 war es schließlich so weit, eine passende Leber war vorhanden. Es folgte eine zwölfstündige Operation: „Wenn du in den OP gefahren wirst, wird dir schon plötzlich bewusst, dass das jetzt auch in die Hose gehen kann.“ Ging es aber nicht. Er war der damals siebte Patient, der in Tübingen eine neue Leber bekam. Nach einer zunächst kritischen Zeit auf der Intensivstation wurde der 17-Jährige anschließend auf der Normalstation nach und nach wieder aufgepäppelt und mobilisiert. Am 6. Mai, fünf Tage nach seinem 18. Geburtstag, ging es endlich nach Hause nach Notzingen.

Dort sitzt Torsten Klein nun 30 Jahre später an seinem Esstisch, und man kann sich nicht vorstellen, dass er einmal todkrank war. „Ich habe das große Glück, dass meine Leber bis auf die Anfangsschwierigkeiten auf der Intensivstation bis heute problemlos funktioniert. Ich habe im Prinzip keine Einschränkungen und kann ein völlig normales Leben führen - arbeite als Maschinenbaumechaniker, bin seit vielen Jahren bei den Maltesern aktiv, fahre Rad und reise gerne.“

Fettiges Essen und Alkohol seien Dinge, die man als Lebertrans-plantierter besser weglassen oder sehr sparsam zu sich nehmen sollte, das sei aber kein Problem. „Ich stehe nicht jeden Morgen auf und überlege mir, was passieren könnte. Natürlich ist einem das aber bewusst, dass nichts selbstverständlich ist und wie schnell es manchmal gehen kann“, betont Torsten Klein. „Im Prinzip bin ich heute schon 30 Jahre im Plus.“

Ob er besondere Wünsche hat? „Eigentlich nicht. Ich hoffe einfach, dass ich weiterhin normal leben kann. Das aktuelle Großprojekt ist die Planung einer vierwöchigen Australienreise über Silvester. Wir waren 2014 schon dort, und es war einfach toll.“ Ansonsten ist dem Notzinger wichtig, dass das Thema Organspende noch mehr ins Bewusstsein der Leute rückt: „Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand für sich entscheidet, dass das nichts für ihn ist. Aber zumindest sollte man sich erstmal Gedanken da­rüber machen und mit der Familie drüber reden. Es gibt schlichtweg nach wie vor lange Wartelisten und zu wenig Organe, die Leben retten könnten.“

OrganspendeausweisOrganspede
OrganspendeausweisOrganspede
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