Lenninger Tal

320 Kilo Kalk verlassen minütlich die Alb

Geologie Über Generationen hinweg war das Juragestein der Schopflocher Alb in vielen Gemeinden ein zentraler Baustoff. In Gutenberg wurde das Material auch im Flussbett der Lauter abgebaut. Von Daniela Haußmann

Mehrere dieser „Alb-Eier“ sind am Ortseingang von Schopfloch zu betrachten.Foto: Daniela Haußmann
Mehrere dieser „Alb-Eier“ sind am Ortseingang von Schopfloch zu betrachten. Foto: Daniela Haußmann

Unscheinbar und versteckt im hohen Gras liegen im Schatten des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb (NAZ) drei Eier. Stattliche 320 Kilo bringt jedes von ihnen auf die Waage. Wer jetzt denkt, dass hier das prähistorische Gelege eines Dinosauriers aufgetaucht ist, irrt sich. Die ovalen Objekte sind Teil einer Ausstellung, die 1999 unter dem Titel „Der große Alb-Gang“ eröffnet wurde. Jedes Ei veranschaulicht die Masse an Kalk, die dem Gestein der Schwäbischen Alb pro Minute durch Kalkauflösung entzogen wird, wie der Dettinger Geologe Dr. Roland Krämer weiß.

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Die von der Künstlerin Renate Hoffleit geschaffenen Skulpturen thematisieren damit einen Prozess, der gemeinhin als Verkarstung bekannt ist. Von ihm haben Generationen von Gutenbergern beim Bau ihrer Häuser profitiert. Vor rund zweieinhalb Millionen Jahren ist das Flusssystem der Lauter entstanden. Seit dieser Zeit hat sich dem NAZ-Landschaftsführer und Geologen Dr. Wolfgang Roser zufolge in dem Gewässer Kalk aus der Alb abgelagert. Und zwar in einer Mächtigkeit, die ihn als Baumaterial attraktiv machte. Nicht nur, weil der Rohstoff direkt vor der Haustüre lag, sondern weil er laut Roland Krämer auch einfach zu bearbeiten war.

Als Baustoff geeignet

„Im nassen Zustand ist Kalktuff nämlich weich und lässt sich deshalb leicht mit der Eisensäge zuschneiden“, klärt der Fachmann auf. „Beginnt das Material zu trocknen, kristallisiert der Kalk durch den Wasserverlust aus.“ Wegen seiner Eigenschaften war Kalktuff in früheren Jahrhunderten ein beliebter Baustoff. „Das Gestein ist hart und porös. Es isoliert daher hervorragend“, weiß Dr. Wolfgang Roser. Er weist darauf hin, dass in Gutenberg noch immer Gebäude existieren, die vor Jahrhunderten aus den Baustoffen entstanden sind, die die Menschen im Flussbett der Lauter fanden. Heute ist der Kalktuffabbau nur noch für die Restaurierung historischer Bauwerke gestattet, das Gestein steht unter Schutz.

Die Verkarstung ist zwar ein fortlaufender Prozess, der nach wie vor zu Kalkablagerungen in der Lauter führt. „Allerdings liefert die Natur das Material nicht so schnell und in der Menge nach, wie es heutzutage notwendig wäre“, gibt Roland Krämer zu bedenken. Wie mächtig die Kalkablagerungen in der Lauter waren, lässt sich nur abschätzen. In Seeburg im Ermstal beispielsweise lassen sich nach Auskunft des Geologen bis zu 20 Meter dicke Schichten nachweisen. „Ganz Gutenberg liegt im Grunde auf einer Kalktuffplatte. Daher ist davon auszugehen, dass hier ebenfalls Gesteinspakete in dieser Größenordnung lagerten“, resümiert Krämer, der auf eine Studie am Uracher Wasserfall verweist.

Dort wurden Proben entnommen, die gezeigt haben, dass dort jährlich 555 Tonnen Jurakalk von der Alb Richtung Neckar und Rhein abtransportiert werden. „Circa 60 Tonnen davon bilden und erhalten aber die lokalen Kalktuffterrassen“, so Roland Krämer. Zur Verkarstung kommt es im Übrigen, weil Regen aus Luft und Umgebung Kohlendioxid aufnimmt. Dabei entsteht eine schwach saure Lösung, die durch Risse des Jurakalks fließt, aus dem die Alb besteht. Das kohlensaure Wasser löst das Gestein langsam auf. Das Karstwasser der Weißen Lauter nimmt auf seinem Weg von Schopfloch durch das Innere der Alb bis ins Tal Kalzium aus dem Gebirgskörper auf. Unten in der Lauter zerfällt der Mix aus Kohlendioxid, Kalzium und Wasser teilweise wieder in Kalk, sobald sich das Kohlenstoffdioxid verflüchtigt.

Das Ergebnis dieses Prozesses hat Renate Hoffleit mit den „Alb-Eiern“ visualisiert. Die sind übrigens nicht nur am NAZ ausgestellt. Einige der insgesamt 38 Objekte liegen am Ortseingang von Schopfloch auf Höhe der Firma Diez.

Kalktuff und Klimawandel

Die Verkarstung, die im Geopark Schwäbische Alb viele Naturdenkmäler hervorgebracht hat, ist auch temperaturabhängig. Die Ausfällung und Ablagerung des Kalktuffs vollzieht sich im Sommer stärker als im Winter, denn je weiter das Quecksilber nach oben steigt, desto schneller verflüchtigt sich das Kohlendioxid aus dem Kalkwasser, das Kalk aus dem Juragestein der Alb herausgelöst hat. Mit Blick auf den Klimawandel könnte es im Albvorland zu stärkeren Kalkablagerungen kommen, folgert Geologe Roland Krämer: „An den Sinterterrassen im Bachbett am Ortsrand von Gutenberg wird sich künftig also mehr Material ablagern.“dh