Lenninger Tal

Ab sofort heißt’s an Silvester „rosch haschana“

Musik Gedichte, Geschichten und Anekdoten: Klezmer stößt im Oberlenninger Schlössle auf großes Interesse.

In Aktion: Stefan Lipka, Gerold Schwarz und Doris Lipka
In Aktion: Stefan Lipka, Gerold Schwarz und Doris Lipka. Foto: Gabriele Böhm

Lenningen. Jiddische Klänge und kurzweilige Geschichten - im Oberlenninger Schlössle hat die traditionelle Volksmusik für Begeisterung gesorgt. Doris Lippka am Hackbrett, Stefan Lippka am Klavier und Gerold Schwarz an der Klarinette entführten das Pub­likum in eine andere Welt. Ev Dörsam, Leiterin der Gemeindebücherei und des Museums, las zusammen mit Bibliotheksmitarbeiter Löffler kulturhistorische Texte, Gedichte und Anekdoten, die von Gerold Schwarz zusammengestellt worden waren. Veranstalter war die Bücherei zusammen mit dem „Förderkreis Schlössle“. Die 60 Plätze waren im Nu ausverkauft. Weitere Gäste nahmen sogar einen Gangplatz in Kauf.

„Ich war Religionslehrer und habe auch Hebräisch studiert“, sagte Gerold Schwarz. „So bin ich irgendwann auf den Klezmer gestoßen.“ Auch die jüdische Kultur interessiere ihn sehr. Klezmer sei eine in Mittel- und Osteuropa über Jahrhunderte gewachsene Musikkultur, die in der jüdischen Siedlung, dem „Schtetl“, oder im Ghetto entstanden sei und mit der Schoah, der Vernichtung der Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft, weitgehend zerstört wurde. Spontan widmete Löffler den Abend dem einstigen Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan, der aufgrund seiner mutigen Predigten gegen Nazis und Judenverfolgung suspendiert worden war.

„Klezmer ist eine Gebrauchs- und Festmusik, die allen Gefühlen gerecht wird“, so Ev Dörsam. Das Publikum erlebte „Nanis Valse“, „Jankele“ oder „Stempenjus Fiedel“, tänzerische Stücke von ausgelassener Fröhlichkeit und geprägt durch den lebensfrohen Chassidismus. Doch immer schwang auch Melancholie mit, in der die Zeiten von Verfolgung und Unterdrückung zum Ausdruck kamen. Doch auch der Humor kam nicht zu kurz. „A Ganef“ beschrieb einen Gauner, dessen Lachen und Fortrennen die Instrumente deutlich hören ließen. In ihrer großen Wandlungsfähigkeit schien die Klarinette stellvertretend für die menschliche Stimme seine Geschichte zu erzählen. „Song for two“, ein moderner Klezmer, erzeugte in hohen und tiefen Sequenzen Bilder von Frau und Mann, die sich im Tanz drehen.

Mal mühsam, mal sorglos und hoffnungsfroh erklang „Unter einer Wolke“, das von der Erscheinung Gottes berichtete, der das Volk Israel durch die Wüste führte. „Ose Schalom“ bat um Frieden. Immer wieder waren bei den mitreißenden Melodien wippende Fußspitzen im Publikum zu sehen. Erstauntes Gemurmel gab es, als die Gäste erfuhren, dass geläufige Ausdrücke wie Beize, Schlamassel und Zoff aus dem Jiddischen stammen und dass der „Gute Rutsch“ zu Neujahr auf das hebräische „rosch haschana“ zurückgeht. Jiddische Geschichten, oft entlarvend, mit einem Augenzwinkern und mit dem Rabbi als Helden, sorgten für Gelächter.

„Shalom Alechem“ begrüßte zum Abschluss die Engel des Friedens. Zusammen mit dem Publikum wurde als Zugabe „Hevenu Schalom Alechem“ gesungen.Gabriele Böhm

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