Lenninger Tal

Abtauchen in die Unterwelt

Ausflugstipp Die historische Karls- und Bärenhöhle auf der Schwäbischen Alb sind einen Besuch wert.

Das Skelett eines Jungbären steht stellvertretend für viele Bären­generationen in der Höhle.Foto: Gabriele Böhm
Das Skelett eines Jungbären steht stellvertretend für viele Bären­generationen in der Höhle. Foto: Gabriele Böhm

Region. Im Mai 1834 suchte der Erpfinger Lehrer Karl Wilhelm Fauth Heilkräuter und fand dabei eher zufällig eine Höhle, die heute zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten auf der Schwäbischen Alb zählt: Die Karlshöhle und die sich anschließende Bärenhöhle. Die etwa 10 bis 15 Millionen Jahre alten Höhlen haben inzwischen auch problemlos die Corona-Krise überstanden und sind daher wieder regelmäßig geöffnet.

Fauth war wohl einst seine Tabak­dose in eine Felsspalte gerutscht. Da musste er natürlich hinterher, obwohl die Spalte viel tiefer war als gedacht. Über eine Strickleiter ließ Fauth sich hinab und erschrak nicht schlecht: Er war auf einem Berg von rund 50 menschlichen Skeletten gelandet. „Man vermutet, dass es sich um Pest­tote aus dem 30-jährigen Krieg handelte, die man einfach durch das Loch hinuntergeworfen hatte“, ­erzählt Ernst Cyprianus, Höhlenführer in bereits zweiter Generation.

Unter den Skeletten fand man prähistorischen Schmuck sowie Gefäßscherben. Zudem gab es eine steinzeitliche Feuerstelle mit weiteren Funden menschlicher Präsenz vor 8000 Jahren. Am spektakulärsten sind jedoch Knochen des Höhlenbären. „Die Bären haben hier vor rund 130 000 Jahren gelebt, die letzten noch vor rund 16 000 Jahren“, klärt Cyprianus auf. Ein solcher Bär habe 1500 Kilogramm gewogen und sei aufgerichtet rund 3,60 Meter groß gewesen. „Als reiner Vegetarier fand er in der letzten Eiszeit keine Nahrung mehr und starb deshalb aus.“ Heute gehe man davon aus, dass die Bären nicht dauerhaft in der Höhle lebten, sondern sie als ­Winterquartier, Wurfplatz und Sterbestätte nutzten. An den Wänden zeigt Cyprianus den sogenannten „Bärenschliff“, eine glattpolierte Stelle im Fels, an der die Bären sich wohlig geschabt haben sollen.

An der Höhlendecke finden sich auch noch die Spuren von Tropfsteinen, die der Bach bei Hochwasser abgeschliffen hatte. Immer noch dringt auch von oben Wasser in die Höhle ein. Es bringt Kalk mit, der sich an Felsen ablagert, sie „glasiert“ oder regelrechte Sintervorhänge bildet.

Kaum war die rund 168 Meter lange Höhle entdeckt, legte man für den Tourismus einen bequemen Eingang sowie Wege an. „Die Höhle wurde damals viel zu schnell zugänglich gemacht“, bedauert Cyprianus. Neugierige plünderten die archäologischen Funde, gingen barbarisch mit den Knochen um und schlugen Tropfsteine als Souvenir ab. „Wir haben auch schon mal ein Paket mit Tropfsteinen bekommen, die jemand beim Entrümpeln eines Dachbodens gefunden hat.“ Erforscht sei die Höhle noch lange nicht, große Teile des Schutts seien unberührt.

1949 beobachtete ­Höhlenführer Karl-August Bez aus Erpfingen, dass Fledermäuse durch ein Loch in der Höhlenwand ver­schwanden. Er klettere hinauf, bewegte sich meterweit kriechend weiter und gelangte in eine Tropfsteinhalle, die ihm den Atem verschlug. Der neue Höhlenteil wurde „Bärenhöhle“ benannt.

Zwischen beiden Höhlen, die ursprünglich zusammengehörten, wurde wieder ein Durchbruch geschaffen. „Als Ausgang ­verwendete man aber nicht die natürliche, nördliche Öffnung durch den Bach“, erklärt Cyprianus. „Denn da wären Besucher ja auf Un­dinger Gebiet herausgekommen und man hätte die Eintrittsgelder teilen müssen.“ Stattdessen wurde auf Erpfinger Gemarkung ein Stollen angelegt, über den Besucher auf 37 Stufen wieder ans Tageslicht gelangen. Gabriele Böhm

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