Lenninger Tal

„Alle müssen Rücksicht nehmen“

Interview Dr. Franziska Harich ist die neue Leiterin des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb. Die Agrarbiologin begreift es als Herausforderung, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Von Anke Kirsammer

Franziska Harich mag auch die raue Seite der Alb, wie das Schneetreiben an diesem Morgen. Foto: Carsten Riedl
Franziska Harich mag auch die raue Seite der Alb, wie das Schneetreiben an diesem Morgen. Foto: Carsten Riedl

So manches erinnert Franziska Harich an ihrem neuen Arbeitsplatz an ihre Heimat, den Hochschwarzwald. Der Schnee beispielsweise, der die Landschaft um das Naturschutzzentrum Schopflocher Alb an diesem Morgen in ein weißes Kleid hüllt. Vor einem halben Jahr hat die 32-Jährige die Geschäftsführung des Zentrums von Dr. Wolfgang Wohnhas übernommen, der die Einrichtung seit 1996 geleitet hatte.

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Sind Sie auf der Schwäbischen Alb angekommen?

Dr. Franziska Harich: Ich finde es hier toll. Jeden Tag entdecke ich, wie schön die Alb ist. Die Stimmung ist immer anders. Mal herrscht Schneetreiben wie heute, während im Tal alles grün ist, es gibt wunderbare Sonnenuntergänge, und wir haben eine vielfältige Landschaft. Drei Jahreszeiten habe ich schon erlebt. Jetzt fehlt nur noch das Frühjahr. Ich freue mich auf die Blüte in den Streuobstwiesen, durch die ich jeden Morgen fahre.

Seit August ist das Naturschutzzentrum Ihre Wirkungsstätte. Ist Ihr Büro eingerichtet?

Ich habe so viel Arbeit, dazu blieb noch keine Zeit. Die Fotos an der Wand wie der Wanderfalke stammen noch von meinem Vorgänger. Dr. Wohnhas mag Vögel und Wildbienen. Ich begeistere mich für die gesamte Natur, ganz besonders aber für die Säugetiere.

Deshalb der Elefant aus Holz auf dem Fensterbrett?

Ja, den hat mir einer der Betreuer meiner Doktorarbeit aus einem Stück Flügelnuss geschnitzt. Ich mag Elefanten. Mit ihnen habe ich mich während meiner Promotion im Rahmen eines Forschungsprojekts in Thailand beschäftigt.

Was waren Ihre Aufgabenschwerpunkte in den ersten Monaten?

(Lacht). Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Unsere Aufgaben hier sind sehr vielfältig. Das reicht von der Besucherinformation über die Umweltbildung bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Das Naturschutzzentrum fungiert als Infostelle für das Biosphärengebiet Schwäbische Alb und den Geopark. Wir betreuen die drei Naturschutzgebiete Schopflocher Moor, Randecker Maar und das Obere Lenninger Tal mit Seitentälern. Zusätzlich laufen im Hintergrund Projekte.

Zum Beispiel?

Kürzlich hatten wir in Kooperation mit der Naturschutzjugend Stuttgart eine Veranstaltung mit Studenten zum „grünen Wegenetz“. Dabei geht es um Korridore für Wildtiere. Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg hat entsprechende Karten erstellt. Wir überprüfen jetzt stichprobenartig auf der Alb, ob die eingezeichneten Biotop-Verknüpfungen in der Realität praktikabel sind, oder ob ein Weg gar nicht durchgängig ist, weil er vielleicht durch den Zaun eines Schrebergartens unterbrochen wird.

Was sind für Sie die Highlights, die Sie bislang im Naturschutzzentrum erlebt haben?

Ein großer Erfolg war der Bauernmarkt im September. Da hatten wir bei herrlichem Wetter 4 500 Besucher. Eine große Veranstaltung war außerdem der Landschaftspflegetag im Schopflocher Moor.

All das gibt es also weiterhin?

Natürlich. Dazu gehören auch drei bis vier Wechselausstellungen pro Jahr. Wir möchten unseren Besuchern neben der Dauerausstellung immer wieder etwas Neues bieten. Demnächst kommt unser neues Jahresprogramm heraus. Insgesamt stellen wir um die 150 Veranstaltungen auf die Beine.

Trägt das neue Programm denn schon Ihre Handschrift?

Viele Angebote müssen sehr lange im Voraus organisiert werden, darum hat sich wie bisher vor allem meine Stellvertreterin Sonja Berger ganz hervorragend gekümmert. Neben unseren regelmäßigen Führungen im Moor, im Randecker Maar, im Steinbruch und in den Gutenberger Höhlen möchten wir jedes Jahr zusätzliche Veranstaltungen anbieten. Außerdem möchte ich, dass wir auch für internationale Gäste erlebbar werden. Im Moment sind wir noch sehr auf deutsche Besucher ausgerichtet.

Hin und wieder diente der Steinbruch bereits als Kulisse für kulturelle Veranstaltungen. Gibt es das auch weiterhin?

Ja, damit können wir Leute erreichen, die sonst vielleicht nicht kommen würden. Am 15. April habe ich den Journalisten und Autor Dr. Thomas Faltin zu einer Lesung eingeladen. Geplant ist außerdem wieder ein Country Frühschoppen und ein Kabarettabend mit Link Michel.

Worin sehen Sie die besondere Aufgabe des NAZ?

Als Erstes sind wir eine Serviceeinrichtung. Wir versuchen, die Leute durch unser vielfältiges Programm für den Naturschutz zu begeistern. Ziel unserer Führungen ist, dass sich die Menschen für die Natur interessieren. Dadurch erreicht man Wertschätzung. Es soll normal werden, sich für die Natur einzusetzen. Eine Herausforderung ist, die vielen Nutzerinteressen unter einen Hut zu bringen. Die Landschaft hier wird sehr intensiv genutzt. Dazu zählen der Naturschutz und der Tourismus - vor allem an den Wochenenden - genauso aber die Landwirte, die Jäger und der Verkehr.

Gibt es denn einen Ort, an dem das Konfliktpotenzial besonders deutlich wird?

Das sind einzelne Punkte wie der Breitenstein. Er wird stark touristisch genutzt. Darüber sind nicht alle glücklich. Nach besucherstarken Wochenenden müssen die Ranger außerdem an einigen Wanderparkplätzen ziemlich viel Müll wegräumen. Wichtig ist, dass alle Parteien es schaffen, Rücksicht zu nehmen. Insgesamt bekommen wir das aber ganz gut hin.

Aktuell beschäftigt viele die Rückkehr des Wolfs, von der man ja auch auf der Schwäbischen Alb ausgehen muss. Wie gehen Sie damit um?

Im Jahr 2019 machen wir vielleicht eine Wolfsausstellung. Wir betreiben aber keine Lobbyarbeit, sondern sehen auch die Probleme für die Landwirte und Schäfer. Unsere Aufgabe ist es, zu informieren. Was wir wollen, ist einen konstruktiven Austausch anzuregen.

Gilt das auch für das Thema „Erhalt der Artenvielfalt“?

Auf jeden Fall. Hier müssen wir in der Bevölkerung ein Bewusstsein schaffen. Nur wenn wir die Artenvielfalt beispielsweise von Insekten erhalten, erhalten wir unsere Lebensgrundlage. Im Rahmen des Projekts „Blühender Landkreis“ bieten wir deshalb eine ganze Reihe von Veranstaltungen an, in denen wir den Teilnehmern zeigen, was sie selbst tun können. Dazu gehört, in einer Ecke im Garten einfach die Brennnesseln stehen zu lassen oder das Anlegen von Blühstreifen.

Kinder und Jugendliche waren immer eine wichtige Zielgruppe des Naturschutzzentrums. Lassen sie sich im Handyzeitalter noch für Ihre Angebote begeistern?

Kinder bringen eine Grundbegeisterung für die Natur mit und haben keine Berührungsängste. Schnecken oder Pferdeegel aus einem Tümpel in die Hand zu nehmen, macht den meisten nichts aus. Kürzlich hatten wir einen Workshop zum Bau von Nistkästen. Es war toll zu sehen, wie eifrig selbst eine Sechsjährige gehämmert hat. Viele Familien halten sich stundenlang in unserer Ausstellung auf, und das Kinderprogramm wird toll angenommen. Wenn wir das personell hinkriegen, wollen wir das Angebot gerne ausbauen.

Apropos Personal: Sie sind ein reines Frauenteam. Funktioniert das?

Bis auf unseren Hausmeister sind tatsächlich alle Hauptamtlichen Frauen. Das klappt wunderbar. Ich habe tolle Mitarbeiterinnen, die mich super unterstützen. Beeindruckend finde ich auch den Einsatz der Ehrenamtlichen. Ohne sie könnten wir unser Programm gar nicht stemmen. Es wäre klasse, wenn sich in diesem Bereich weitere Leute finden ließen. Wichtig sind auch unsere beiden FöJler, die mit großer Begeisterung dabei sind.

Wann erscheint das neue Programm?

Das Heft ist im Druck. Wir stellen es Anfang März vor. Es ist schon auf unserer Homepage abrufbar.

Die neue Chefin bringt Erfahrung mit

Dr. Franziska Harich ist in Titisee-Neustadt aufgewachsen und lebt in Plieningen. Vor ihrem Amtsantritt im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb arbeitete die 32-Jährige als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Hohenheim. Dort lehrte sie im Bereich Agrarökologie und Naturschutz. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten hat sie sich intensiv mit den Konflikten zwischen Naturschutz und Landwirtschaft beschäftigt.

Als Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung hat Franziska Harich darüber hinaus eine journalistische Ausbildung absolviert und für verschiedene Medien gearbeitet.ank