Lenninger Tal

Arzt auf Rädern

Malteser Hilfsdienst fährt mit mobiler Praxis die großen Flüchtlingsunterkünfte im Landkreis Esslingen an

Der Malteser Hilfsdienst und die Landkreisverwaltung haben gestern eine Arztpraxis auf vier Rädern vorgestellt. Es wird vor allem in den großen Flüchtlingsunterkünften eingesetzt, in denen 300 Menschen zusammenleben. Die Besatzung: der syrische Arzt Khaled Chamsi und ein Malteser-Sanitäter.

Innenansichten  einer mobilen Arztpraxis. Foto: Bulgrin
Innenansichten einer mobilen Arztpraxis. Foto: Bulgrin

Kreis Esslingen. Der nagelneue Mercedes-Transporter sieht äußerlich aus wie ein Rettungswagen. Die Ausrüstung habe man gemeinsam mit der Firma Strobel aus Aalen entwickelt, berichtet Marc Lippe, der Leiter des Malteser-Rettungsdienstes. Inklusive der Geräte hat das Fahrzeug 115 000 Euro gekostet. Dem mitfahrenden Arzt stehen die wichtigsten Geräte eines Behandlungszimmers zur Verfügung: Ultraschall, EKG mit Drucker, Laborutensilien für die Blutabnahme, Defibrillator, ein PC zur Registrierung und Dokumentation sowie Medikamente, Infusionen und Salben. „Wir haben schon den Anspruch, wie in einer Praxis arbeiten zu können“, sagt Notarzt Jochen Herkommer, der in den Hallen der Landesmesse einige Erfahrungen in der Behandlung von Flüchtlingen gemacht hat – ohne richtigen Untersuchungsraum.

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Diese Erfahrung war ein Grund für die Kreisverwaltung, die Malteser mit der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge in den Sporthallen Nürtingen und Kirchheim, in der Fabrikhalle Aichtal und der Blumenhalle Ostfildern zu beauftragen. Zwei Mal in der Woche werden diese Unterkünfte angefahren, eine weitere Unterkunft soll noch dazukommen. Das Deutsche Rote Kreuz ist ebenfalls eingebunden: Es versorgt die Unterkünfte in Plochingen, Leinfelden-Echterdingen, Hochdorf und Weilheim.

Vorgestern war das Fahrzeug erstmals im Einsatz. Die Flüchtlinge kennen die Zeiten der Sprechstunden, berichtet Rettungssanitäter Manuel Däuble. Zehn bis 15 Personen hätten schon auf sie gewartet. „Husten, Schnupfen, grippale Infekte oder Durchfall“, zählt Internist Jochen Herkommer als typische Krankheiten auf. Zudem gebe es Patienten mit chronischen Krankheiten wie hoher Blutdruck, Diabetes oder Herzerkrankungen. In der Landesmesse habe er ab und zu auch Fußverletzungen behandelt, die durch lange Fußmärsche entstanden waren. Auch Tuberkulosefälle gab es dort.

Das Gesundheitsamt, so Landrat Eininger, habe gedrängt, die medizinische Versorgung in den Hallen zu verbessern. Dort müsse man bei Infektionen schnell eingreifen. Je nach Bedarf wird auch geimpft: gegen Diph­terie, Tetanus, Keuchhusten und Polio sowie Masern, Mumps, Röteln und teilweise auch gegen Grippe. In Einrichtungen mit weniger als 50 Personen wurde aufgerufen, sich bei den niedergelassenen Ärzten Impftermine geben zu lassen.

Für das Arztmobil hat der Landkreis das Entgeltsystem geändert: Statt Einzelabrechnung erhalten die Malteser eine Pauschale. Die Refinanzierung ist noch nicht geklärt. Eininger hofft und erwartet, „dass das Land dieses effiziente Vorgehen akzeptiert und die Kosten entsprechend erstattet“. Das System spare ja auch Geld, sagt Rettungsdienstleiter Lippe: „Wir sparen Zeit und manche Einweisung ins Krankenhaus.“ Vor allem das Ultraschallgerät sei für die sichere Diagnose von Bauchbeschwerden unentbehrlich.

Ein großes Plus ist die Besatzung der mobilen Praxis. Im Normalfall sitzt der syrische Arzt Khaled Chamsi im Fahrzeug. Er ist vor zwei Jahren selbst geflüchtet, hat seit einem halben Jahr die deutsche Approbation und spricht einige arabische Dialekte. In der Vergangenheit seien manche Behandlungsprobleme durch Verständnisschwierigkeiten entstanden, berichtet Herkommer. Die körperlichen Beschwerden seien häufig durch psychische Probleme überlagert. Doktor Chamsi erfahre dies eher.

Neben dem fest angestellten Arzt werden die Malteser von etwa 30 Ärzten unterstützt, die auf Honorarbasis arbeiten. Wird ein Patient zum niedergelassenen Arzt oder Facharzt überwiesen, dann wird es wieder bürokratisch. Zur Abrechnung muss sich der Arzt mit dem Landratsamt abstimmen. Eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge, meint Eininger, wäre nur dann eine Hilfe, wenn das Land die Abrechnung übernähme.