Lenninger Tal

Auch ein Teamplayer trifft die Kommilitonen nur virtuell

Porträt Niklas Kuntz aus Oberlenningen blickt wie andere Studenten auf ein Semester zurück, in dem Online-Vorlesungen an der Tagesordnung waren. Von Anke Kirsammer

Wikipedia neu gestalten, heißt ein Projekt, mit dem sich Niklas Kuntz zusammen mit anderen Studenten in diesem Semester beschäft
Wikipedia neu gestalten, heißt ein Projekt, mit dem sich Niklas Kuntz zusammen mit anderen Studenten in diesem Semester beschäftigt hat. Die Gruppe zeigt „Die Geschichte der Animation“ mit Bildern und Videos von bekannten Beispielen wie Schneewittchen. Foto: Jean-Luc Jacques

Zwischen „Himmel und Erde“ pendelten die Besucher der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd vor sechs Jahren. Für Nik­las Kuntz aus Oberlenningen hat das Motto der Stadt im Remstal seit dem Lockdown eine ganz neue Bedeutung bekommen. Denn demnächst geht für den Studenten ein Semester zu Ende, das wegen der Corona-Pandemie mit einem normalen Semester nichts gemein hat. Statt mit seinen Kommilitonen im Hörsaal zusammenzurücken, ist für den 20-Jährigen einsames Sitzen vor dem Bildschirm angesagt. Niklas Kuntz studiert im vierten Semester an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Schwäbisch Gmünd. Als die Gebäude im Frühjahr geschlossen wurden, hätte er sich nicht träumen lassen, dass der Ausnahmezustand so lange andauern würde. Ein Mittagessen in der Mensa mit Kommilitonen fällt ebenso flach wie die Nutzung der „coolen“ Computer an der Hochschule und das Stöbern in der Bibliothek. Möglich ist dort einzig die Online-Recherche. „Die Bücher, die du bestellt hast, legen sie dir zu einem vereinbarten Zeitpunkt zum Abholen vor die Tür“, erklärt Niklas Kuntz.

Zügiger als an vielen Schulen wurde der Hochschulbetrieb auf digitale Kommunikationsplattformen verlegt. Die an Unterricht erinnernden Vorlesungen der HfG laufen seitdem vor allem über Zoom. Das Gleiche gilt für Gruppenprojekte. Sie sind in dem familiären Studiengang Kommunikationsgestaltung an der Tagesordnung. „Vor Corona haben wir uns dazu an der Hochschule getroffen, sind nach der Vorlesung noch geblieben oder haben uns privat verabredet. Jetzt arbeitet jeder alleine weiter, das ist schon seltsam“, sagt der Oberlenninger. Auch hat er den Eindruck, dass die Produktivität etwas unter dem Einsiedlerdasein leidet.

Die meisten Studenten wohnen in Schwäbisch Gmünd. Doch seit der Schließung der HfG sind viele Zimmer verwaist. Wegen der schnelleren Internetverbindung und um besser im Studiermodus zu bleiben, hat Niklas Kuntz dagegen einige Wochen in seiner WG verbracht. Von Wohngemeinschaft konnte in den vergangenen Monaten aber keine Rede sein, weil seine beiden Mitbewohnerinnen die meiste Zeit zu Hause bei ihren Familien waren. „Wir sind keine Party-WG“, betont Niklas Kuntz. Sich auszutauschen gehört für den Studenten, der sich als „Teamplayer“ bezeichnet, aber dazu. „Das fehlt jetzt einfach.“ Was ihm ebenfalls fehlt, sind Freizeitangebote an der Hochschule und der direkte Kontakt zu Dozenten, Professoren und Kommilitonen. Eine Videokonferenz sei eben nicht das Gleiche wie an einem Tisch zusammenzusitzen. „Wenn du schon drei Stunden Vorlesungen am Rechner verfolgt hast, ist es einfach anstrengend, Projekte ebenfalls am Bildschirm zu besprechen.“ Broschüren, Plakate und weitere Arbeiten werden nun kaum ausgedruckt, sondern meist digital hin und her geschickt. „Das ist in meinem Studienfach eigentlich gut machbar“, sagt Niklas Kuntz.

Was in anderen Studiengängen läuft, bekomme man viel weniger mit als sonst. Schön findet er deshalb, dass die große Ausstellung, die an der HfG unter jedes Semes­ter den Schlusspunkt setzt, nicht komplett gestrichen, sondern durch eine virtuelle Schau ersetzt wird. Dazu hat ein Team aus Dozenten und Studenten bereits die Räume gefilmt, in denen die Arbeiten normalerweise ausgestellt werden. Während üblicherweise Studenten beziehungsweise Absolventen vor Ort Fragen zu den Semester- und Abschlussarbeiten beantworten, werden die Besucher erstmals digital durch die Ausstellung geführt. „Ich bin gespannt, wie das umgesetzt wird“, sagt Nik­las Kuntz. Gespannt ist er auch auf das im September anstehende Praxissemester. Noch ist er auf Stellensuche, und er geht auch davon aus, dass es aufgrund der Corona-Krise nicht so einfach sein wird, einen Platz in einer Agentur oder einem Unternehmen zu ergattern. Auch seinen Plan, ein Semester im Ausland zu verbringen, hat die Pandemie durcheinandergewirbelt.

Für die Studenten, für die es im Herbst an den Hochschulen weitergeht, ist die Perspektive indessen klar: Sie müssen sich in gro­ßen Teilen auf ein weiteres Online-Semester einstellen.

Studenten präsentieren ihre Arbeiten

Die digitale Semesterausstellung der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd kann von Freitag, 31. Juli, bis Sonntag, 2. August, im Internet unter www.ausstellung.hfg-gmuend.de besucht werden. Dort präsen­tieren die Studie­renden ihre Semester- und Abschluss­ar­beiten aus den Studi­en­gängen Interaktions‑, Kommu­ni­ka­tions- und Produkt­ge­stal­tung, Internet der Dinge - Gestal­tung vernetzter Systeme sowie aus dem Master­pro­gramm Stra­te­gi­sche Gestaltung.ank

Anzeige