Lenninger Tal

Badende zerstören ein Paradies

Freizeit Die Sinterterrassen bei Gutenberg sind zum beliebten Ausflugsziel geworden. Weil das Geotop leidet, schickt der Landkreis nun seine Ranger. Von Anke Kirsammer

Herumliegender Müll verschandelt das Ufer der Sinterterrassen. - Hinterlassenschaften von Besuchern, die trotz Verbots in der La
Herumliegender Müll verschandelt das Ufer der Sinterterrassen. - Hinterlassenschaften von Besuchern, die trotz Verbots in der Lauter baden. Foto: Markus Brändli

Auch wenn an diesem wolkenverhangenen Tag keiner auf die Idee kommt, seine Picknickdecke an den Gutenberger Sinterterrassen auszurollen. Dass hier an den vergangenen heißen Tagen wieder Ausflügler gewesen sein müssen, ist unübersehbar: Auf der Wiese verteilt liegen leere Getränkedosen, Flaschen und Plastikboxen herum. Müll von Leuten, die das Geotop mit Badegumpen verwechseln. Angelockt durch Einträge im Internet, die besonders Familien die Erfrischung in den Bachläufen schmackhaft machen, haben viele weite Anfahrtswege hinter sich.

Was die Massen anrichten, treibt Naturschützern und Vertretern der Gemeinde, wie dem Haupt- und Ordnungsamtsleiter Günther Kern, die Sorgenfalten auf die Stirn: „Wenn Kalksinter feucht ist, wird er porös und zerbricht leicht“, erklärt Sonja Berger, stellvertretende Geschäftsführerin des Naturschutzzentrums Schopflocher Alb. Große Brocken sind an einzelnen Kanten der Terrassen durch Besucher bereits abgebrochen. „In einer Höhle würde auch keiner auf die Idee kommen, Tropfsteine abzuschneiden“, sagt Iris Bohnacker, die im Verein Geopark Schwäbische Alb für Geotope und das Projekt „Geopoints“ zuständig ist. Der durch die Ausfällung von gelöstem Kalk entstandene Sinter sei etwas ganz Seltenes und Besonderes, betont die Geologin. Das filigrane Gestein ummantelt Blätter, Ästchen und selbst Vogelnester mit einer Kruste und gibt noch viele Jahr später als „Kleinarchiv“ Aufschluss über das Klima. „Das hier ist sozusagen Pamukkale im Kleinen“, so Iris Bohnacker. Die Stätte im Südwesten der Türkei ist mit ihren weißen Sinterterrassen ein Touristenmagnet.

Werbung für "Wasserfälle"

Dazu haben sich die Sinterterrassen am Radweg am Ortseingang von Gutenberg sowie im Donntal, das unter Naturschutz steht, in den vergangenen Monaten auch entwickelt. Erfrischten sich früher ab und zu Einheimische an der Lauter, so hat der Lockdown im Frühjahr Fremde in Scharen an die Schwäbische Alb getrieben. Mit steigenden Temperaturen stieg auch der Besucherdruck an den Geotopen. Davon zeugt nicht nur zurückgelassener Müll, sondern auch zertrampeltes Gras und Wege, die es entlang der Naturschauspiele nie gab. Eileen Gerstner, die Wirtschafts- und Tourismusförderin für Lenningen, Owen und Erkenbrechtsweiler, hat sich auf Spurensuche im Netz gemacht: „Im Mai hatten die Sinterstufen auf Google Maps 3000 Besucher, im Juli 4000.“ Jetzt hat sich die Gemeinde Lenningen als Eigentümerin eintragen lassen. Eileen Gerstner will dafür sorgen, dass Vermerke, die die „Wasserfälle“ als Badestelle für Familien anpreisen, verschwinden.

Weil Auswärtige anfangs ihre Autos auch kreuz und quer in den umliegenden Wiesen geparkt hatten, steuert die Gemeinde inzwischen mit Halteverbots-Schildern gegen. Laut Ortsvorsteher Harald Röhner ist der Parkdruck seitdem merklich geringer geworden. Um das Baden in dem Biotop einzudämmen, schickt nun der Landkreis seine beiden Ranger bei schönem Wetter regelmäßig an die Besuchermagneten am Fuß der Schwäbischen Alb. An Wochenenden sehen sie auch zweimal am Tag nach dem Rechten. Sonja Berger wirbt für Verständnis dafür, dass die Naturschutzwarte nicht noch öfter in Gutenberg vorbeischauen können. „Sie haben am Albtrauf 70 Kilometer zu betreuen. Dieses Jahr brauchen sie dafür doppelt so lange wie sonst.“ Wilde Grillstellen, Mountainbiker, die auf unerlaubten Wegen fahren, haufenweise Müll - das seit der Corona-Krise gewachsene Bedürfnis, sich in der Natur aufzuhalten, bringt diese Kehrseite mit sich. „Es gehen viele Leute nach draußen, die das früher nicht gemacht haben“, sagt Iris Bohnacker. Ihnen fehle die Sensibilität für die Belange der Natur.

Unübersehbare Schilder und im Donntal auch rot-weiße Baken machen nun darauf aufmerksam, dass das Betreten der Sinterterrassen und der Wiesen verboten ist. „Die Wiesen gehören Landwirten“, betont Harald Röhner. Lagern am Ufer scharenweise Menschen, wächst dort auf Dauer kein Grashalm mehr. Fürs Erste dürfte den meisten die Lust auf ein Picknick an den Sinterterrassen jedoch ohnehin vergangen sein: Schafe, die dort in den vergangenen Tagen geweidet haben, ließen so viele Haufen zurück, dass kaum noch ein sauberes Plätzchen zu finden ist.

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