Lenninger Tal

„Bei uns darf jeder einkaufen“

Vorwürfe Nach einem Angriff mit Steinen durch einen Flüchtling kochen in Lenningen die Gerüchte hoch. Ein prinzipielles Hausverbot in Läden gibt es nicht. Von Anke Kirsammer

Lenningen. Zunächst ist es ein gewöhnlicher Morgen im Oberen Sand in Oberlenningen. Die Mitarbeiter einer Rohrreinigungsfirma spülen in einem Schacht Leitungen. Doch dann entzündet sich ein Streit mit einem dunkelhäutigen Passanten, der wiederholt auftaucht und erklärt, er suche lediglich seine Kopfhörer. Warum er deshalb in Gärten nachsieht, kommt einem Mitarbeiter der Kanalreinigungsfirma komisch vor. Er spricht den vermeintlichen Flüchtling mehrfach an. Der gerät so in Rage, dass er zu üblen Schimpfworten greift und dem Arbeiter droht. Versuche einer Anwohnerin, ihn zu beschwichtigen, fruchten nicht. Schließlich wirft der Dunkelhäutige mit Steinen auf den Arbeiter und dessen Kollegen. Die beiden versuchen, den Angreifer mit Wasser in die Flucht zu schlagen. Als einer der Arbeiter verletzt in einer nahegelegenen Firma Schutz sucht, fliegen weitere Steine. Sie beschädigen das dortige Rolltor und abgestellte Fahrzeuge. Anschließend verschwindet der Steinewerfer mit dem Fahrrad Richtung Gemeinschaftsunterkunft an der Höllochstraße. Der Verletzte wird mit dem Krankenwagen in eine Klinik gebracht, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte. Seit dieser Woche arbeitet er wieder, leidet aber noch immer an starken Schmerzen am Beckenkamm.

14 Tage ist der Vorfall her. Eine Polizeimeldung dazu gab es nicht, wohl aber den Vorwurf eines Lesers, dass dazu nichts in der Zeitung steht und nicht objektiv berichtet wird. „Das ist ein klarer Fall. Hier handelt es sich um gefährliche Körperverletzung“, erklärt der Pressesprecher der Polizeidirektion Reutlingen, Frank Natterer, auf Nachfrage. „Das ist uns durch die Maschen gegangen.“ Aufgrund der Qualität des Sachverhalts werde so eine Meldung normalerweise nach außen gegeben. Noch ermittelt die Polizei. Sie geht davon aus, dass der Steinewerfer nicht in der Gemeinschaftsunterkunft an der Oberlenninger Höllochstraße untergebracht ist, es aber Verbindungen dorthin gibt. In dem Gebäude konnte er nicht ausfindig gemacht werden.

Den Vorfall verknüpft der Leser mit der Aussage, die Asylsuchenden in Oberlenningen hätten Betretungsverbot in dortigen Lebensmittelgeschäften. Konkret genannt wird Edeka Sigel. Gegen diese Behauptung wehrt sich der Seniorchef, Karl Sigel, vehement: „Zu uns darf jeder kommen“, sagt er. „Aber wer stiehlt, fliegt raus.“ Das gelte genauso für Deutsche. Es sei nicht so, dass gar nichts wegkomme, aber Diebstähle hielten sich in seinem Laden in Grenzen. „Es wäre falsch, alles den Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben“, betont Karl Sigel.

Auch der Chef der örtlichen Bäckerei sagt, er habe nichts gegen Flüchtlinge. Einer arbeitet seit zwei Monaten sogar in der Backstube. „Genau einer hat bei uns Hausverbot“, sagt der Bäckermeister, nachdem es im Laden Stress gegeben hatte.

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