Lenninger Tal

Das geistliche Wort

Vor Jahren führte mich mein Studium nach Freiburg, und das gab mir die Gelegenheit zu zahlreichen Besuchen des beeindruckenden Münsters. Neben dem einmalig schönen Kirchturm fand ich im Inneren des Münsters die Skulpturen interessant, die auf Podesten an den Säulen entlang des Mittelganges stehen. Die Skulpturen stellen Jesus und seine Apostel dar. Diese wurden von den mittelalterlichen Baumeistern nach wohlüberlegtem Plan platziert. Es stehen sich immer zwei Figuren gegenüber. Ganz vorne beim Altar Jesus, ihm gegenüber, nicht, wie ich angenommen hatte, Petrus, von dem Jesus sagt „auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“, oder Johannes, der als Lieblingsjünger Jesus gilt, nein, es ist die Figur des Apostels Thomas. Ausgerechnet der Zweifler Thomas! Was haben sich die Baumeister bei dieser Wahl wohl gedacht?

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Wie jedes Jahr am ersten Sonntag nach Ostern, hören wir in den Gottesdiensten die bekannten Stellen aus dem Johannesevangelium „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Und mal ganz ehrlich, wer kann Thomas diese Zweifel verdenken? Ist die Haltung des Apostels Thomas nicht ein ganz moderner Zugang zum Glauben? Ihm reicht es nicht, dass die anderen vom auferweckten Jesus erzählen, er will nachvollziehbare, kontrollierbare Beweise!

Geht es uns heute nicht genauso? Sind alle Gottesdienstbesucher völlig zweifellos? Oder kennen wir vielmehr nicht alle Momente solchen Zweifels, bei denen unser Verstand vernehmlich Einspruch erhebt und diese Sache mit der Auferstehung infrage stellt?

Ja dürfen wir als Christen überhaupt zweifeln? Ich denke ja, und wie die Evangelien zeigen, sind wir damit in guter Gesellschaft. So zweifelte am Ostermorgen die versammelte Jüngerschar die von den Frauen überbrachte Auferstehungsbotschaft an, um nur ein Beispiel zu nennen.

Was aber tun mit solchen Glaubenszweifeln? Was tun, wenn wir in Phasen unseres Lebens stecken, wo existenzielle Zweifel sich melden und wir uns fragen: „Ist das überhaupt wahr mit Gott?“, „Lebt Jesus wirklich?“ Das Johannesevangelium, das uns die Begegnung von Thomas und dem auferstandenen Jesus erzählt, gibt uns zwei Hinweise. Der erste Hinweis: Thomas hätte ja auch gehen können. Getrieben von Zweifeln und voller Misstrauen dem Glaubenszeugnis der anderen gegenüber, hätte er ja auch sagen können: Also Freunde, ohne mich, bildet euch ein, was ihr wollt, aber da mach ich nicht mit. Aber: Er ist da geblieben. Er hat mit sich und mit dieser Herausforderung gekämpft. Zweifeln, und dableiben. Zweifeln und diesen Gott herausfordern. Zweifeln und Bedingungen stellen - auch das ist Gebet. Und trotzdem in Treue auf das warten, was jenseits dieses Zweifels möglich ist.

Der zweite Hinweis: Die regelmäßige Versammlung der Gemeinde. Die Thomasgeschichte geschieht am achten Tag nach Ostern in der versammelten Jüngergemeinde. Es war wichtig, dass da Männer und Frauen waren, die schon an den Auferstandenen glaubten. In dieser Glaubensgemeinschaft konnte Thomas finden, wonach er suchte. In Zeiten des Zweifelns ist es gut, weiterhin mit anderen zusammenzukommen. Mit Menschen, die mich und meine Glaubenszweifel aushalten, mich mittragen und die für mich mitbeten, wenn mir der Glaube und die Worte fehlen. Und vielleicht geschehen uns dann irgendwann wie Thomas die Worte „Mein Herr und mein Gott!“. Zweifeln, und dableiben! Der Zweifler Thomas ganz vorne bei Jesus! Ich finde, die mittelalterlichen Baumeister haben mit der Platzierung der Figur eine gute Wahl getroffen.

Susanne Appl Gemeindereferentin in der Katholischen Kirchengemeinde Sankt Ulrich