Lenninger Tal

Das geistliche Wort

„Ich verstehe die Welt nicht mehr“ - In der letzten Zeit höre ich diesen Satz immer häufiger. Dabei ist unklar, ob die Welt jemals von jemandem wirklich verstanden wurde. Unbestreitbar ist aber, dass vieles, was als sicher galt, sich in den vergangenen Monaten deutlich verändert hat:

War die Türkei bis vor Kurzem noch ein beliebtes Urlaubsland, wird sie in den Pfingstferien 2017 von vielen Touristen doch eher gemieden.

Die EU erschien als feste Größe, ein verbindendes Element für den Flickenteppich aus Kleinstaaten, mit der Botschaft: Zusammen sind wir stark und können uns unter den globalen Großmächten Gehör verschaffen. Doch jetzt bröckelt seit dem Brexit das Vertrauen in diese Institution, oder vielleicht bröckelt auch der Brexit - je nachdem, wie sich die Briten in dieser Woche entschieden haben.

Und schließlich der „Islamische Staat“: War er manchen ein Symbol für das Gewaltpotenzial von Religionen, eine Art Beweis, dass es ohne Religionen viel friedlicher auf der Welt zugehen würde, zeigen die jüngsten Anschläge im Iran, dass es hier weniger um einen Konflikt zwischen Religionen oder islamischen Konfessionen geht, sondern vor allem um Machtstrukturen zwischen Parteien, die sich in Syrien feindlich gegenüberstehen.

Wer die Welt dabei nicht mehr versteht, ist in guter Gesellschaft. Das gälte auch ohne die genannten Beispiele. Wirkliches Verstehen ist selten. Denn das Missverständnis ist der Normalfall jeder Kommunikation. Nur abfinden kann ich mich damit nicht. Denn je weniger sich Menschen verstehen, desto größer ist ihre Distanz und damit die Bereitschaft, Konflikte einzugehen.

Für mich ist Pfingsten ein Hoffnungsbild, das sich dieser Distanz entgegenstellt: Menschen aus verschiedenen Nationen mit unterschiedlichen Sprachen kommen zusammen. Sie könnten sich nicht einmal verstehen, wenn sie wollten. Aber es ereignet sich etwas. Ihre Unterschiede stehen nicht mehr zwischen ihnen, weil sie miteinander feiern, was sie verbindet: Die Begeisterung für jemanden, der größer ist als sie selbst.

Wie die meisten Menschen bin ich gut darin, Unterschiede zu erkennen und darüber zu urteilen. Aber die Pfingstzeit erinnert mich immer wieder daran, dass es auch noch einen anderen Weg gibt. Er schaut nicht nach den Verschiedenheiten auf der Oberfläche. Sondern interessiert sich für das, was dem anderen in seinem Innersten wirklich wichtig ist. Welche tiefe Sehnsucht der andere in sich trägt. Worauf sich die größte Hoffnung richtet. Was das Gegenüber mehr liebt, als alles andere auf der Welt. Dieser Weg hat nicht das Ziel, dabei die Unterschiede herauszuarbeiten und zu bewerten. Sondern den oder die anderen wirklich zu verstehen.

Wer sich auf diesen Weg einlässt, der stellt bald fest, dass wirkliches Verstehen nicht erzeugbar oder verfügbar ist. Aber wenn es sich ereignet, ist es wunderbar.

Pfarrer Andreas Honegger

Evangelische Kirchengemeinden Unterlenningen

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