Lenninger Tal

Das geistliche WortDer Raum zum Innehalten

Oberlenningen, Martinskirche aus dem Schlössle durchs Fenster
Oberlenningen, Martinskirche aus dem Schlössle durchs Fenster

In der Advents- und Weihnachtszeit bieten sich unsere Kirchen als Raum zur Besinnung und zum Innehalten an. Wir Menschen brauchen Kraftorte des Glaubens und Kraftorte des Lebens. Immer wieder sind wir nach solchen Orten auf der Suche. Immer wieder finden wir sie auch. Die Musik kann zu einem Kraftort werden. Ein offenes Gespräch, in dem mir jemand Mut zuspricht, kann zu einem Kraftort werden. Die Familie und die Gemeinschaft von Menschen, mit denen ich lebe, können mich stärken.

Ganz persönliche Kraftorte gibt es überall dort, wo wir Menschen leben. In der näheren Umgebung kann es ein Waldweg sein oder eine gemütliche Ecke zu Hause in der Wohnung. Überall kann es den Ort geben, der mir irgendwie bedeutsam, irgendwie heilig ist, an dem ich geborgen bin, an den ich mich zurückziehe, wenn mir wieder einmal alles zu viel ist.

Solche Kraftorte sind eben auch unsere Kirchen. Kirchen prägen nicht nur das Land, sondern auch die vertraute Silhouette einer Stadt. Viele Menschen können für sich sehr genau sagen, welche ihre Kirche ist, weil sie ihre Biografie mit genau dieser Kirche und keiner anderen verbinden.

Die Bedürftigkeit, der Kummer und die Not der Menschen, die in einer Kirche schon dem ewigen Gott hingehalten wurden, aber auch die Sehnsucht, die Energie und Hoffnung vieler Menschen haben die Kirche als besonderen Ort geheiligt. Das Kirchengebäude lebt von dem Reichtum jener anderen Kirche, die das Volk Gottes ist.

Dies spüre ich, wenn ich eine Kirche betrete. Hier ist es anders, hier werde ich anders. Der Raum verändert mich, er fasziniert mich und lenkt meinen Blick in die Höhe.

Er erhebt meine Seele und richtet mich auf. Er erzählt mir Geschichten von Menschen, die hier geweint und gelobt, gebetet und gesungen haben, die ihren Schmerz und ihre Hoffnung vor Gott gebracht haben. Er erzählt mir von Gott, der Mensch geworden ist, einer wie du und ich, der aus der himmlischen Ewigkeit herabkam zu uns, damit er uns frei macht von unserer Angst, herauslöst aus unserer Ichbezogenheit und öffnet für das andere Leben, das Leben im Vertrauen auf ihn.

So brauchen wir unsere Kirchen als Kraftorte für die Seele. Menschen ziehen Kraft aus der Begegnung mit dem ganz Anderen, dem ewigen Gott, dem unfassbar gegenwärtigen, dem unsichtbar anwesenden, symbolisiert im Kreuz Jesu Christi, lebendig in den brennenden Kerzen und dem Licht, das durch die bunten Fenster hereinstrahlt. Hier kann jeder Mensch sein, wie er ist und wird zugleich ein anderer Mensch, von Gott gesegnet, geschützt, beachtet, angenommen, ermutigt, bestärkt und frei. Dazu laden unsere Kirchen immer wieder ein – besonders zu Advent und Weihnachten.

Rosemarie Fröhlich-Haug Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde Lindorf und Ötlingen und in der Klinik Kirchheim

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