Lenninger Tal

Das Herz einer Brennerhochburg

Geschichte Auf 3 500 Einwohner kommen in Owen 31 Brennereien – rekordverdächtig. Die Kessel brodeln seit Generationen. Doch ihre Blütezeit erlebte die Stadt erst an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Von Daniela Haußmann

In den Kesseln der Spirituosenhersteller landeten längst nicht nur die Ernteerträge der Streuobstbestände. In den 20er-Jahren wa
Foto: Daniela Haußmann

Für drei Dinge ist Owen bekannt: die Teck, das Zahnbürstle und jede Menge Brennereien. Fast jeder Hundertste stellt in dem kleinen Städtchen am Fuße der Alb Hochprozentiges her. Das kommt nicht von ungefähr. Die rund 3 500 Seelen zählende Gemeinde liegt in einem klimatischen Gunstraum. Zu verdanken ist das unter anderem einem breiten Höhenspektrum, das sich vom Tal des Tiefenbachs (350 Meter) über den Teckberg (775 Meter) bis zum Felsplateau des Breitensteins (812 Meter) erstreckt. „Davon profitiert im Frühjahr die Obstblüte“, weiß Christian Gruel, Owens Whisky-Pionier. Durch die günstige Landschaft lassen sich Temperaturunterschiede ausgleichen. Das hat einige Vorteile.

Auf den Owener Streuobstwiesen kommt es gerade einmal alle zehn Jahre zu einem Fehlertrag. „Die hiesigen Gütlesbesitzer erzeugen mit über 19 500 Bäumen genauso viel Kern- und Steinobst wie die Dettinger, die doppelt so viele Bäume haben“, sagt Gruel.

In den Kesseln der Spirituosenhersteller landeten längst nicht nur die Ernteerträge der Streuobstbestände. In den 20er-Jahren wa
In den Kesseln der Spirituosenhersteller landeten längst nicht nur die Ernteerträge der Streuobstbestände. In den 20er-Jahren waren es vor allem Kartoffeln, aus denen Schnaps hergestellt wurde. Foto: Daniela Haußmann
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Seit mehr als einem Jahrhundert wird in Owen Hochprozentiges abgefüllt. Viele der lokalen Brenner produzierten lange Zeit für den eigenen Bedarf oder zogen bis in die 60er-Jahre von Gehöft zu Gehöft. Foto: Daniela Haußmann

Zur Jahrhundertwende brachte es Owen bereits auf 22 Brennereien, heute sind es 31. Die stellten nicht nur Obstbrände her. „Kartoffeln fanden in den 20er-Jahren keinen Absatz, weil sie so gut wie jeder Haushalt selbst anbaute“, erzählt der 82-Jährige. „Also wurden Grombiera zu Schnaps verarbeitet.“ Die Apfelernte dagegen wurde auf Waggons verladen, um sie mit dem Zug von Owen nach Ostdeutschland und teilweise sogar bis nach Polen zu transportieren. „Ein einträgliches Geschäft, denn Obst war dort Mangelware“, wie Christian ­Gruel berichtet. „Zwischen 1939 und 1945 wanderte ein Gutteil der Agrarprodukte in die Truppenversorgung.“

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg zog der Bedarf an Mostobst wieder an. Eine Entwicklung, die zwangsläufig zur Expansion im Streuobstbau führte. Die war laut Christian Gruel nur möglich, weil etliche Landwirte in Fabriken und Handwerksbetrieben ein Festgehalt erwirtschafteten, das die Anschaffung von Bäumen im großen Stil erlaubte. Ein Trend, der Owen in den 60er-Jahren 26 Brennereien bescherte. „Die verkauften ihren Schnaps an Grossisten oder Bauern“, erzählt der 82-Jährige, der sich noch gut daran erinnert, wie er und viele andere damals mit dem Schnapskolben von Gehöft zu Gehöft zogen. „Schnaps kurierte auch beim Vieh so manches Wehwehchen. Der Tierarzt kam nur selten vorbei“, sagt Christian Gruel lachend. Er selbst vertrieb seinen Brand im Umkreis von etwa 90 Kilometern.

Babyboomer voller Elan

Erst an der Schwelle zum 21. Jahrhundert erreichten die Owener Brennereien ihre Blütezeit. „Die in der Nachkriegszeit gepflanzten Bäume trugen ordentlich Früchte, die geburtenstarken Jahrgänge der 50er-Jahre übernahmen voller Elan die Streuobstwiesen ihrer Eltern“, sagt Christian Gruel. Heute dagegen liegen zahllose Wiesen brach. Das sei früher undenkbar gewesen. „Um 1900 gründeten die Obst- und Gartenbauvereine einen Landschaftspflegetrupp, der bis 1938 regelmäßig durchs Kreisgebiet zog und mit den Besitzern Bäume schnitt. Das war ein nachhaltiger Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft.“ Und nicht nur das. Die Pflegemaßnahmen sicherten Landwirten und Brennern feste Erträge, die ganze Familien ernährten. „Der nach dem Krieg einsetzende Strukturwandel hat die Einkommensgrundlage nachhaltig verändert“, erzählt Christian Gruel. Dass der vor Jahrzehnten mit viel Hingabe angelegte Streuobstbestand aktuell zu verschwinden droht, bedauert er sehr.

So sieht‘s aus, wenn‘s fertig ist. Fotos: Daniela Haußmann
So sieht‘s aus, wenn‘s fertig ist. Foto: Daniela Haußmann
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