Lenninger Tal

Das Leben auf der Alb war entbehrungsreich

Naturschutzzentrum Die Wanderung „Leben, Sitten und Gebräuche auf der Alb“ zeigt eindrucksvoll, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen auf der Alb früher zu kämpfen hatten. Von Daniela Haußmann

Der Wassermangel war eines der größten Probleme der Menschen auf der Schwäbischen Alb: In Fässern wurde deshalb das Wasser mit P
Der Wassermangel war eines der größten Probleme der Menschen auf der Schwäbischen Alb: In Fässern wurde deshalb das Wasser mit Pferden oder Ochsen auf die Hochfläche geschafft. Viele konnten sich das „blaue Gold“ aber nicht leisten.Foto: Wartberg-Verlag

Das Leben auf der Schwäbischen Alb war in früheren Epochen beileibe kein Zuckerschlecken. Harte, mühsame Arbeit und Wasserarmut prägten den Alltag der Menschen. Das Kalkgestein, auf dem die Älbler gehen und stehen, beeinflusste über Jahrhunderte hinweg Landwirtschaft und Lebensgewohnheiten. Das zeigte am Sonntag die Wanderung „Leben, Sitten und Gebräuche auf der Alb im Zusammenhang mit der Landschaftsgeschichte“, die vom Naturschutzzentrum Schopflocher Alb (NAZ) organisiert wurde.

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Obwohl auf der Hochfläche jede Menge Niederschlag fällt, gilt das Karstgebirge als wasserärmste Region Deutschlands. Der Grund dafür liegt laut Dr. Roland Krämer im Regenwasser, das aus Luft und Erde Kohlendioxid aufnimmt. „So entsteht Kohlensäure. Eine schwach saure Lösung, die durch die Risse im Kalkstein fließt und ihn dabei auflöst“, erklärte der Geologe. „Auf diese Weise entstehen Spalten, Schächte und ganze Höhlensysteme.“ Ein Prozess, der gemeinhin als Verkarstung bekannt ist und auf der Alb für Wassermangel sorgt. Den Menschen blieb laut Elisabeth Axt nichts anderes übrig, als den Regen, der von den Strohdächern floss, zu sammeln. „Dieses sogenannte Spatzenschisswasser schmeckte wie es hieß“, so die Landschaftsführerin. Dass es teilweise richtig lang in den Auffangbehältern lagerte, machte das Ganze nicht besser. Die meisten Dorfbewohner tranken daher Most.

Trotz der widrigen Rahmenbedingungen hatte es Ochsenwang vergleichsweise gut getroffen. Im Herzen der Gemeinde liegt nämlich ein ehemaliger Vulkanschlot, der aus wasserundurchlässigem Basalttuff besteht. Dank dieses Gesteins konnte sich Roland Krämer zufolge in der Dorfmitte eine Hüle bilden. „Pferde, Kühe und andere Tiere wurden in ihr gesäubert und getränkt“, erzählt Elisabeth Axt. Der niederprasselnde Regen spülte noch Schmutz und Mist hinein - ein wahres Eldorado für Bakterien, Algen und Insektenlarven. „Darunter litt nicht nur die Gesundheit der Tiere, sondern auch die der Einwohner, die in regenarmen Sommerabschnitten das Wasser aus der Hüle zum Kochen nehmen mussten.“

„In Ochsenwang gab es zwar einige Brunnen, aber die konnten in trockenen Perioden ebenso versiegen, wie die Quellen im Randecker Maar“, berichtete Roland Krämer. Und das „blaue Gold“, das mit Pferden oder Ochsen in Fässern von den Bächen und Flüssen im Tal auf die Hochfläche geschafft wurde, war für viele zu teuer.

Mit dem Bau der Albwasserversorgung wurde zwar 1870 begonnen. Doch bis jedes Dorf an sie angeschlossen wurde, „musste man das vorhandene Wasser mit Spatzenschisswasser strecken“. Dass Typhus, Cholera und andere Krankheiten ausbrachen und vor allem Kinder dahinrafften, ist nicht weiter verwunderlich. Um unter diesen hygienischen Verhältnissen die Nachkommenschaft zu sichern, durchlebten die Frauen zwangsläufig mehrere Schwangerschaften. „Um die Kindersterblichkeit zu senken, war es daher Brauch, dass Familien mit Neugeborenen vom Schultes ein Mostfass mit Frischwasser geschenkt bekamen“, so Elisabeth Axt.

Das Leben auf der Alb war entbehrungsreich. Der Regen, der über Spalten und Klüfte im Felsmassiv verschwand, riss den Boden mit in die Tiefe. Zurück blieb fast nur karges Ackerland. Um einen auskömmlichen Ertrag zu sichern und die Bewirtschaftung zu erleichtern, mussten die Bauern zur Bodenpflege Steine auflesen. Gras und Getreide wurde mühsam mit der Sense geschnitten und das Korn von Hand gedroschen. Jeder musste mit anpacken, auch die Kinder. Für die Schule blieb nur wenig Zeit.

Das Schicksal der Bauern war an das Wetter gebunden. „Die Angst vor Hungersnöten wog daher schwer. Schließlich kamen Missernten gar nicht so selten vor“, fuhr Elisabeth Axt fort. Bis um 1900 machten die Bewohner für solche Miseren Geister und Hexen verantwortlich. Letztere ließen sich an einem „spitzen Knie“ erkennen. Eine Anekdote besagt, laut Axt, dass eine Frau, die in eine Bauernfamilie einheiraten wollte, ausgezogene Küchle machen musste. „Den Teig dafür zog sie über die Knie. Wenn eines der Küchle ein Loch aufwies, war die Hexe überführt.“

Geopark und Biosphärengebiet

Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute ist die Schwäbische Alb als Geopark und Biosphärengebiet bekannt. Dort wo die Bauern früher ums Überleben kämpften, suchen Ausflügler und Touristen jetzt Erholung. Doch das entbindet aus Sicht von Elisabeth Axt nicht von der Verantwortung, sich für den Erhalt der Kulturlandschaft stark zu machen. Sie ist ein Erbe der Vorfahren, das es für Folgegenerationen zu pflegen und weiterzuentwickeln gilt.

Landschaftsführerin Elisabeth Axt erläutert, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen auf der Alb früher zu kämpfen hatten. Bis
Landschaftsführerin Elisabeth Axt erläutert, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen auf der Alb früher zu kämpfen hatten. Bis um 1900 wurden für Missernten gerne Hexen verantwortlich gemacht. Zu erkennen waren sie, so der Aberglaube, am spitzen Knie.Fotos: Daniela Haußmann