Lenninger Tal

Daten sind der entscheidende Treibstoff

Dieter Zetsche spricht beim Tag der Automobilwirtschaft in der Stadthalle Nürtingen

Der Abgasskandal bei VW und seine Folgen spielten beim Tag der Automobilwirtschaft in der Nürtinger Stadthalle K3N allenfalls in den Pausengesprächen eine Rolle. Auf der Bühne befassten sich die Experten mit der Zukunft der Branche im digitalen Zeitalter. Hauptredner war Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche.

Sie sehen prächtigen Zeiten für die Automobilbranche entgegen: Willi Diez (links) im Gespräch mit Daimler-Chef Dieter Zetsche.Fo
Sie sehen prächtigen Zeiten für die Automobilbranche entgegen: Willi Diez (links) im Gespräch mit Daimler-Chef Dieter Zetsche.Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. Er wolle das Thema Abgasskandal nicht weiter thematisieren, sagte Willi Diez in seiner Begrüßung zum 16. Tag der Automobilwirtschaft. Die Veranstaltung sei ein Tag für die Studenten, und da wolle man in die Zukunft schauen, so der Leiter des veranstaltenden Instituts für Automobilwirtschaft (Ifa) an der Hochschule für Wirtschaft Nürtingen-Geislingen.

Anzeige

Der Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche sieht in der Digitalisierung für die Autobranche ein großes Produktivitäts-Potenzial: In der Landwirtschaft sei es gelungen, durch Digitalisierung die Produktivität gegenüber dem Jahr 2010 um über acht Prozent zu steigern. Der Wert liege sonst bei zwei Prozent. „Für die Automobilbranche steht fest: Der entscheidende Treibstoff werden Daten sein“, so Zetsche.

Mit der Folge indes, „dass alle unsere Daten wollen“. Zetsche plädierte beim Umgang mit Daten für eine klare gesetzliche Regelung. Dies könne auch ein Standortvorteil sein. Der Schlüssel, die Daten nutzbar zu machen, liege in der Vernetzung. Durch die Verknüpfung von Daten ließen sich die individuellen Wünsche der Kunden früher erkennen. Das Auto der Zukunft sei zudem lernfähig und könne dem Fahrer zum Beispiel die richtige Sitzeinstellung oder die Lieblingsmusik anbieten.

„Wir brauchen die Vernetzung aber nicht nur im Auto, sondern auch in den Unternehmen“, sagte Zetsche. Es sei ein Fehler, sich von anderen Unternehmen, Branchen oder den Hochschulen abzuschotten: „Wir brauchen eine Kultur der Offenheit und Vernetzung.“ Analog zum Silicon Valley in Kalifornien gelte es, ein „Neckar Valley“ für die digitale Welt auszubauen. Zetsche ist ein Anhänger des autonomen Fahrens. „Der Autopilot ist für mich im Cockpit der Zukunft der erstrebenswerteste Knopf“, sagte er. Willi Diez wollte von ihm wissen, wo dabei denn der Fahrspaß bleibe. „Das autonome Fahren wird nur eine Option sein“, sagte Zetsche. Die Technik schaffe Freiräume in Situationen, in denen Fahrspaß keine Rolle spiele, zum Beispiel im Stau. Diese Zeit könne man im selbstfahrenden Auto besser nutzen. „Wir kämpfen für den Fahrspaß der Zukunft“, so der Daimler-Chef.

Dass Fahrzeuge in einem begrenzten Umfeld, in einem Quartier zum Beispiel, vollautonom unterwegs sind, ist für Zetsche keine Frage: „Die Vervollkommnung der Assistenzsysteme führt automatisch zum autonomen Fahren.“ Dies werde schneller kommen als gedacht, sagte er.

Die Frage nach der Auswirkung der Digitalisierung auf die Beschäftigung sehe er entspannt, so Zetsche. Jede industrielle Revolution habe zunächst Arbeitsplätze gekostet „in der alten Welt“, aber dann neue, modernere Arbeitsplätze geschaffen.

Die Digitalisierung werde auch den Handel mit Autos nachhaltig verändern. Die Zeit sei vorbei, als der Händler alles über den Kunden wusste und die Hand über diese Daten hielt. „Dieses Modell ist von gestern“, sagte Zetsche. Heute hätten auch die Hersteller den Zugang zu den Kundendaten und deren individuellen Wünschen. Entscheidend sei, diese direkte Schnittstelle zum Kunden zu halten, ohne dass sich Dritte dazwischendrängten, sagte er. „Der physische Handel wird auch künftig vorhanden sein“, so Zetsche, aber dessen Rolle werde sich inhaltlich verändern, in Richtung Aftersales-Geschäft und Beratung.

Am Schluss stellte Diez dann doch noch eine Frage zur Abgas-Affäre: Ob sich dadurch die Antriebsstrategie bei Daimler ändern werde, wollte er von seinem Gast wissen. Was dieser verneinte. Um die strengen CO2-Grenzwerte einzuhalten, sei der Diesel unverzichtbar: „An unserer Strategie ändert sich nichts, der Diesel wird auch künftig seinen Platz haben.“

Für die Automobilbranche wird 2015 nach Diez’ Einschätzung ein gutes Jahr. Die Zahl der Neuzulassungen in Deutschland werde 3,15 Millionen erreichen. Für kommendes Jahr liege die Prognose bei 3,25 Millionen. „Die Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt hat gute Impulse gesetzt“, so Diez. Die Auftragseingänge seien „extrem gut“, mit einem Plus von vier bis fünf Prozent: „Die Branche kann nicht klagen, die Lust am Auto ist ungebrochen.“