Lenninger Tal

Den Spinnstuben haftete einst etwas Verrufenes an

Historie Mit dieser Sitte, die fester Bestandteil des Dorflebens war, befasst sich Hans-Peter Hils.

Owen. Die Lichtstube hat viele Namen, sie heißt je nach Ort oder Region beispielsweise Spinn- oder Rockenstube, Karz oder Kunkelkammer. Dabei handelt es sich um einen einstmals weitverbreiteten Brauch, die langen Winterabende gemeinsam mit geselligen Handarbeiten zu verbringen. „Üblicherweise traf sich ein Mädchenjahrgang, um für seine Aussteuer zu spinnen und andere Handarbeiten zu verrichten“, schreibt Dr. Hans-Peter Hils in seiner Abhandlung über die Spinnstuben in Owen auf der von ihm verantworteten Homepage des Alt-Owen-Förderkreises. Es gab auch noch einen weiteren, ökonomischen Grund, denn durch die gemeinsame Nutzung einer einzigen Stube wurden die Kosten für die Lichtquellen wie Kienspäne, Kerzen oder Öllampen gespart, aber auch Feuerholz.

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„Licht- oder Spinnstuben sind Orte einer sehr lebendigen dörflichen Kultur, die darauf abzielte, Arbeit und Leben miteinander zu versöhnen. Die Spinnstube wird abwechselnd auf dem einen oder anderen Hof abgehalten, die Frauen und Mädchen spinnen, die Burschen machen Musik, oder es werden Volkslieder gesungen, Hexen- und Gespenstergeschichten erzählt und allerlei Kurzweil dabei getrieben. Die Spinnstuben dienten nämlich nicht nur dem Broterwerb, sondern waren Nachrichtenbörsen und kritisches Forum sowie Ort für jugendliche Sexualkultur und feuchtfröhliche Ausgelassenheit. Wegen der dabei vorkommenden Ausschreitungen in sittlicher Beziehung wurden Spinnstubenordnungen, d. h. polizeiliche Regelungen bezüglich der Zeit und Dauer des Beisammenseins, erlassen“, zitiert Hans-Peter Hils Meyers Konversationslexikon von 1888 – 1890 und findet im Gespräch selbst deutliche Worte: „Das zeigt, dass es in den früheren Jahrhunderten einen Überwachungsstaat gab, der das sittliche Leben genau im Blick hatte.“

Dies machte er gleich zu Beginn seines Beitrags deutlich: Paul Rooschüz vermerkt in seiner Stadtgeschichte von Owen: „Daß Lichtkärze der Mädchen nicht von ledigen Burschen besucht werden, wird polizeilich überwacht. Als dies dennoch (1700) geschah, wurde der betreffende Hausvater um 11 kr. gestraft, obgleich die jungen Leute behaupteten, sie haben geistliche Lieder mit einander gesungen.“ Hans-Peter Hils geht davon aus, dass sich die Obrigkeit schon Anfang des 16. Jahrhunderts in den Wintermonaten in ständiger Alarmbereitschaft befand, weil „solche Lichtkertze von ledigen Mannßpersonen niemalen leer seyen“. Deshalb gab es die Aufsicht eines respektablen Lichtherren, der dem Kirchenkonvent gegenüber verantwortlich war. Interessant auch: Frauen mussten bei Vergehen in jener Zeit 15 Kreuzer Strafe zahlen, während Versäumnisse der Aufsicht den Stubenherren nur 11 Kreuzer kosteten.

Neben Nachrichtenbörse und Ort der Geselligkeit war die Lichtstube auch förmliches Eheanbahnungs-Institut – somit fester Bestandteil der ländlichen Lebenswelt und darin fest verwurzelt. „Damit entsprach sie genau den elementaren Bedürfnissen nach sinnvoller Freizeitgestaltung, zwischenmenschlichem Austausch und gemeinsamem Tun“, so Hans-Peter Hils.

Er kommt am Ende zu dem Schluss: So darf in Erinnerung an Christian Daniel Schubart die Pflege der Spinnstuben in der heutigen Zeit als Folklore gewürdigt werden, „wo sichs beym Ofen gar herrlich reflektiren, betrachten, beherzigen, phantasiren und lügen“ lässt. Iris Häfner