Lenninger Tal

Der Aufzug führt in den Kerker

Sanierung des Hochdorfer Rathauses bringt der Verwaltung deutlich mehr Platz

Hinter dem Rathaus wird Platz für den Anbau gemacht. Das Dachgeschoss hat schon zwei Gauben erhalten. Am Giebel erkennt man das
Hinter dem Rathaus wird Platz für den Anbau gemacht. Das Dachgeschoss hat schon zwei Gauben erhalten. Am Giebel erkennt man das vergitterte Fensterchen des ehemaligen Kerkers. Hier endet der Aufzug. Fotos: Bulgrin

Hochdorf. An der Vorderfront verhüllen das Baugerüst und ein Sicherungsnetz das Hochdorfer Rathaus. Hinten steht es nackt, ausgebeint

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und mit Hilfsstützen da. Das hat seinen Grund: Die Rückseite wird nach der Sanierung komplett anders aussehen. Hier wird künftig der Haupteingang sein, das Foyer und ein Anbau mit Sitzungssaal.

Der Querbau, der vor vielleicht 100 Jahren an das Rathaus angedockt wurde, ist verschwunden. Etliche Holzbalken hängen in der Luft, das Obergeschoss wird von einem provisorischen Eisenträger und einigen Baustützen gehalten. Unter den frei schwebenden Balken wird jetzt das Foyer entstehen. Daneben, in Richtung Hof, bereiten die Bauarbeiter gerade die Bodenplatte vor, auf der der Saal hochgezogen wird.

Bürgermeister Gerhard Kuttler hat im Gemeinderat die frohe Botschaft verkündet, dass die Gemeinde 120 000 Euro zusätzlich bekommt. Der Saal-Anbau wird genauso hoch gefördert wie der denkmalgeschützte Altbau. Im Gegensatz zum Saal im Feuerwehrhaus ist er barrierefrei, und seine 120 Quadratmeter Fläche sollen auch den Bürgern und Vereinen zur Verfügung stehen, betont Kuttler. Er ist froh, dass der Gemeinderat am Standort festhielt: „Wir hätten an anderer Stelle nie so viel Fördermittel erhalten.“ Zudem laufen die Ausschreibungen bisher erfreulich, fallen tendenziell niedriger aus als die Kostenberechnungen. Richtig böse Überraschungen, wie sie häufiger bei Altbausanierungen auftreten, förderte das Hochdorfer Rathaus nicht zutage.

Einzig im Erdgeschoss war Architekt Peter Reiner doch verblüfft, weil die Räume im nördlichen Teil überhaupt kein Fundament hatten. „Da lagen ein paar Balken im Dreck und im Sägemehl.“ Kein Wunder, dass diese Unterkonstruktion verfault war. Auf die Erde wird nun ein Splittbett gelegt, eine Abdichtung und ein kräftiger Estrich. „Das wirft uns finanziell nicht aus der Bahn“, beruhigt Bauleiter Klaus Zarbock von der Hochdorfer Restaurierungsfirma AeDis. Die Rathausmauern selbst stünden auf einem guten Fundament. Neben AeDis kommen etliche andere ortsansässige Firmen zum Zug. Für AeDis-Architekt Reiner ist das Rathaus ein besonderes Projekt: „Alles geht mir viel näher.“ Er wohnt im Ort und ist Mitglied des Gemeinderats. Den Auftrag habe er aber vor der Wahl erhalten, betont er.

Durch das skelettierte Treppenhaus geht es in den ersten Stock. Das Seil des Steuerglöckleins auf dem Rathausreiter baumelt samt Fassung von der Decke herunter. Diese Einrichtung bleibt erhalten, auch wenn damit nie mehr den Bäuerlein die Ankunft des oberämtlichen Steuereintreibers verkündet wird. Die Holzdielen dieser Etage sind herausgerissen. Ob man wenigstens die Dielen des Kassenraums wieder einbaut, müsse man noch mit dem Denkmalamt besprechen, sagt Bautechniker Zarbock. Aus statischen Gründen muss zunächst aber in allen Zimmern eine USB-Scheibe eingebaut werden. Diese Holzverbundplatten verleihen dem Gebäude die nötige Steifigkeit. Knarzende und unebene Böden gehören damit der Vergangenheit an.

Das Dachgeschoss wird durch den Umbau erheblich gewinnen. Zum Schluss war es aus Sicherheitsgründen nicht einmal mehr als Lagerplatz geeignet. Zwei Gauben bringen mehr Raum; von einer wird eine stählerne Fluchttreppe nach außen führen. Das Bauamt findet hier oben Platz, es gibt einen Sozialraum. In der südlichen Dachhälfte wird das Trauzimmer eingerichtet. Es wird luftig wirken, weil der Blick bis zum First reicht. Im Vorraum ist Platz für den Sektempfang. Auch gehbehinderte Personen kommen ins Dachgeschoss: Ein Aufzug steigt vom Keller bis in den historischen Kerker. Eigentlich wollte Architekt Reiner den Kerker öffnen, damit die Besucher direkt vom Aufzug ins Treppenhaus gelangen. Die Denkmalschützer bestanden jedoch da­rauf, den geschlossenen Raum zu erhalten.

Was man nicht sieht, wird man später spüren: Dach und Fassade erhalten eine Dämmung. Die Energieversorgung stützt sich auf zwei neue Standbeine: Die Ölheizung wird durch eine Gastherme ersetzt und aufs Dach des Anbaus werden Photovoltaik-Module montiert. Reiner ist überzeugt: „Sie werden sehr wirksam den Eigenbedarf des Rathauses unterstützen.“ Weil eine Verwaltung tagsüber Strom braucht, könnte der solare Strom im Schnitt 60 bis 70 Prozent abdecken.

Wenn alles weiterhin gut läuft, kehren die Rathaus-Mitarbeiter Ende 2016 in ihr altes neues Rathaus zurück. Die „Linde“, in der die Bediensteten derzeit kräftig schwitzen, werde man dann wieder verkaufen, sagt Kuttler. Er hofft, dass die Gemeinde die Zwischenlösung mit einer „schwarzen Null“ abschließen kann.

foto: roberto bulgrin13. 08. 2015Hochdorf Rathaus Sanierung
foto: roberto bulgrin13. 08. 2015Hochdorf Rathaus Sanierung