Lenninger Tal

Der Blick über den kulturellen Tellerrand

Auslandspraktikum Viele zieht es nach dem Abitur in ferne Länder. Die Owenerin Maryvonne Kälberer war drei Monate in Namibia. Von Daniela Haußmann

Der Blick über den kulturellen Tellerrand
Der Blick über den kulturellen Tellerrand

Vom Klassenzimmer in den Hörsaal – das kam für Maryvonne Kälberer nicht infrage. Mit dem Abi in der Tasche hat die 18-Jährige erst einmal die Lernsachen in die Kiste gepackt und ein Flugticket gekauft. Die Liste der beliebtesten Länder, in denen Schulabgänger ein Auslandspraktikum machen wollen, ist nicht lang. Amerika, Spanien, Australien, Großbritannien und Kanada rangieren auf der Beliebtheitsskala auf den vorderen Plätzen. Nicht bei Maryvonne Kälberer. Die Owenerin zog es nach Namibia. Sie wollte über den kulturellen Tellerrand blicken und neue Erfahrungen sammeln.

Ein dreimonatiger Arbeitsaufenthalt schien ihr dafür bestens geeignet. Bevor Kälberer die Koffer packte, traf sie sich mit ehemaligen Auslandspraktikanten, die einige Zeit in dem rund 2,1 Millionen Einwohner zählenden Land gelebt hatten. „Sie schilderten mir ihre Eindrücke und empfahlen mir Betriebe“, erinnert sich die 18-Jährige. „Das hat mir bei der Umsetzung meines Vorhabens geholfen.“ Per E-Mail bewarb sie sich bei einer Gästefarm und bekam prompt eine Zusage. „Farmen und Auffangstationen, die mit Tieren arbeiten, verlangen von Praktikanten oft Geld, weil sie bei ihnen die Möglichkeit haben, mit afrikanischen Tieren direkt in Kontakt zu kommen“, berichtet Kälberer. „Das können pro Woche bis zu 600 Euro sein. Deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld genau zu informieren.“

Extrem dünn besiedeltes Gebiet

Namibia zählt weltweit zu den am dünnsten besiedelten Gebieten. „Mit einer Fläche von über 824 000 Quadratkilometern ist das Land mehr als doppelt so groß wie Deutschland“, weiß die Owenerin. „Die Bevölkerungsdichte liegt bei 2,56 Einwohnern pro Quadratkilometer. In Deutschland sind es 230.“ Ohne fahrbaren Untersatz geht in dem Land am Atlantischen Ozean nichts. Die Gästefarm auf der Maryvonne Kälberer zwölf Wochen arbeitete, liegt 30 Kilometer von einem Ballungsraum entfernt. „Es gab zwar einen Busverkehr. Doch die nächste Haltestelle war auch erst in der nächsten Stadt zu finden“, erzählt die 18-Jährige und betont: „Wer sich zu einem Praktikum in den ländlichen Gegenden Namibias entschließt, muss sich bewusst machen, dass er dort in der totalen Abgeschiedenheit lebt.“

Gefällt es einem dort nicht oder tauchen während des Aufenthalts Probleme auf, ist es laut Maryvonne Kälberer deshalb nicht leicht, den Standort oder den Praktikumsplatz zu wechseln. „Hätte ich nicht einige Wochen vor Arbeitsbeginn Urlaub in Namibia gemacht, hätte ich von der Savannenlandschaft, den Wüstengebieten, den zerklüfteten Felsformationen und der vielfältigen Tierwelt nichts gesehen“, berichtet die Owenerin. „Würde ich das Ganze noch mal machen, käme für mich nur noch Work-and-Travel infrage.“ Ein Konzept, das die Chance bietet, einige Zeit im Ausland zu leben und die Reise durch Jobben vor Ort zu finanzieren. Laut Maryvonne Kälberer ist das in vielerlei Hinsicht sinnvoll: „Man lernt das Gastgeberland und seine Bewohner besser kennen. Außerdem lassen sich so Kontakte mit Einheimischen aufbauen.“

Im Alltag immer noch Rassentrennung

Völlig überrascht hat die 18-Jährige, dass die staatlich festgelegte und organisierte Rassentrennung geschichtlich betrachtet zwar der Vergangenheit angehört, aber im Alltag noch existiert. „Der Betrieb, bei dem ich war, beschäftigte zwar farbige Angestellte, doch der Kontakt zu weißen Gästen war ihnen untersagt“, erzählt Maryvonne Kälberer. „Obwohl die Farbigen auf der Farm arbeiteten, durften sie sich nur in streng festgelegten Bereichen aufhalten“, fährt sie fort. „Immer wieder wurde ich mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert. ‚Die sind faul‘, ‚die stehlen‘, hieß es. Das war ziemlich befremdlich.“

Trotzdem hat Maryvonne Kälberer viele positive Eindrücke und Erfahrungen gesammelt. Elefanten, Geparden, Zebras, Giraffen und andere Tiere aus nächster Nähe zu beobachten, war für sie ein ganz besonderes Erlebnis. „Die Landschaft ist atemberaubend“, sagt sie lächelnd. „Die drei Monate haben mir viel gebracht. Ich bin selbstbewusster und selbstständiger geworden.“ Die 18-Jährige schließt nicht aus, dass sie irgendwann wieder nach Afrika geht. „Botswana mit dem Rucksack zu entdecken, würde mich reizen“, sagt Kälberer. „Durch die Zeit in Namibia weiß ich zwischenzeitlich sehr genau, was ich will und wie sich meine Erwartungen an einen Auslandsaufenthalt noch besser realisieren lassen.“

Hätte Maryvonne Kälberer vor ihrem Praktikum nicht noch Urlaub in Namibia gemacht, hätte sie weder die Savannenlandschaft und di
Hätte Maryvonne Kälberer vor ihrem Praktikum nicht noch Urlaub in Namibia gemacht, hätte sie weder die Savannenlandschaft und die Wüstengebiete noch die vielfältige Tierwelt gesehen.Fotos: privat
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