Lenninger Tal

„Der Fluch der frühen Rente“

Vortrag Professor Dr. Heinz Bartjes sprach bei den Landfrauen über das Älterwerden und den Umgang damit.

Owen. „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, heißt ein Sprichwort aus Afrika. Heinz Bartjes hängt da gleich noch den Zusatz „und um alt zu werden“ an - und überschrieb so seinen Vortrag. „Menschen brauchen Menschen“, war eine zentrale Aussage. Es gehe um die Teilhabe am Leben der anderen, es brauche alte und junge Menschen, Frauen und Männer, unterschiedliches Wissen und Talente.

„,Bis auf Weiteres‘ ist das Lebensprinzip des modernen Menschen. Wenn einer seiner Lehre beendet hat, kann es sein, dass es den Beruf nicht mehr gibt“, verdeutlichte der Professor die Rasanz der Veränderungen und die nachlassende Verbindlichkeit. Die Menschen seien reisende Landstreicher des Lebens, die unterwegs ihre Ziele definieren. „Doch die Landkarte ist schnell veraltet, Wegweiser gibt es kaum“, so Bartjes. Die Sicherheit wird brüchig, die einst Institutionen wie Kirche oder Gewerkschaften geschaffen haben. „Der Mensch hinterfragt sich immer mehr und ist zunehmend auf sich selbst zurückgeworfen.“

Ständig man selbst sein zu müssen, sei auf Dauer eine Überforderung. „Depression gilt als eine der Volkskrankheiten“, so Heinz Bartjes. Er sprach auch vom erschöpften Selbst, das durch die Vielzahl von Optionen - links, rechts oder geradeaus auf der Landkarte - entsteht. „Das sind die riskanten Chancen der Moderne, die zunehmend auch für ältere Menschen gelten.“ Fragen müssten beantwortet werden, die es in der Geschichte so noch nicht gab.

Die Altersphase mit einer Dauer von 30 bis 40 Jahren ist oft die längste. „Was tun mit den gewonnenen Jahren“, fragte er und sprach vom „Fluch der frühen Rente“. Wichtig seien sinnvolle Tätigkeiten und damit Anerkennung. „Doch wie mache ich das?“, fragte er und kam auf ein deutsches Phänomen zu sprechen. „Die frühe Rente ist ein Grund zur Freude, doch bei uns wird das vorwiegend negativ definiert und von Renten- und Pflegelast gesprochen“, sagte er und projizierte einen Artikel mit der Überschrift „Gierige Gruftis“ an die Wand.

Heinz Böntjes will andere Bilder betonen: Kompetenz, Erfahrung und Ressource. Er sprach Psalm 90, Vers 12 an: Herr, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. „Menschen sterben einmal, auch wenn viele mit der Endlichkeit nicht zurechtkommen“, wurde Heinz Bartjes deutlich und weiter: „Wir sind bedürftige und endliche Wesen.“ Neue Formen zu kreieren, sieht er als zentrale gesellschaftliche Aufgabe an, damit die Alten keinen sozialen Tod sterben, solange sie noch leben. Generationen sollen sich begegnen, um so voneinander lernen zu können. „Menschen sind nicht nur hilfsbedürftig, sondern auch helfensbedürftig“, zitierte er Klaus Dörner und kam wieder auf die Anerkennung als wichtige Kategorie zu sprechen. Iris Häfner

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