Lenninger Tal

Der Flugplan kommt durcheinander

Natur Bei den Zugvögeln steht die Reise in den Süden an. Seit einiger Zeit stellen Ornithologen ein verändertes Verhalten der Tiere wegen des Klimas fest. Von Lena Bautze

Heinz Schöttner beobachtet in seinem Garten in Dettingen gerne Vögel durch sein Fernrohr. Foto: Markus Brändli
Heinz Schöttner beobachtet in seinem Garten in Dettingen gerne Vögel durch sein Fernrohr. Foto: Markus Brändli

Der Anblick einer verschneiten Teck erweckt nicht bei allen Glücksgefühle. Noch vor der Corona-Pandemie sind viele Menschen in der kalten Jahreszeit gerne in den Süden geflüchtet. Den Zugvögeln ist es jedoch egal, ob sie durch ein Risikogebiet fliegen - egal, ob bei An- oder Abreise. Die Ornithologen beobachten ein verändertes Verhalten bei den Tieren. „Die Mittelstreckenzieher bleiben im Spätsommer länger hier, da es noch warm genug ist und sie hier genügend Futter finden“, erklärt Hobby-Ornithologe Karl-Heinz Fiegert aus Oberlenningen.

Es gibt zwei verschiedene Arten von Zugvögeln: Langstrecken- und Mittelstreckenzieher. Zig Langstreckenzieher fliegen jedes Jahr von Europa nach Afrika. Zu ihnen gehören zum Beispiel Weißstorch, Kuckuck, Mauersegler und Nachtigall. Weil sie so eine weite Reise haben, sind sie in Deutschland nur etwa von April bis August zu sehen. Sie fliegen in jedem Jahr fast zur gleichen Zeit los. Die Abflugzeit unterscheidet sich dabei nur um wenige Tage. Mittelstreckenzieher sind Vögel, die bis Spanien, Frankreich oder Nordamerika fliegen, beispielsweise die Mönchsgrasmücke.

Keine Veränderung bei "Fernziehern"

Bei den Fernziehern, die bis Mitte Afrika oder weiter nach Südafrika fliegen, erkennen die Fachleute jedoch keine Veränderung. „Je später die Fernzieher losfliegen, desto schwerer wird es für sie“, sagt der Oberlenninger. Die Rauchschwalbe zum Beispiel fliegt über die Alpen. Würde sie sich erst später auf den Weg machen, hätte sie es in den Bergen noch schwerer durch die kalte Witterung. In Afrika warten weitere, noch größere Hindernisse: die trockene Sahara mit der folgenden Sahelzone.

Der Grund, warum die Vögel überhaupt in Richtung Süden ziehen, liegt nicht nur an den kalten Temperaturen: „Das Futterangebot reicht im Winter einfach nicht aus“, weiß Heinz Schöttner, der sich ebenfalls schon seit Kindertagen mit den Tieren beschäftigt. Stellt sich die Frage, warum die Vögel nicht gleich im Süden bleiben. Der Dettinger kennt die Antwort: „Die Tiere finden im Sommer mehr Futter in Deutschland als in Afrika.“ Denn Vogelarten, die auf dem heißen Kontinent ganzjährig leben, sind Rivalen bei der Futtersuche.

Dabei setzen die einzelnen Arten auf einen Trick, um ihre Art zu erhalten. „Es gibt immer ein paar Vögel, die etwas früher losfliegen und andere, die sich später auf den Weg machen“, sagt Karl-Heinz Fiegert. Schafft es eine Truppe nicht, besteht die Chance, dass die andere ihr Ziel erreicht.

Rastplätze gibt es immer weniger

Die Zugvögel haben auf ihrer Route vermehrt Probleme. „Die Rastplätze werden immer weniger, zum Beispiel durch Waldbrände oder Rodungen“, erklärt Karl-Heinz Fiegert. Manche Vögel nehmen die Strapazen gar nicht mehr auf sich und überwintern gleich in Deutschland: „Das Rotschwänzchen bleibt auch gerne die kalten Monate über in Fabriken oder Bahnhofshallen“, sagt Fiegert.

Ihm und anderen aufmerksamen Beobachtern fällt ein erschreckender Einbruch auf: „Es gibt viel weniger Insekten als noch vor ein paar Jahren. Somit fehlt den Vögeln ihre Nahrungsgrundlage und in der Folge geht auch deren Population zurück.“ Heinz Schöttner fügt hinzu: „Kuckucksrufe hört man nur noch selten.“ Auch der Halsbandschnäpper hat es schwerer. Er ist ein Höhlenbrüter und findet immer weniger Nistplätze.

Die beiden Vogelliebhaber sind sich einig, dass man mehr für den Insektenschutz tun sollte. „Es sollte mehr Blühwiesen geben - auch wenn es nur ein kleiner Teil im Garten ist, den man für die Insekten und somit auch für die Vögel stehen lässt“, betont Heinz Schöttner. Kar-Heinz Fiegert fügt hinzu: „Chaosgärten bewirken mehr für die Natur als man denkt. Wenn schon der Kleingärtner mit einer Giftspritze der Hummel hinterher rennt, ist das schlecht.“ Was der Vogelpopulation außerdem immer mehr zum Verhängnis wird, ist die industrielle Landwirtschaft. „Durch die Monokulturen fehlt die Vielfalt an Pflanzen und dadurch das Nahrungsangebot für Insekten. Man sieht in den Städten bald noch mehr Vögel als auf dem Land“, sagt er.

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