Lenninger Tal

„Der Graupner-Katalog
war die Bibel“

Modellflug Vor Kurzem hat die Graupner/SJ GmbH in Kirchheim ein Insolvenzverfahren beantragt. Eine traurige Nachricht, auch für Steffen Wiesner und Holger Justus von der Modelltechnikfirma Tangent. Von Peter Dietrich

Steffen Wiesner (links) und Holger Justus sind alte „Graupnerianer“ und betreiben heute die Firma Tangent.Fotos: Dietrich
Steffen Wiesner (links) und Holger Justus sind alte „Graupnerianer“ und betreiben heute die Firma Tangent. Fotos: Dietrich

Die südkoreanische Muttergesellschaft stellt den Geschäftsbetrieb in Kirchheim ein, deshalb hat die Graupner/SJ GmbH vorsorglich einen Antrag auf Einleitung des Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt. Davon sind dort 45 Mitarbeiter betroffen. Das klingt für Steffen Wiesner und Holger Justus von der Modelltechnikfirma Tangent in Unterlenningen seltsam vertraut. Beide haben früher bei Graupner gearbeitet, doch im Februar 2013 meldete die damalige Graupner GmbH & Co. KG Insolvenz an. Damals gelang es den beiden, gemeinsam mit einem dritten Kollegen, die Produktgruppe Tangent aus der Insolvenzmasse herauszulösen und mit einem Neustart weiterzuführen. Tangent, eine zuvor eigenständige Firma in Amstetten, war Ende 2008/Anfang 2009 an Graupner verkauft worden.

Wer pflegt dieses Hobby? Meistens sind es Männer ab 40 Jahren, sagen die beiden. Viele kehrten nach einer Pause zwecks Familiengründung zum Jugendhobby zurück, manche pflegten das Hobby noch mit über 90 Jahren, draußen an der frischen Luft und mit gesunder Bewegung.

„Man lernt intuitiv den Umgang mit Holz, Kunststoffen, Glasfaser und Harzen, das Löten und das Verständnis für Elektrotechnik“, sagt Steffen Wiesner. „Da bist du schon ein halber Handwerker.“ „Wenn die Kaffeemaschine kaputt ist, schraubt der Modellbauer sie auf“, ergänzt Holger Justus. Man lerne zudem, das Wetter zu deuten - nicht nur, ob es regnet oder nicht, sondern auch die herrschende Windstärke und Windrichtung. Wer in der Ebene fliegt, kann das mit Erlaubnis des Grundstückseigentümers mit Fliegern bis fünf Kilogramm ohne weitere Genehmigungen tun. Die Hangflieger unterhalb der Teck haben hingegen auf die Einweisung des Flugleiters vom Modellsport-Club Kirchheim (MSC) zu achten.

Immer mit dem ersten schönen Wochenende im neuen Jahr steige plötzlich die Nachfrage nach Ersatzteilen, berichtet Steffen Wiesner. Die einen merken ihren Bedarf schon vor dem Start, andere haben eine schräge Landung hingelegt. Ebenfalls schräg: „Einmal hatte ein Kunde von uns einen Karbonverbinder zwischen Flügel und Rumpf in Dubai im Sand verloren.“

Die Flügelproduktion ist gar nicht so einfach. „Da stecken ein paar Geheimnisse drin, das ist ein langfristiger Prozess gewesen, man braucht spezielle Werkzeuge“, sagt Holger Justus. Aus diesem Grunde habe sich Tangent das Verfahren nicht patentieren lassen: „Dann müssten wir es offenlegen.“

Für die Schwierigkeiten von Graupner sehen die beiden viele Gründe. Als er 2005 bei Graupner begann, sagt Holger Justus, habe es in Deutschland schätzungsweise über 1000 Fachhändler gegeben. „Heute sind es vielleicht noch 100.“ Zuerst hätten größere Händler mit eigenen Direktimporten begonnen, dann seien auch kleinere Händler gefolgt. Das drücke die Preise. „Da gibt es dann denselben Flieger überall, nur in anderem Design.“

Die derzeitige „HoTT“-Fernsteuerung von Graupner sei technisch einwandfrei und sehr erfolgreich, sagen beide. Zuvor habe Graupner aber auf ein amerikanisches System gesetzt, das nicht richtig funktionierte.

Das Sortiment war riesig. Holger Justus zieht einen telefonbuchdicken Katalog aus der Schublade: „Das ist der letzte Graupner-Katalog von 2016. Der Graupner-Katalog war die Bibel. Man kannte als Jugendlicher die Flieger mit ihren Bestellnummern auswendig.“ Die Welt ohne Graupner? „Das wäre, wie wenn der Daimler sagen würde, uns gibt es nicht mehr.“ Technisch habe Graupner immer als innovativ und ganz vorne gegolten, unter anderem mit Autos mit Brennstoffzellenantrieb. „Andere Hersteller haben Graupner dann kopiert“, sagt Steffen Wiesner. „Aber es nie ganz hingekriegt.“

Ohne Graupner/SJ hätte es auch Tangent schwerer, bezieht die Firma doch Einzelteile von Graupner. Bei manchen kennt Holger Justus als ehemaliger Einkäufer zwar die Quellen, aber oft gebe es dort hohe Mindestmengen: „Was will ich mit 80 Kilogramm Messingrohren?“ So wünscht Holger Justus Graupner viel Glück.

So wie er selbst es bei der Gründung der eigenen Firma einst hatte: „Ich habe damals den kompletten Rauminhalt meines Büros ersteigert. Ich hatte vorher auf Verdacht die neuen Räume gemietet, ohne zu wissen, ob es klappt. Das hier, die Tische und so weiter, ist alles Graupner. Wir sind zweimal umgezogen, zuerst in einen Holzschuppen und dann hierher. Das wollte ich wirklich nicht nochmals machen. Ja, man braucht viel Glück.“

Bei der Firma Tangent in Unterlenningen, Flügel, das Design ist sehr wichtig
Bei der Firma Tangent in Unterlenningen ist das Design sehr wichtig.

Modellsportler brauchen Zeit und Geld

Hier entstehen Lasercut-Teile aus einer Holzplatte.
Hier entstehen Lasercut-Teile aus einer Holzplatte.

Ein Bausatz von Tangent kostet zwischen 450 und 1850 Euro, die Elektronik, der Antrieb und die Akkus gehen extra, fix und fertig investiert ein Liebhaber also etwa zwischen 1000 und 6000 Euro für ein Flugmodell. Der Sender geht extra. 50 bis 200 Stunden müssen ungefähr für den Zusammenbau kalkuliert werden. Die Ausstattung hat sich stark verändert: Vor zehn oder 15 Jahren galt ein Hilfsmotor als verpönt, die Piloten mit einem solchen galten als Weicheier. Heute gibt es allerdings fast nur noch Flieger mit einem solchen Elektromotor. Die Lithium-Akkus sind außerdem sehr viel leichter als die früheren Nickel-Cadmium-Akkus. Zudem sind die Antriebe mit der Zeit deutlich günstiger geworden.pd

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