Lenninger Tal

Der Liederkranz ist verstummt

Chor 164 Jahre nach der Gründung hat sich der älteste Gutenberger Verein aufgelöst. Die Sangeslust lässt den Vorsitzenden Rolf Schöpf nicht los. Von Anke Kirsammer

Stolz präsentieren Fritz Reichle, Karl Ehni und Karl Krehl (v.li.) 1928 zum 75-jährigen Bestehen des Liederkranzes Gutenberg die
Stolz präsentieren Fritz Reichle, Karl Ehni und Karl Krehl (v.li.) 1928 zum 75-jährigen Bestehen des Liederkranzes Gutenberg die neue Fahne. Zum 100-Jährigen gab‘s einen Pokal, den Rolf Schöpf wie viele andere Erinnerungsstücke des Chors aufbewahrt, Das 150-jährige Bestehen wurde 2003 noch groß gefeiert (oben).Fotos: privat/Jean-Luc Jacques

Rolf Schöpf ist ein Vereinsmensch durch und durch. Seit 65 Jahren gehört der Gutenberger zum Albverein, 60 Jahre zum Turnverein und 54 Jahre zum Musikverein. 1953 trat er in den Liederkranz ein. Als dessen Vorsitzender hat der 79-Jährige das Aus jetzt mit besiegelt. Dass er 164 Jahre nach der Vereinsgründung im doppelten Wortsinn das Licht ausmachen musste, tut ihm in der Seele weh. Die Versammlung, in der der Verein aufgelöst wurde, fand in der „Linde“ statt, die Rolf Schöpf Jahrzehnte mit seinem Bruder bewirtschaftet hatte. Die Gaststätte wird jetzt nur noch für Leichenschmäuse und einmal in der Woche für den Musikverein geöffnet. Weil sich nicht mehr genügend Sänger fanden, war der älteste Verein im Ort 2008 stillgelegt worden. Nun wurde er auch offiziell zu Grabe getragen.

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Im Verein sein hieß rauskommen

„Für mich ist Singen das Leben - von der Geburt bis zum Sterben“, sagt der Gutenberger. Sein Vater und der Großvater wirkten bereits aktiv im Liederkranz mit. Als 17-Jähriger packte auch Rolf Schöpf nach dem Besuch einer Weihnachtsfeier die Sangeslust, deshalb „trug er sich an“ und durfte mit für das „100-Jährige“ proben, das 1953 groß gefeiert wurde. Stolz präsentiert er ein vor dem Rathaus aufgenommenes Foto des Chors. „Zwei von denen, die damals dabei waren, leben noch“, sagt er und zeigt auf ein jugendliches Gesicht: „Des ben i.“ 33 Mitglieder zählte damals der Liederkranz. Selbst Schlattstall hatte noch einen Gesangverein. „Die hatten gute Männer. Die haben uns unterstützt und wir die“, erklärt Rolf Schöpf, der bei seinen Aktivitäten gerne über den sprichwörtlichen Tellerrand hinausblickt.

In einen Verein einzutreten, bedeutete früher, aus dem Flecken rauszukommen. „Wir hatten ja keinen Fernseher und kein Auto“, erinnert sich Rolf Schöpf. Die Kameradschaft genoss bei den Mitgliedern einen hohen Stellenwert. Gemeinsam wurden Ausflüge unternommen, Jubiläen gefeiert. Regelmäßig stand der Besuch von großen Sängertreffen und Festen anderer Vereine an. Zum Jahresprogramm gehörte die Frühjahrsunterhaltung, das Singen am vierten Advent und an Weihnachten in der Kirche. Heute sei es schwierig, junge Leute zu binden, weiß Rolf Schöpf. „Wer von der Familie keine Unterstützung hat, ist heute hier und morgen dort“, so lautet seine Erfahrung. Der Gutenberger Kinderchor, in dem zu Hochzeiten 30 Jungen und Mädchen sangen, brachte dem Liederkranz nicht den erhofften Nachwuchs. „Das sind immer weniger geworden. Die hatten andere Interessen“, so erklärt sich der Metzger den Schwund.

Schwierigkeiten, zu überleben, hatte der Gesangverein bereits Anfang der 1970er-Jahre. Bis dahin noch ein reiner Männerchor, durften nun auch Frauen mitsingen. Von da an ging es aufwärts: 2003 feierte der Verein mit der Aufführung von „Orpheus und Eurydike“ unter der Leitung von Siegfried Karl seinen größten Erfolg.

Welche Bedeutung der Gesangverein für Rolf Schöpf hatte, zeigen Sätze wie dieser: „1964 habe ich geheiratet, 1965 bin ich zum Vorsitzenden gewählt worden.“ Für sechs Jahre hatte er den Posten inne, über zwei Jahrzehnte war er der zweite Mann im Verein, und nach der Stilllegung Ende 2008 bis zur jetzigen Auflösung stand er erneut an der Spitze.

Als seinen Ziehvater bezeichnet Rolf Schöpf den langjährigen Vorsitzenden Friedrich Steinbrück. Umso mehr schmerzt es ihn noch heute, dass er den Gesangverein nicht am Leben erhalten konnte, obwohl er es Steinbrück 1962 versprochen hatte. Damals veranstaltete der Liederkranz ein Standartenfest, um die Vereinskasse aufzubessern. Dabei spielte der Unterlenninger Musikverein. „Das hat uns gefallen“, erzählt Rolf Schöpf. Mit drei anderen Gesangvereinsmitgliedern wurde unter großen Bedenken Steinbrücks beschlossen, auch in Gutenberg einen Musikverein zu gründen. - „Den Musikverein gibt es heute noch, den Gesangverein nicht“, sagt Rolf Schöpf bedauernd. Er fuhr jahrzehntelang zweigleisig: Einmal pro Woche ging‘s in die Singstunde, an einem anderen Abend blies er die Tuba.

Schöpf singt jetzt auswärts

Weil es in Gutenberg keine Gelegenheit mehr gibt, verstärkt Rolf Schöpf nun als erster Bass vier verschiedene Vereine: Alle vier Wochen fährt er zum „Singtreff“ nach Unterlenningen, ebenfalls im Vier-Wochen-Turnus geht‘s zum Heidengrabenchor, in dem sich Männer aus Hülben, Grabenstetten und Erkenbrechtsweiler versammeln, er singt im Männerchor in Erkenbrechtsweiler und ist beim „CoChor“ mit von der Partie, der abwechselnd in Brucken und in Owen probt. Noch heute hängt Rolf Schöpf an den Melodien, die er 1953 mit dem Chor anstimmte. Dazu gehört der „Donauwalzer“ und „Der alte Schäfer“ - sein „Leib-und-Leben-Lied“. Was die „jungen Chöre“ heute singen, ist nicht sein Stil. Mit englischer Literatur tut er sich schwer. „I ben a Schwob“, sagt Rolf Schöpf lachend, „aber jeder soll senga, was er mog.“

Der 79-Jährige blättert in seinem Album, das nicht nur sein Geburtshaus in Gutenberg und frühe Familienbilder zwischen den Buchdeckeln versammelt, sondern auch zahlreiche Fotos von Auftritten mit dem Liederkranz und dem Musikverein. Versonnen bleibt sein Blick an einem Bild hängen, das ihn und seine fünf Töchter mit Blasinstrumenten und in Vereinsuniform zeigt. „Das Foto ist ideal“, sagt der Vater mit glänzenden Augen.

„Junge Chöre laufen gut“

Wie viele Gesangvereine im Chorverband teilen denn das Schicksal des Liederkranzes Gutenberg?

Udo Goldmann: Gemessen an anderen Verbänden hält es sich noch im Rahmen. In den letzten vier Jahren waren es drei Gesangvereine, die sich aufgelöst haben. Wenn man sich allerdings den Altersdurchschnitt vieler Chöre anschaut, fürchte ich, dass das erst der Beginn ist.

Gibt es denn Ideen, wie sich der Entwicklung gegensteuern lässt?

Goldmann: Wir vom Dachverband können den Vereinen nur Vorschläge machen. Einer ist, Kooperationen einzugehen und mit benachbarten Chören einen größeren auf die Beine zu stellen. Eine andere Idee ist, Vocalensembles mit vier bis acht Personen zu gründen, die Zuhörern zeigen, wie schön Chorgesang sein kann.

Müsste man nicht auch die Kinder zum Singen animieren?

Das halte ich für wesentlich schwieriger, aber auch nicht für ganz aussichtslos. Man müsste Menschen finden, die Kinderchöre gründen, beispielsweise über Kindergärten und Schulen.

Wie läuft es mit den „Jungen Chören“?

Die haben wir vor zehn Jahren gegründet. Sie laufen gut. Das ist ein Phänomen. Sie waren im Schwäbischen Chorverband die ersten, die fremdsprachige Lieder, Rock- und Poptitel gesungen haben. Immer öfter übernehmen sie die Funktion der Stammchöre und sind inzwischen gar nicht mehr so jung.

Wie wird es mit den „Jungen Chören“ weitergehen?

Die Älteren wollen keine englischen Lieder singen, die Jüngeren keine klassische Volksliedliteratur. Wenn aber die „Jungen Chöre“ singen, jubelt der ganze Saal. Die Zustimmung, die sie bekommen, wird immer größer. Anke Kirsammer