Lenninger Tal

Der Mut hat sich gelohnt

Moiadag Die Owener feiern ihren Nationalfeiertag bei strahlendem Sonnenschein. Von Iris Häfner und Mirko Lehnen (Fotos)

Foto: Mirko Lehnen

Sorgenvolle Blicke zum Himmel, die ersten Regenschirme werden aufgeklappt – kurz vor neun Uhr säumen immer mehr Zaungäste den Schulhof in Owen, um den blumengeschmückten Kindern beim Bändertanz zuzuschauen. Von fern sind die ersten Töne der Stadtkapelle zu hören, je näher sie kommen, desto lauter wird die Musik. Als ihr Stück endet, ist es für die Tänzer das Signal, loszumarschieren – und dann braucht es doch noch einen kräftigen Schlag auf die Rahmentrommel durch die „Tanzlehrerin“, um die junge Truppe in Bewegung zu setzen. Alles klappt sprichwörtlich wie am Schnürchen, die Bänder verknüpfen sich, je länger die Buben und Mädchen im Kreis tanzen. Als ein schönes Netz zu sehen ist, wird der „Rückweg“ angetreten und alles wieder entwirrt. Die Erleichterung ist den Eleven ins Gesicht geschrieben, als sie flotten Seitschritts dem Schulhaus entgegenhüpfen.

 

 

Wettervorhersage raubt Verena Grötzinger den Schlaf
Petrus hat ein Einsehen. Zwar ist der Himmel immer noch zugezogen, doch es hat endgültig aufgehört zu regnen. Nächste Station ist das Rathaus. Geduldig wartet Bürgermeisterin Verena Grötzinger, bis die letzten Kinder auf dem Platz unter ihrem Balkon stehen. Auch sie hat an diesem Morgen eine Herausforderung zu bestehen. Das Bein nach einer Achillessehnen-OP im Schutzschuh verpackt, musste sie die steilen Stufen in den ersten Stock erklimmen, und das nach dieser Nacht. Den Schlaf geraubt hat ihr die Wettervorhersage. Die Quote – Maienwasen vs. Teckhalle – steht noch gegen sie, denn die Owener feiern den Festtag des Jahres lieber unter freiem Himmel. Und dann fällt der Satz, auf den alle gewartet haben. „Als ich mich heute Morgen für den Maienwasen entschieden habe, hat es begonnen zu regnen. Aber meine Entscheidung steht. Ab 10 Uhr kommt die Sonne“, sagt sie. Tatsächlich reißt noch am Morgen die Wolkendecke auf. Ob da im ökumenischen Gottesdienst noch das ein oder andere Gebet gen Himmel geschickt wurde?

Foto: Mirko Lehnen

Am Nachmittag strahlen die Gesichter mit der Sonne um die Wette. Nicht nur die Musiker machen sich auf den steilen Weg hoch zum Maienwasen. Dort ist schon alles bestens vorbereitet: die Bänke unter den Birken im Oval aufgestellt, die Requisiten in Reichweite. Die Wurstwalze wartet schon auf ihren Einsatz in einem Berg von frischen Holzhackschnitzeln als Fallschutz. Gleich präpariert ist auch der Boden unter den beiden Kletterbäumen, an denen schon die Geschenke baumeln.
Nach einer kurzen Verschnaufpause stimmt der Musikverein sein Stück an, und die Kinder ziehen auf die beschattete Wiese ein. Und schon geht‘s los. „Wir spielen für Sie: Was isch au dees?“, stimmt ein Mädchen am Mikro die Gäste ein. Eltern, Großeltern, Tanten und Freunde haben es sich auf den Bänken gemütlich gemacht und warten gespannt darauf, was in der nächsten Stunde so alles passiert. Der Bauhof hat einen Schubkarren zur Verfügung gestellt, der Schriftzug Owen prangt darauf, und das Gefährt ist von Gebrauchsspuren gezeichnet. Ein Nachwuchsmitarbeiter schiebt die Karre, sein Kollege hat die Schaufel geschultert, und ein Mann singt aus der Retorte über Müll und dessen sinnvolle Entsorgung etwa im Pfandflaschenautomat im Supermarkt. Die beiden Müllmänner unterhalten sich und kommen zu dem Schluss: „Do hosch recht, pagga mr‘s a.“

Kinder stürmen zur Wurstwalze
Viele Gegenstände werfen bei den jungen Theaterspielern Fragen auf, sie wissen nicht so genau, was es ist: Ein Wiesen-Beamer oder doch ein Stuhl? Eine Weihnachts-, Kanonen- oder Zauberkugel? Eine Riesenschlange, der längste Wurm der Welt oder ein schönes Seil? All diesen Fragen muss auf den Grund gegangen werden, und deshalb tummeln sich auf der Wiese Raben, Hühner, Ziegen, ein Schweinchen, eine Kuh und eine Katze, eine goldene Gans – und sogar Äffle und Pferdle. Es findet ein Formel-1-Rennen statt, ebenso Tauziehen und Seilhüpfen, und zwischendurch tanzen die farbenfrohen Elfchen. Im Müll taucht auch ein altes Radio auf. Zu hören ist deshalb eine Wochenschau aus dem Jahr 1954, bei der ein gewisser Rahn ein Tor schießt. Diese Szene wird nachgespielt, und der Torjubel erschallt.

Das Ende der Spielzeit ist erreicht. Die Kinder stürmen aus dem Oval und zielsicher entweder auf die Wurstwalze oder die Kletterbäume zu. Hilfestellung durch die Erwachsenen gibt es an allen Geräten, die Kletterer werden durch Gurt und Seil gesichert. So langsam füllt sich auch ein Biertisch nach dem anderen, die Festwirte haben ab sofort alle Hände voll zu tun, die Owener feiern ihren Nationalfeiertag im Schatten unter den Bäumen. Irgendwie erinnert die Szenerie an das Schlussbild einer bekannten Comicreihe aus Frankreich – das keltische Erbe lässt grüßen. Die Barden sind hier jedoch wohl gelitten, sie erfreuen mit ihren Klängen, denn auf die Bäume klettern nur die Kinder.

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