Lenninger Tal

Der Oberlenninger Pfarrersohn Carl Theodor Kolb als Höhlenforscher und sein ungeklärtes Schicksal

Der Oberlenninger Pfarrersohn Carl Theodor Kolb als Höhlenforscher und sein ungeklärtes Schicksal
Der Oberlenninger Pfarrersohn Carl Theodor Kolb als Höhlenforscher und sein ungeklärtes Schicksal

Der 21-jährige Architekturstudent Carl Theodor Kolb hatte im Frühjahr und Sommer 1875 seine ersten Erkundungen in der Falkensteiner Höhle gemacht und nach einem niederschlagsarmen Sommer und Herbst die Chance erkannt, tiefer in die Höhle einzudringen. Seit Januar 1875 war sein Vater Friedrich Josef Kolb Pfarrer in Oberlenningen. Zuvor war er Pfarrer in Wippingen bei Blaubeuren, der so höhlenreichen Albgegend. Dort dürfte das Interesse des jugendlichen Carl Theodor geweckt worden sein. Die Pfarrfamilie war bald mit dem Schultheiß Carl Sigel befreundet. Dieser schrieb mehrere Briefe mit gestochen klarer Schrift an das „Königliche statistisch topographische Bureau“ in Stuttgart: „Die so ungemein huldvolle Anerkennung unserer Bemühungen in Beziehung auf die genauere Untersuchung der Falkensteiner Höhle und die Wiedererstattung unserer Auslagen . . . spreche ich meinen ehrerbietigsten Dank aus“. Man fühle sich geehrt und er weise darauf hin, dass Pfarrer Kolb am Höhleneingang Zeichnungen gemacht habe, der Erfahrungsbericht von dessen Sohn baldmöglichst zugesandt werde. Die 13-stündige Vermessung der 448Meter langen Strecke schildert Carl Theodor Kolb in den „Württembergischen Jahrbüchern, Jahrgang 1875, II. Theil“, mit allen Entdeckungen, Schwierigkeiten und Schönheiten. Es ist ein anschaulich detailgenauer langer Bericht. Der Schreiber erweist sich offen für neue Erkenntnisse im Vergleich mit ihm bekannten Forschungen. Von den legendären schwarzen Forellen habe man nichts entdecken können, jedoch den Pilz Rhizomorpha. Kolb beschreibt den Wechsel der Höhlendimensionen, von den schwer zu überwindenden Felsblöcken bis zu einem Kuppelraum mit großartigen Tropfsteinbildungen, von dem mühsam her geschleppten Floßbrettern, von Schlammschichten und der Umkehr einiger Männer, von einer „lebhaft hervorsprudelnden Quelle aus einem Schuttkegel“, vorbei an den Goldgräberstollen mit zurückgelassenen löchrigen Kisten. „In dem nach oben gearbeiteten Stollen fanden wir ruhig schlafend eine lebende Fledermaus, eine Vesperugo noctula, – grosse Speckmaus“. Kolb verweist auf die „bemerkenswerthen schornsteinartigen Trichter, deren Ende unsere Lichter nicht erreichten. . . . Sehr wahrscheinlich aber ist, dass sie der Höhle bei Regenwetter viel Wasser zuführen; . . . und schließlich beeilten wir uns, stundenlang am Unterkörper vollständig durchnässt, den Eingang der Höhle zu erreichen.“ Dass die Falkensteiner Höhle bis heute als „Höhle ohne Ende“ den Forscherdrang antreibt, konnten die Forscher damals kaum ahnen. Nach dem im November 1875 verfassten Bericht gibt es erst Jahre später eine Nachricht über Carl Theodor Kolb. Wegen der Erbschaft seines verstorbenen Bruders beurkundete der alte Vater, Pfarrer und wohlhabender Fabrikantensohn, dass „Carl Theodor Kolb, geboren am 19. Mai 1856, verschollen im Jahre 1877, ohne förmlich auszuwandern, verschwunden, und ist von dessen Leben oder Aufenthalt seither nimmermehr etwas bekannt geworden.“ Dem Amtsnotariat Owen bestätigt Schultheiß Sigel: „Carl Theodor Kolb ist nicht ausgewandert, sondern in einem Anfall von Geistesstörung vom Stuttgarter Katharinen Hospital aus spurlos verschwunden.“ Um dieses Schicksal hatte sich im Ort allerlei Gerede gerankt. Er habe sich vielleicht im Alleingang bei einer Höhlenbefahrung verletzt oder die Orientierung verloren, seine Kräfte überschätzt. Er sei womöglich in eine unentdeckte Tiefenhöhle oder ins Aibischloch beim Konradsfelsen gestürzt. Die angeblichen Zeichnungen des künstlerisch begabten Pfarrer Kolb vom Falkensteiner Höhleneingang sind derzeit unauffindbar. Das Amtsgericht Kirchheim ließ zum 1. Januar 1900 den Verschollenen für tot erklären. Die beiden Schwestern Marie Luise, Ehefrau eines Basler Kaufmanns, und Clara, die ledige Malerin und Ulmer Kunstlehrerin, konnten von dem väterlichen Erbe von 20 000 Mark gut leben. Clara verstarb im hohen Alter im November 1942 in Ulm. Ihre Ölgemälde mit romantischen Motiven aus dem Lenninger Tal schmücken noch heute manche Publikationen und einige Oberlenninger Bürgerstuben.

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