Lenninger Tal

Der schwäbische Goldrausch

Geologie Nach Gold wurde nicht nur in Amerika gesucht. Mit der Hoffnung auf Reichtum suchten Abenteurer auch in Schlattstall nach dem glänzenden Edelmetall. Von Daniela Haußmann

Ort der Begehrlichkeit: Nur der Sage nach wurde im Goldloch in Schlattstall das wertvolle Edelmetall gefunden.Fotos: Daniela Hau
Ort der Begehrlichkeit: Nur der Sage nach wurde im Goldloch in Schlattstall das wertvolle Edelmetall gefunden.Fotos: Daniela Haußmann

Eine regelrechte Fieberwelle schwappte im 18. Jahrhundert über den großen Teich nach Deutschland. Selbst Schlattstall und Grabenstetten blieben nicht von jenem Virus verschont, mit dem sich in Amerika zahllose Menschen infiziert hatten. Was dort als Goldrausch in die Annalen einging, hinterließ auch am Fuße der Schwäbischen Alb seine Spuren. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Neuigkeit von den Funden in Übersee. Zurückgekehrte Auswanderer erzählten Geschichten von Glanz und Reichtum, die Zeitungen schürten die Goldhysterie nach Kräften - angesteckt von so viel Euphorie versuchten viele auch hierzulande ihr Glück, wie Geograf Reiner Enkelmann weiß.

Anzeige

Wer hinterm alten Schlattstaller Rathaus dem Quellarm der Schwarzen Lauter bis zu ihrem Ursprung folgt, gelangt unweigerlich ans Goldloch. „Ein Knecht hat dort der Sage nach Zapfen aus purem Gold entdeckt“, erzählt Enkelmann. „Kurzerhand brach er einen von der Decke ab und verkaufte ihn an einen Goldschmied, der ihm so viel Geld dafür gab, dass sich der Knecht in der Fremde eine eigene Mühle leisten konnte.“ Ehe er in die Fremde zog, vertraute er sein Geheimnis einem Mahlknecht an. Allerdings jagten dem die Vögel an den Höhlenwänden einen derartigen Schrecken ein, dass er ohnmächtig zu Boden fiel. „Irgendwie schaffte es der Mahlknecht, wieder nach Hause zu kommen, wo er bald darauf starb“, so Reiner Enkelmann. „Sein Wissen um den Schatz nahm er mit ins Grab.“

Es muss wohl die Mischung aus dem Glauben an die Sage und die zu jener Zeit um sich greifende Goldgräberstimmung gewesen sein, die ein paar Abenteurer um 1825 dazu bewog, die Öffnung der vorderen Lauterquelle mit der Spitzhacke zu erweitern. „Wie Gold entsteht, war damals völlig unbekannt“, erzählt Reiner Enkelmann. „Man nahm an, dass es in jedem Berg Adern gibt, die man nur finden muss.“ Klüfte, Spalten, Schächte und Höhlen boten in den Augen vieler deshalb einen leichten Zugang ins Felsmassiv. Allerdings war das Prinzip „man muss nur tief genug graben“ eine Fehlannahme. Das Edelmetall lagerte ursprünglich nämlich im Erdinneren, genauer im Magma. „Durch den enormen Druck und die hohen Temperaturen, die dort unten vorherrschen, steigt das flüssige Gestein durch Risse und Spalten in der Erdkruste nach oben“, erklärt der Landschaftsführer vom Naturschutzzentrum Schopflocher Alb.

Auf seinem Weg nach oben trifft die heiße Gesteinsschmelze auf Grundwasser, das beim Kontakt explosionsartig verdampft. „Dabei werden die im Magma vorhandenen Gold- und Silberatome freigesetzt.“ So entstehen, laut Reiner Enkelmann, „Goldvorkommen, die sich in kristallinen Gesteinsarten, zum Beispiel Granit und Gneis, einlagern“. Während dieses Urgestein hier in der Gegend von mächtigen Sedimenten überlagert ist, haben Verwitterung und Erosion im Südschwarzwald das Grundgebirge freigelegt. Im Mittelalter kamen die aus Weilheim stammenden Zähringer so zu Macht und Reichtum. Sie bauten im Südschwarzwald in Stollen Silber ab.

Damit ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich diejenigen, die in Schlattstall ihr Glück versuchten, vergeblich abmühten. Ein üppiges Vermögen wollten auch jene Männer machen, die um 1770 bei Grabenstetten in die Falkensteiner Höhle vordrangen. „Was auf den ersten Blick wie Gold aussah, entpuppte sich beim genauerem Hinsehen als eine Ansammlung glitzernder Steinplättchen“, berichtet Reiner Enkelmann. Im Goldrausch wurden in dem ehemaligen Vulkanschlot sogar einige Stollen angelegt. Außer eisenhaltigem Bohnerz wurde dort nie etwas Wertvolles gefunden. „1784 bereiteten die Behörden in Bad Urach dem Spuk ein Ende. Sie machten deutlich, dass es in der Höhle kein Edelmetall gibt“, berichtet Reiner Enkelmann.

Geograf und Landschaftsführer Reiner Enkelmann kennt die geologischen Zusammenhänge von Goldvorkommen.
Geograf und Landschaftsführer Reiner Enkelmann kennt die geologischen Zusammenhänge von Goldvorkommen.

Ursachen des Goldrauschs

Gold beflügelt die Fantasie der Menschen schon seit 5000 vor Christus. Das glänzende Symbol für Macht, Prestige und Unsterblichkeit zog seit dem Mittelalter auch die Alchemisten in seinen Bann. Viele Jahrhunderte lang versuchten sie, unedle Metalle in Gold zu verwandeln und so das knappe Gut zu vermehren. Schon vor den großen Funden in Amerika gab es laut Reiner Enkelmann also eine allgemeine Euphorie, die auch von wissenschaftlicher Seite geschürt wurde. Diese überschwängliche Goldgräberstimmung wird wahrscheinlich ihren Teil zum Vorstoß in das Goldloch und die Falkensteiner Höhle beigetragen haben, wie Reiner Enkelmann vermutet.dh