Lenninger Tal

Der Wunsch ist ein DORV-Zentrum

Gemeindeleben Eine Initiative möchte einen Treffpunkt in Schopfloch, der einen Laden, Gastronomie und andere Angebote unter einem Dach vereint. Erster Baustein ist eine vom Land geförderte Analyse. Von Anke Kirsammer

Alexander Macho, Martin Wünsche, Michaela Gernert, Stefan Lipka, Eberhard Junginger, Sofie Schneeweiß, Annemarie Schulmeyer und
Alexander Macho, Martin Wünsche, Michaela Gernert, Stefan Lipka, Eberhard Junginger, Sofie Schneeweiß, Annemarie Schulmeyer und Norbert Lux (v. li.) bilden das DORV-Team. Ehrenamtlich wollen sie ein Konzept für ein Zentrum in Schopfloch erarbeiten. Foto: Markus Brändli

Einen Lebensmittelladen gibt es in Schopfloch schon seit Jahren nicht mehr. Zweimal in der Woche können Backwaren und einzelne Artikel des täglichen Bedarfs im Ort eingekauft werden, aber in der Regel sind die Bewohner gezwungen, sich auswärts mit Lebensmitteln einzudecken. „Ich würde gerne mal zu meinem Sohn sagen, ‚hier hast du zwei Euro. Geh mal einen Liter Milch kaufen‘“, sagt Sofie Schneeweiß. 2016 ist sie mit der Familie nach Schopfloch gezogen und vermisst im Dorf eine Möglichkeit, einzukaufen. Doch nicht nur das: „Es wäre toll, wenn es einen Treffpunkt gäbe“, meint sie. Einen Ort, an dem man zwanglos beispielsweise auf einen Kaffee zusammenkommen könnte. An dem aber auch Dienstleistungen angeboten werden und an dem Kulturveranstaltungen stattfinden. Wie ihr geht es auch anderen. Acht Bürger haben sich deshalb zu einem DORV-Team zusammengeschlossen. DORV ist nicht etwa falsch geschrieben, die vier Buchstaben stehen für Dienstleistung und ortsnahe Rundumversorgung. Nach dem Vorbild anderer DORV-Zentren in Deutschland wollen sie in Schopfloch eine ähnliche Anlaufstelle gründen.

Zuletzt hatte Sofie Schneeweiß in Berlin gewohnt und sich dort der Sozialunternehmer-Szene zugehörig gefühlt. Die Idee, in Schopfloch ein DORV-Zentrum voranzutreiben, gärt in ihr seit zwei Jahren. Darauf gestoßen war die Ergotherapeutin bei einem Hausbesuch, als wieder einmal das Thema „Dorfladen“ aufs Tapet kam. Schon von Berufs wegen setzt die 35-Jährige auf ganzheitliche Ansätze. Und genau das ist es, was ihr an den DORV-Zentren gefällt. „Wenn es nur Lebensmittel gibt, ist es schwierig“, sagt sie. „Mit mehreren Nischen unter einem Dach zieht‘s Leute an.“ Potenzial sieht sie auch im Hinblick auf Ausflügler - Radfahrer und Wanderer, die auf der Alb Erholung suchen und sich über ein Bistro, ein Eiscafé oder ein anderes gastronomisches Angebot freuen würden. Synergieeffekte könnte sie sich mit regionalen Betrieben und Erzeugern vorstellen.

Ihr ist bewusst, dass sie mit dem Ankurbeln des Tourismus nicht bei allen offene Türen einrennt. Im Vordergrund des Projekts stehen jedoch die Einheimischen. Sie sollen sich mit dem Zentrum und dessen maßgeschneiderten Angeboten identifizieren. Ihre Bedürfnisse werden in einer Basis­analyse - dem ersten Baustein eines DORV-Zentrums - grob erhoben. Dazu gehört eine Ortsbegehung. Geld für die Analyse ist da. 4000 Euro fließen aus dem Landesprogramm „Gut Beraten!“. Die Gemeinde steuert 2000 Euro bei.

Im Ortschafts- und Gemeinderat stieß das Vorhaben auf eine positive Resonanz. Ortsvorsteher Gunter Berger ist gespannt, was bei der Erhebung herauskommt. „Über den normalen Weg sind wir bezüglich eines Ladens nicht weitergekommen“, gibt er zu bedenken. Natürlich bezweifeln auch jetzt Leute, dass sich ein Geschäft in einem Dorf mit rund 700 Einwohnern trägt. Doch selbst, wenn es mit dem Laden nicht klappt, meinte ein Bürger nach der Infoveranstaltung: „Mit einem DORV-Zentrum ließen sich noch genügend andere Projekte realisieren.“

Die Realisierung hängt von der Aussicht auf Erfolg ab

Was in einem DORV-Zentrum angeboten wird, richtet sich nach dem Bedarf. Foto: pr
Was in einem DORV-Zentrum angeboten wird, richtet sich nach dem Bedarf. Foto: pr

Jülich/Freiburg. Eine Rundum-Versorgung - es ist nichts weniger als das, was die Einwohner des 1300-Seelen-Orts Barmen an ihrem DORV-Zentrum schätzen. 2004 gegründet, fußt es auf mehreren Säulen: Zu kaufen gibt es dort Fleisch, Obst und Gemüse aus der Region sowie andere Produkte des täglichen Bedarfs. Mit im Boot sind unter anderem ein Versicherungs- und ein Reisebüro, ein Zeitungsverlag und ein Paketdienst. „Der Kunde kauft an der einen Seite der Ladentheke seinen Sonntagsbraten und erhält auf der anderen Seite seinen Führerschein“, heißt es auf der Internetseite des DORV-Zentrums. Es gibt eine medizinisch-soziale Servicestation mit der Vermittlung von Altenpflege sowie eine Vereins- und Infoecke. Ein Arzt bietet in seiner Zweig-Praxis Sprechstunden an. Die Leute begegnen sich beim Kaffee, und es finden kulturelle Veranstaltungen statt - kurz, das Zentrum gleicht der sprichwörtlichen Eier legenden Wollmilchsau.

Auch wenn oft die Schließung des letzten Geschäfts im Ort den Anstoß dafür gibt, dass sich Bürger zusammentun, um einen neuen Laden zu gründen: „Es geht nicht nur um die Versorgung mit Lebensmitteln, sondern darum, einen Ort der Begegnung zu schaffen“, betont die Geschäftsführerin und Vorsitzende von SPES, der Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen, Ingrid Engelhart. Der Verein mit Sitz in Freiburg, der sich 2008 gründete, entwickelt Zukunftsmodelle. Dazu zählen Angebote, die es älteren Menschen ermöglichen, solange es geht, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, weitere Hilfen in vielerlei Lebensbereichen und dazu gehört das DORV-Zentrum. In enger Kooperation mit Experten aus der Praxis begleitet SPES die Initiatoren auf ihrem ganz individuellen Weg. Das Ergebnis sind maßgeschneiderte Zentren, die sich nach dem jeweiligen Bedarf richten. So versammelt das erste DORV-Zentrum in Baden-Württemberg in Eisental bei Bühl einen Laden und Dienstleistungen mit barrierefreiem Wohnen unter einem Dach.

In einem ersten Schritt wird eine Basisanalyse erstellt. Sie kostet 6000 Euro. 4000 steuert das Förderprogramm „Gut Beraten!“ des Landes bei. Die restlichen 2 000 Euro muss die Gemeinde zuschießen. Begleitet wird der Prozess unter anderem von Betriebswirtschaftlern und dem Barmener Ideengeber Heinz Frey. Zum Auftakt gehört eine Ortsbegehung. Unter die Lupe genommen werden unter anderem Dienstleistungen, es wird untersucht, wie stark sich die Bewohner mit dem Ort identifizieren und wie mobil sie sind. Nur wenn diese Daten vermuten lassen, dass das Zentrum wirtschaftlich arbeiten kann, wird der nächste Schritt angegangen. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie genau die Zahlen sind“, so Ingrid Engelhart. Gibt es grünes Licht für die Planung, werden alle Haushalte nach ihrem konkreten Bedarf befragt. Abgeklopft wird, welche Angebote die Bürger benötigen und welche Lebensmittel sie einkaufen. Wichtig ist die Einbindung regionaler Partner. Sie spielen auch eine Rolle bei der Festlegung der Betreiberstruktur. Während ein ehrenamtliches Team das Konzept entwickelt, wird das DORV-Zentrum später von Festangestellten betrieben. Ob GmbH oder Genossenschaft - denkbar sind verschiedene Modelle. „Ziel ist kein Strohfeuer, sondern Nachhaltigkeit“, betont Ingrid Engelhart. Hat das Projekt Aussicht auf Rentabilität, können bis zur Umsetzung weitere Fördergelder beantragt werden. In Deutschland gibt es gut 40 solcher Zentren. Kurz vor der Umsetzung ist Mehrstetten im Kreis Reutlingen. In der Dorfmitte entsteht ein Nahversorgungszentrum, das eine Genossenschaft betreiben wird. Anke Kirsammer

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