Lenninger Tal

„Die Alten bleiben im Dorf“

Diskussionsrunde zum Thema „Pflege konkret“ – Enquetekommission: Leistungsangebote müssen verbessert werden

Pflege ist komplex und kompliziert, der Bedarf und die Rahmenbedingungen verändern sich, und es gibt sie nicht umsonst. Zur offenen Diskussionsrunde „Pflege konkret“ hatten drei Landtagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen in die Stadthalle nach Plochingen eingeladen: Andrea Lindlohr, Andreas Schwarz und Manfred Lucha.

Plochingen. „Pflege ist eine der größten sozialpolitischen Herausforderungen“, sind Andrea Lindlohr aus dem Wahlkreis Esslingen und Andreas Schwarz vom Wahlkreis Kirchheim überzeugt. Zum Thema Pflege gibt es verschiedene Gesetze. Zu ihnen gehören das Wohn-, Teilhabe- und Pflegegesetz (WTPG), das Palliativgesetz, die Heimbauverordnung und das Pflegestärkungsgesetz. Die einen sind Ländersache, andere nicht, die ersten beiden Gesetze sind schon in Kraft getreten, das dritte befindet sich seit 2009 in der Umsetzungsphase und das vierte tritt in wenigen Wochen in Kraft.

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Eineinhalb Jahre lang hat die Enquetekommission „Pflege in Baden-Württemberg zukunftsorientiert und generationengerecht gestalten“ intensiv die Situation der Pflege untersucht und Empfehlungen für die Zukunft erarbeitet. Ende Januar wird sie ihre Ergebnisse im Landtag vorstellen. Der Stellvertretende Vorsitzende der Kommission ist Manfred Lucha. Er ist Landtagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Ravensburg und stellte zunächst die Fragestellungen und die Arbeit der Kommission vor. Untersucht wurden Aspekte wie Palliativpflege, Kultursensibilität, Prävention und Rehabilitation. Ziel sei es, eine qualitativ hochwertige Pflege dauerhaft zu sichern. „Wir haben jetzt noch rund 20 Veranstaltungen dieser Art, um weitere Anregungen aufzunehmen.“ Die Pflege in Baden-Württemberg sei strukturell auf einem guten Weg, doch müssten die Leistungsangebote weiter verbessert werden und es müsse eine echte Wahlfreiheit geben. Lucha betonte, dass die derzeitige Pflegeversicherung nur eine Teilkaskoversicherung sei, deshalb sei eine politische Diskussion über andere Finanzierungsmöglichkeiten notwendig, denn „alles, was wir reklamieren, bedeutet mehr finanzielle Ressourcen.“

Es gibt viele Knackpunkte, etwa der, dass Patienten schnell aus dem Krankenhaus entlassen werden und nicht immer gleich fit genug für die Reha sind. Dann belegen sie unter Umständen Plätze der Kurzzeitpflege, die eigentlich anders genutzt werden könnten. Das verabschiedete Palliativgesetz bringe viele Verbesserungen, sagte Silvio Schuster, Pflegedienstleiter des Esslinger Altenpflegeheims Obertor, aber nicht für die stationäre Pflege: „Ich wünsche mir, dass die stationäre Pflege nicht vergessen wird.“ Er plädierte für einen höheren Pflegesatz, denn das bedeute mehr Mitarbeiter, das erhöhe deren Zufriedenheit und das wiederum die Qualität der Arbeit. Außerdem bereitet ihm das Thema Nachwuchskräfte Sorgen.

Mit auf dem Podium war auch Stephan Nowak, Bereichsleiter Altenhilfe der diakonischen Einrichtung Stiftung Tragwerk in Kirchheim. Unter anderem betreibt die Stiftung das von den Pflegekassen mit „sehr gut“ ausgezeichnete Altenhilfezentrum Wächterheim. Er warnte vor einer Überregulierung im Qualitätsmanagement. Sechs verschiedene Zertifizierungs- und Qualitätsprüfungen habe es im vergangenen Jahr im Altenhilfezentrum Wächterheim gegeben, vier schon in diesem Jahr. Dann müsse zum Beispiel aufgrund einer neuen EU-Verordnung ein neuer Medikamentenschrank für 1 800 Euro gekauft und eingebaut werden. Auch er befürchtet eine Kostensteigerung: „Ein Ziel muss es sein, dass Pflege für den, der sie braucht, bezahlbar bleibt.“ Er wünscht sich außerdem, dass sich in Kommunen viele Menschen verschiedener Professionen gemeinsam Gedanken über eine mögliche Quartiersentwicklung machen.

Unterstützt von der Gradmannstiftung etablierte die Initiative „Lichtblick“ im neu gebauten Nachbarschaftshaus im Scharnhauser Park eine betreute Wohngemeinschaft mit einer großen Beteiligung der Angehörigen und von bürgerschaftlich Engagierten. Der Weg dahin war lang und es galt viele bürokratische Hürden zu bewältigen. Peter Stapelberg ist einer der Motoren dieser Wohngemeinschaft. „Es muss Vorortlösungen geben, eine Sensibilisierung stattfinden und die Systeme harmonisiert und intelligent vernetzt werden, dann kann auch in kleineren Kommunen das realisiert werden, was sich viele wünschen – dann bleiben die Alten im Dorf“, so Stapelberg.