Lenninger Tal

Die AWO wird gebraucht - unter anderem als „Mahner“

Jubiläum Die Arbeiterwohlfahrt feiert in der Stadthalle Plochingen ihr 100-jähriges Bestehen.

Herta Däubler-Gmelin redete bei der 100-Jahr-Feier. Foto: Dietrich
Herta Däubler-Gmelin redete bei der 100-Jahr-Feier. Foto: Dietrich

Plochingen. Als Gastrednerin für die 100-Jahr-Feier in der Stadthalle Plochingen hatte die Arbeiterwohlfahrt AWO die ehemalige Bundesjustizministerin Dr. Herta Däubler-Gmelin gewonnen. „Es hat keine große Überredung gekostet“, betonte sie. Sie ist seit über 50 Jahren selbst AWO-Mitglied. Das Besondere an der AWO sei, „dass sie Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Mitglieder hat, und alle wollen miteinander arbeiten“.

Sie blickte zurück: Als die AWO 1919 von der mutigen Sozialdemokratin Marie Juchacz gegründet wurde, als Hauptausschuss innerhalb der SPD, herrschten „Hunger, Spanische Grippe, Arbeitslosigkeit, die Auswirkungen der Kapitulation und die belastende Spaltung der Arbeiterbewegung“. Als Alleinerziehende mit zwei Kindern hatte die Gründerin Armut und die Rechtlosigkeit der Frauen erlebt. „In der Kaiserzeit gab es höchstens Almosen, keinen Rechtsanspruch. Marie Juchacz wollte Solidarität und Gleichberechtigung, das war ein Paradigmenwechsel.“ 1933 wurde die AWO von den Nazis zerschlagen und erst nach dem Krieg neu gegründet. In der DDR kehrte sie erst 1990 zurück.

Herta Däubler-Gmelin erzählte auch von sich selbst: „Ich habe als Drei-, Vier-, Fünfjährige das zerstörte Stuttgart gesehen.“ Mit vier Kindern wurde ihre Mutter, aus dem Norden kommend, in einem schwäbischen Bauernhaus einquartiert. In Entringen fielen Sätze wie „dich Preußensau wollen wir hier nicht“.

Die AWO stehe für Menschenrechte ein. Mit dem jüngst verstorbenen Erhard Eppler forderte Herta Däubler-Gmelin, „den Marktradikalismus zurückzudrängen“. Dazu gehörten „bezahlbare Wohnungen, eine Bürgerversicherung für alle, eine stärkere Steuergerechtigkeit und menschliche Arbeitsbedingungen“. Für Wohlfahrtsverbände seien prekäre Arbeitsverhältnisse tabu. Aktuell fällig seien ausgewogene Wahllisten mit Männern und Frauen. Herta Däubler-Gmelin zitierte Willy Brandt: „Wo Hunger herrscht, kann auf Dauer kein Friede sein.“

Die AWO-Kreisvorsitzende Sabine Onayli betonte, „dass wir gemeinsam hinstehen müssen und Populismus, Hetze und Rassismus in die Schranken weisen“. Sie würdigte die Arbeit der AWO-Ortsverbände, den größten in Leinfelden-Echterdingen. „Wo sich sonst Hannes mit dem Bürgermeister rumärgern muss, in der Mäulesmühle, organisiert der Ortsverein das Ferienwaldheim.“ Plochingens Bürgermeister Frank Buß dankte für den vielfältigen Einsatz der AWO in der Stadt.

Würdiges Leben statt Almosen: „Was heute selbstverständlich ist, war vor 100 Jahren eine Sensation“, sagte Katharina Kiewel, Sozialdezernentin des Kreises. Die Themen von damals seien auch die von heute: „Flucht durch Kriege, Wohnungsnot, Gleichstellungspolitik, zunehmende Armut.“

Für MdB Dr. Nils Schmid (SPD) war der Name „Arbeiterwohlfahrt“ bei deren Gründung „keine Zustandsbeschreibung, sondern ein Versprechen“. Heute sei die AWO eine Lobby für Bedürftige, aber auch für Beschäftigte im sozialen Bereich. „Beides ist nötig. Wir brauchen Sie als Mahner der Politik, weil es nicht stimmt, dass es allen gut geht.“ AWO-Kreisgeschäftsführer Carsten Krinn kündigte als neuen Bereich die Wohnungslosenhilfe an, für Geflüchtete und Kranke. Stoff zum Nachdenken bot die Ausstellung zum Thema „Rassismus“. Peter Dietrich

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