Lenninger Tal

Die Brenner heizen die Kessel an

Tradition Unter dem Titel „Unterlenningen brennt“ können Besucher am 25. und 26. April durch den Ort flanieren und Destillate probieren. Die Betriebe halten den Streuobstbau im Tal am Leben. Von Anke Kirsammer

Harald Schneider, Martina Rommel und Andreas Bosch (von links) präsentieren edle Tropfen.
Harald Schneider, Martina Rommel und Andreas Bosch (von links) präsentieren edle Tropfen. Ende April laden sie Besucher in ihre Brennereien zur Verkostung ein. Fotos: Markus Brändli

Neidlingen hat sein Zwetschgenfest, Owen seinen Whisky-Walk und Weilheim den Kirschblütentag. In Unterlenningen zeigen die Brenner Ende April mit vereinten Kräften, welch feine Tropfen sie den Streuobstbäumen zwischen Sulzburg und Sattelbogen abtrotzen. „Unterlenningen brennt“ heißt die zweitägige Aktion am 25. und 26. April, die die Familien Bosch, Schneider und Rommel gemeinsam auf die Beine stellen. „Das Tolle ist, wir machen alle das Gleiche und doch macht es jeder anders“, sagt Martina Rommel, die zusammen mit ihrem Mann seit drei Jahren unter dem Motto „Genuss im Glas“ einen mit Obstgehölzen urig eingerichteten Besen betreibt.

Sortenreine Destillate und Liköre sind die Spezialität von Vitus Rommel. Seine Flaschen mit dem Geist der Sulzburg auf dem Etikett atmen beispielsweise feine Aromen von handverlesenen Quitten, Kirschen oder einem im Akazienfass ausgebauten Birnenbrand. Harald Schneider setzt auf klassische Wässer. Den Beruf des Werkzeugmachers hat er an den Nagel gehängt. Sein Geld verdient der 57-Jährige inzwischen vor allem mit dem Branntweinhandel, und während der Apfelernte wirft er - wie seit 120 Jahren üblich in der Familie - seine Mostpresse an. Brennmeister Andreas Bosch wiederum hat neben sortenreinen Destillaten reihenweise Whisky im Regal. „Der kommt gut an. Das wird immer mehr“, sagt er. Ob „Gelber Fels“, „48 limited“, ein Single Malt Whisky, oder „JR“ - bei der Namensgebung lässt der 50-Jährige eine Portion Lokalkolorit und die Familientradition einfließen: Die Brennerei wurde 1948 von seinem Großvater Johannes Renz gegründet. Den richtigen Riecher beweist Andreas Bosch auch mit seinem „Red Kite Gin“, den er seit drei Jahren anbietet. Das Trendgetränk mit Essenzen von bis zu 20 verschiedenen Kräutern trägt nicht ohne Grund den Namen des Roten Milan. „Er ist der Wächter unserer Wacholderheiden“, erklärt der Unterlenninger dazu.

Harald Schneider, Martina Rommel und Andreas Bosch (von links) präsentieren edle Tropfen. Ende April laden sie Besucher in ihre

Moderne und Tradition, es ist dieser Verschnitt, der aus den Brennkesseln im Lenninger Tal rinnt. „Was wir machen, hat mit Schnaps aus dem Supermarkt nichts zu tun“, betont Andreas Bosch. Das liegt auch daran, dass die Brenner an alten Sorten festhalten, weil sie tolle Aromen geben, wie Martina Rommel betont. Gewürzluiken, Palmisch- und Nägelesbirne beispielsweise kommen im Besen ins Glas - Apfel- und Birnensorten, die einst an der Hopfenburg unterhalb des Unterlenninger Bühls durch ein pomologisches Institut angesiedelt und veredelt wurden. „Dort stehen 200 Jahre alte Birnbäume“, sagt Andreas Bosch. „Von den Früchten leben wir heute noch runter.“ Dank der eigenen Zunft ist den Brennern um die Zukunft der arbeitsintensiven Streuobstwiesen nicht bange. „Wo‘s Brenner und Mostereien gibt, sind sie nicht rückläufig“, sagt Andreas Bosch, der zehn Hektar Streuobstwiesen pflegt und Obst von Leuten aufkauft, die es selbst nicht verwerten können.

„Unterlenningen brennt“ soll helfen, die Vermarktung der Destillate anzuheizen, denn auch den Brennern brechen mit dem Gaststättensterben im Lenninger Tal wichtige Kunden weg. Angeheizt werden am 25. und 26. April auch die kupfernen Brennanlagen. Die Idee ist, dass die Gäste von einem Produzenten zum nächsten flanieren, dort beim Schaubrennen dabei sind und den ein oder anderen Tropfen probieren.

Brennkessel
Brennkessel

Eileen Gerstner, die Wirtschafts- und Tourismusförderin für Lenningen, Owen und Erkenbrechtsweiler, freut sich über das lehrbuchmäßige Engagement: Von der super CO2-Bilanz dank der kurzen Wege bis zum Erhalt der Landschaft leisteten die Brenner durch ihre regionalen Produkte Beachtliches. „Es ist der Traum jeder Gemeinde, wenn sich Akteure zusammenfinden und gemeinsam Veranstaltungen organisieren“, sagt Eileen Gerstner. Ob der Plan aufgeht, und „Unterlenningen brennt“ inmitten des schwäbischen Hanami stattfindet, bleibt abzuwarten. Normalerweise verwandeln sich die Wiesen im Lenninger Tal im April in ein Blütenmeer. Die jetzt schon prallen Knospen an vielen Obstbäumen lassen befürchten, dass die Blüten dieses Jahr durch den milden Winter weit früher aufbrechen.

Der „Destillat-Walk“ führt in drei Minuten zu drei Brennern

„Unterlenningen brennt“ findet am Wochenende, 25. und 26. April, statt. Es beginnt am Samstag um 16 Uhr, am Sonntag um 11 Uhr. Das Fest ist Teil der landesweiten „Gläsernen Produktion“.

„Rommel - Genuss im Glas“ in der Mühlstraße 13 bietet Leckeres aus der Besenküche, Cocktails, Schaubrennen und eine Edelbrandverkostung an. Dabei ist auch der Edelbrandsommelier Felix Rommel.

Bei Bosch Edelbrand in der Kirchheimer Straße 43 gibt es am Samstag ebenfalls Cocktails und ein zünftiges Vesper. Schaubrennen, Destillatproben, der Blick in den Whiskykeller und der klassische Sonntagsbraten runden das Angebot ab.

Harald Schneider bietet in der Kirchheimer Straße 27 neben dem Schaubrennen und Schnapsproben in einem gegenüber der Mosterei aufgestellten Zelt Pommes und Würste an, und er hält Vorträge zum Branntweinhandel. Alle drei Brenner bieten jeweils Platz für rund 200 Gäste.

Der Sonntag ist Familientag. Es fährt ein Zügle, das Biosphärenmobil steht bei Familie Rommel, und im Lindenhof gibt es Kaffee und Kuchen, den die Wintersportabteilung des TVU beisteuert. Außerdem spielt der Musikverein an allen Stationen. Verbinden ließe sich der Besuch des Fests je nach Wetter mit einer Blütenwanderung oder einem Gang durch den Obstlehrpfad, der am Ortsausgang Richtung Bühl beginnt.

In Lenningen gibt es weit mehr als 10 000 Obstbäume, die meisten sind Streuobst. Die drei Brenner, die sich für „Unterlenningen brennt“ zusammengeschlossen haben, bewirtschaften gut 17 Hektar an Wiesen. In ihren Betrieben entstehen insgesamt gut 90 verschiedene Destillate und Liköre. ank

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