Lenninger Tal

Die Burg wird zum Steinbruch

Geschichte Burgen waren das Statussymbol der unterschiedlichen Adelsgeschlechter. Später dienten sie der Bevölkerung als wertvolles Rohstofflager zum Bau der Häuser im näheren Umfeld. Von Daniela Haußmann

Ohne den Einspruch des Kirchheimer Oberamts im Jahr 1751 wäre die Sulzburg wahrscheinlich komplett abgetragen und „verbaut“ word
Ohne den Einspruch des Kirchheimer Oberamts im Jahr 1751 wäre die Sulzburg wahrscheinlich komplett abgetragen und „verbaut“ worden.Foto: Carsten Riedl

Der Burgenbau in früheren Jahrhunderten prägt die Alblandschaft bis heute. Allein im Biosphärengebiet Schwäbische Alb finden sich rund 150 Burgen, Burgstellen und Adelssitze des Mittelalters. Auch rings um die Teck sind einige erhalten geblieben. Immerhin gab es früher in so gut wie jedem Ort einen Adelssitz, wie Manfred Waßner weiß. Manche sind dem Kreisarchivar zufolge im Zuge der Siedlungsentwicklung und der damit verbundenen Bautätigkeit abgerissen worden.

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Teilweise verloren die Burgen ihre Bedeutung, wurden verlassen, verfielen oder wurden zerstört, wie der Vertreter des Landratsamtes Esslingen berichtet. In diesen Fällen nutzte die Bevölkerung das Bauwerk als Steinbruch - in früheren Jahrhunderten keine ungewöhnliche Praxis. Ein Schicksal, das im Übrigen auch die Burg Hohengutenberg ereilte. Ihre Überreste sind noch heute nördlich von Gutenberg auf einem langen Halbhöhensporn rund 120 Meter unterhalb der Traufkante bei Krebsstein erhalten geblieben. Ein Brand hatte die Anlage in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zerstört.

Ein Wiederaufbau schien nicht lohnenswert. Zu jener Zeit hatte der Adelssitz laut Manfred Waßner längst seine Bedeutung verloren: „Ein Wiederaufbau wäre auch viel zu kostspielig gewesen.“ So kamen die Gutenberger günstig an bearbeitete Steine, wie Reiner Enkelmann erklärt. „Allerdings musste das Kirchheimer Oberamt den Abbruch genehmigen“, erzählt der Landschaftsführer vom Naturschutzzentrum Schopflocher Alb. Was wenige wissen: Lange vor dem Adelssitz rissen die Gutenberger Bürger ihre Stadtmauer ab. Doch damit nicht genug.

Im Verlauf des Bauernkrieges wurde 1525 der Hintere Wielandstein von Aufständischen verwüstet. In der Folgezeit trug die Bevölkerung die Steine ab. Sie wanderten in Häuser, die in Bissingen und Lenningen zu jener Zeit neu entstanden, wie es im Band vier der Reihe „Burgenführer Schwäbische Alb“ heißt. 1751 kam es zum Abbau der Sulzburg. Das Baumaterial wurde verkauft. Im selben Jahr kam der Abbruch allerdings zum Erliegen, weil das Kirchheimer Oberamt Einspruch erhoben hatte. Die Beispiele zeigen, dass Steine als Baustoff zwar eine Rolle spielten, aber für viele zu teuer waren. Nicht umsonst bestanden Häuser bis ins 20. Jahrhundert hinein aus Holzbalken und Lehmflechtwerk.

Bis vor etwa 100 Jahren wurden auch Lesesteine, die die Bauern bei der Feldarbeit aus dem Boden klaubten, zum Bauen verwendet. „Auch auf der Schopflocher Alb gibt es gut erhaltene Scheunen, in denen das erkennbar ist“, versichert der Fachmann. Das und die Tatsache, dass viele Anlagen noch erhalten sind, zeigen aus seiner Sicht, dass das Baumaterial von Burgen nicht im großen Stil verwendet wurde. Eine Rolle spielte dabei sicherlich der aufwendige Transport - besonders über weite Strecken. Schon deshalb standen die Wehrbauten nur einer kleinen Zahl von Ortsansässigen als Baustofflager zur Verfügung. Gleichzeitig wurden die Steine in erster Linie im Sockel- und Kellerbereich der Gebäude verbaut.

„Natürlich gab es auch Gemeindesteinbrüche“, erzählt der Kreisarchivar. „Aber die Burgsteine waren bearbeitet und wiesen eine bessere Qualität auf.“ Das ist nicht verwunderlich. Der Adel verfügte über größere finanzielle Mittel, und zudem hatten die Festungen mehr mit sozialem Anspruch zu tun als mit militärischer Notwendigkeit. „Selbstverständlich halten Burgen einen Angriff aus“, sagt Manfred Waßner. „Aber gerade auf einem Berg sind sie ein weithin sichtbarer Machtanspruch.“ An seiner Größe und Massivität sollte jedermann erkennen, wer an diesem Ort das Sagen hatte. Trotz ihrer wechselhaften Geschichte ist das noch heute an den Burgen im Landkreis gut erkennbar.

Manfred Waßner (rechts) und Reiner Enkelmann kennen die bewegte Geschichte der Burgen im Landkreis Esslingen.
Manfred Waßner (rechts) und Reiner Enkelmann kennen die bewegte Geschichte der Burgen im Landkreis Esslingen.