Lenninger Tal

Die Frau im Mittelpunkt

Erika Hillegaart erzählt in ihrem neuen Buch vom Leben der Oberlenningerinnen

Erika Hillegaart befasst sich in ihrem Bildband mit der Geschichte von Frauen in Lenningen.Foto: Carsten Riedl
Erika Hillegaart befasst sich in ihrem Bildband mit der Geschichte von Frauen in Lenningen.Foto: Carsten Riedl

Lenningen. Erika Hillegaart hat mit ihrem neuen Büchlein „Oberlenninger Frauenbilder Müllerinnen – Mütter – Mägde – Musentöchter“ einen Rückblick der etwas anderen Art geschaffen. Die einseitigen Bildgeschichten zeigen dem Leser die

Oberlenninger Ortsgeschichte von einer ganz neuen Seite, denn hier geht es ausschließlich um die Frauen der Gemeinde. Genau deshalb kann man die „einseitigen Bildgeschichten“ sogar im doppelten Sinn verstehen. „Es ist eine Einladung, eine Geschichte zu reflektieren und wiederzuentdecken“, erklärt Erika Hillegaart.

Die Autorin hat sich mit ganz unterschiedlichen Frauenbildern beschäftigt, wie zum Beispiel den Frauen in der Landwirtschaft, den wohlhabenden Frauen oder den Frauen mit politischer sowie sozialer Ader. Die Müllerinnen beispielsweise haben durch Fleiß und Heirat das Geld ins Lenninger Tal gebracht. Im Dorf haben sie die soziale Verantwortung übernommen und geholfen, wo es nötig war. Das gehörte als wohlhabende und angesehene Frau dazu. Später hat der Krankenpflegeverein diese Aufgaben übernommen.

Auch die Schultheißin Luise Emilie Sigel hat in Oberlenningen die ein oder andere soziale Verantwortung übernommen. Ursprünglich kam sie aus Stuttgart und war die Tochter des Kutschenbauers Friedrich Wimpff. In Oberlenningen heiratete sie dann Carl Franz Theodor Sigel, der Schultheiß im Dorf war. Luise Emilie hat sich „für das Allgemeinwohl im Ort verantwortlich gewusst und nach alter Gepflogenheit den Wöchnerinnen und Kranken einen weißen Doppelwecken und ihren Träubleswein gebracht“.

Die Frauen im Ort haben sich gegenseitig geholfen, vor allem wenn es um Geburten und die Pflege der Kinder ging. Nachbarinnen versorgten „die Wöchnerinnen mit der Kindsbettsupp und hüteten deren Kinder“. Erika Hillegaart nennt Anna Maria Bader als Beispiel. Sie war selbst Mutter von vier Kindern und hat bei insgesamt 102 Geburten geholfen. Die Nachgeburten wurden in entsprechenden Töpfen aufbewahrt und vergraben, das war damals ein Brauch. „Bis heute werden noch Nachgeburtstöpfe gefunden“, erklärt die Autorin.

Neben den Oberlenninger Müllerinnen, den Mägden und Müttern lebte damals auch eine Künstlerin im Ort. Lotte Lesehr hat schon in jungen Jahren „erstaunlich gute Bilder gemalt“ und durfte „an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart und Berlin studieren“. Ihre Werke werden dem Expressionismus zugeordnet und zeigen, dass „das Leben nicht lieblich, sondern unruhig, herausfordernd, manchmal bereits das Grauen vorausahnend“ ist. Durch den Krieg wurden nicht nur ihr Haus, sondern auch viele ihrer Bilder zerstört.

Da bei offiziellen Anlässen meistens Männer das Wort haben und viele wichtige Positionen in Sport und Politik vorwiegend von den Herren der Schöpfung belegt sind, wollte Erika Hillegaart nun auch einmal auf die Frauen aufmerksam machen. „Frauen sind nicht die besseren Menschen, sondern die andere Seite“, erklärt die Autorin. Alle Informationen und einige der Bilder stammen aus dem Oberlenninger Archiv. Das Titelbild ist ein Bildausschnitt des Bildes „Die Anbetung der Könige“ von Lucas von Leyden um 1600. Man findet das Gemälde in der Sankt Martinskirche in Oberlenningen.

Neben den Geschichten über die Oberlenninger Frauen hat Erika Hillegaart auch schon über Haus- und Dorfgeschichten geschrieben. Als nächstes wird sie sich mit dem Thema „Hexen“ und allem was dazu gehört beschäftigen.

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