Lenninger Tal

Die günstige Lage und die Natur nutzen

Standortstudie Stadtplaner Professor Reschl nahm den Lenninger Raum unter die Lupe. Sein Fazit: Nur gemeinsam lässt sich die Aufgabe stemmen. Von Iris Häfner

Mit Premiumwanderwegen kann eine Wertschöpfungskette wie in Bad Urach in Gang kommen. Professor Richard Reschl stellte die Stand
Mit Premiumwanderwegen kann eine Wertschöpfungskette wie in Bad Urach in Gang kommen. Foto: Markus Brändli

Der Abend hatte es in sich: Nichts Geringeres als die künftige Entwicklung des gesamten Lenninger Raums stand im Fokus. Die drei Bürgermeister, Verena Grötzinger aus Owen, Michael Schlecht aus Lenningen und Roman Weiß aus Erkenbrechtsweiler hatten gemeinsam in die Owener Teckhalle eingeladen, damit sich alle - Bürger und Gewerbetreibende - einen ersten Eindruck verschaffen können, was sich hinter der Standortstudie „Handel, Gewerbe und Tourismus“ für die Kommunen verbirgt, die das Büro Reschl Stadtentwicklung erstellt hat. Der große Wunsch aller Beteiligten: Aufbruchstimmung verbreiten.

„Was sind die langen Linien? Was ist die Grundlage? Es sollen heute Abend klare Signale für die Bevölkerung, die Wirtschaft und die Investoren gesendet werden“, erklärte Professor Dr. Richard Reschl, Stadtplaner mit Herzblut, wie schnell klar wurde. Einen harten Strukturwandel schaffe niemand alleine, deshalb gelte es, die Aufgaben zu bündeln und vor allem Schwerpunkte zu setzen. „Das hier ist kein unverbindliches Zusammenschreiben von Wünschen. Es werden Ziele und Wege benannt“, versprach der Referent.

Seine Studie will er als Handlungsprogramm verstanden wissen, damit die drei Kommunen in 10 bis 15 Jahren anders dastehen als heute. Es gelte, sich auf einige Schwerpunkte zu konzentrieren und nicht jedes halbe Jahr „eine neue Sau durchs Dorf zu treiben“. Dabei verzettele man sich. „Sie haben die Potenziale“, sprach Richard Reschl sämtlichen Beteiligten Mut zu.

Wichtig sind seiner Ansicht nach vor allem Arbeitsplätze. Daraus ergibt sich, ein besonderes Augenmerk auf die Gewerbe- und Bevölkerungsentwicklung sowie den Wohnungsbau zu richten. „Das muss zusammengedacht werden und es braucht ein oder zwei Personen, die sich um diese Dinge kümmern“, stellte der Professor gleich zu Beginn seines Vortrags klar. Eine derart komplexe Aufgabe könne nicht noch zusätzlich auf den Aufgabenberg der Bürgermeister draufgesattelt werden. „Es braucht Professionalisierung. Da führt heute kein Weg vorbei.“

Die Wirtschaft lebt davon, dass ihr Flächen zur Verfügung stehen. „Das ist das zentrale Thema“, verdeutlichte Richard Reschl. In Erkenbrechtsweiler sieht es da ganz schlecht aus: Es gibt nicht einen Quadratmeter. Auch in Lenningen und Owen besteht mehr Bedarf, als es Land gibt. Deshalb bringt der Stadtplaner das Flächenrecycling ins Gespräch, und hier fallen vor allem Firmen wie Scheufelen in Lenningen und Leuze in Owen mit ihren großen Werksgeländen ins Auge. „Es geht hier nicht um Enteignung, sondern darum, im Dialog miteinander Lösungen zu finden“, sagte er und sprach in diesem Zusammenhang von „hochsensiblen Gegebenheiten“. Auch hier zählt nur das Miteinander - der eine kann ohne den andern nicht. Die Kommunen haben die Planungshoheit, die Firmen bringen Steuergelder und suchen Fachkräfte. Die wiederum sind dann nicht selten auf Wohnungssuche, was im Lenninger Tal aber nicht ganz einfach ist. „Hier dominiert das Einfamilienhaus. Wer Miet- und Eigentumswohnungen sucht, hat keine Chance“, erläuterte der Professor. Hier kann eine Leerstandbörse helfen - die dann aber auch gepflegt werden muss.

Wer in einer so schönen Landschaft lebt, sollte nach Ansicht Reschls mit diesem Pfund wuchern. Als Beispiel nannte er die Stadt Bad Urach, die mit ihren Premiumwanderwegen viele Menschen auf die Alb lockt, die auch Geld im Ort liegen lassen. Richard Reschl verschwieg dabei auch nicht die Kehrseite der Medaille: sehr viel Verkehr. „Wenn die Parkplätze voll sind, stellen die Leute irgendwo ihr Auto hin. Das wird negativ von der Bevölkerung wahrgenommen. Im Zuge der Wertschöpfung muss ein Weg gefunden werden, damit alle zufrieden sind.“

„Sie haben eine unglaublich günstige Situation mit Ihrer Landschaft - keine dreiviertel Stunde von Stuttgart entfernt - und den relevanten Gewerbestandorten“, blickt Richard Reschl positiv für den Lenninger Raum in die Zukunft. Als geradezu richtungsweisend nannte er die Firma Leuze. „Aus dem darbenden Textilbetrieb ist dank einer Idee ein so großes Unternehmen wie Leuze electronic entstanden. Positive Beispiele wie dieses gibt es hier zuhauf“, gab der Professor mit auf den Weg.

 

Info Weitere Informationen gibt es unter dem Link https://daten.stadt-entwickeln.de/public/ba69e1

Vorstellung der interkommunalen Standortstudie von Lenningen, Owen und E-Weiler im Herzog-Konrad-Saal Teckhalle Owen
Professor Richard Reschl stellte die Standortstudie vor. Foto: Jean-Luc Jacques

Beim Thema Digitalisierung wird Professor Reschl nervös

Die Zuhörer zeigten sich diskussionsfreudig und wissbegierig. So kam auch die Digitalisierung zur Sprache. „Das ist einer der wenigen Bereiche, bei denen ich nervös werde“, gestand Richard Reschl. Die Entwicklung des ländlichen Raums werde davon beeinträchtigt. „Dieses Thema haben die Politiker aller Parteien verschlafen. Der Digitalisierung muss ein weit höherer Stellenwert gegeben werden. In der Vergangenheit ist viel zu wenig geschehen.“ Nicht nachvollziehen kann der Professor, dass sich eine Industrienation wie Deutschland von Estland auf diesem wichtigen Sektor überholen lässt. „Man stelle sich vor: In zwei Jahren gibt es nur noch digitale Ausschreibungen, und Firmen aus dem ländlichen Raum müssen mit einem Stick in die nächste Stadt fahren, um ihr Angebot abgeben zu können“, zeigte er die Ausmaße auf.

Anregungen gab es auch. Ein Zuhörer verriet, dass er mit einer Irin verheiratet ist, weshalb er regelmäßig von Stuttgart auf die grüne Insel fliegt. Dabei fällt ihm auf, dass er zwar mit Urlaubern im Flieger sitzt, allerdings mehr oder weniger im Einbahnverkehr, denn kaum ein Ire verirrt sich in Richtung Schwabenmetropole. „Täglich hebt ein Flieger von Stuttgart nach Irland ab. Den Iren kann man sagen: Hier am Heidengraben haben die Kelten gelebt - bei uns auf der Alb sind eure Wurzeln“, regte er an. ih

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