Lenninger Tal

Die Produktion von Silphie-Paper soll Fahrt aufnehmen

Wirtschaft Das Nachfolge-Unternehmen von Scheufelen strebt einen Drei-Schicht-Betrieb an, um ökologisches Papier für Verpackungen herzustellen. Noch fehlt aber das grüne Licht für eine Ausweitung. Von Anke Kirsammer

Hergestellt wird das bräunliche Silphie-Papier auf der Papiermaschine 2 - der „alten Dame“ von Scheufelen. Sie stammt aus dem Ja
Hergestellt wird das bräunliche Silphie-Papier auf der Papiermaschine 2 - der „alten Dame“ von Scheufelen. Sie stammt aus dem Jahr 1903. Das Material für die prämierte Verpackung (kleines Foto) wurde in Lenningen produziert. Foto: Carsten Riedl

Ein dunkler Brei aus Silphie-Fasern schwimmt in der Bütte und verströmt in der Fabrikhalle einen an Tabak erinnernden Geruch. Gegenüber laufen an der Papiermaschine letzte Experimente mit verschiedenen Walzen, bevor die „alte Dame“ wieder angeworfen wird. Die „PM 2“ stammt aus dem Jahr 1903 und hat - immer wieder umgebaut - in der Lenninger Papierfabrik Scheufelen jahrzehntelang gute Dienste geleistet. Jetzt soll sie Öko-Papier zum Aufschwung verhelfen.

Ein Jahr nach dem Start des Nachfolge-Unternehmens Silphie-Paper würde der Betrieb die Produktion gern ausweiten. „Gut wäre, wir würden durchgängig arbeiten“, sagt der Geschäftsführer Stefan Radlmayr. Die Papiermaschine immer wieder neu hochzufahren, kostet viel Energie und ist wenig effektiv. Momentan darf die Firma, in der 30 Angestellte arbeiten, maximal 20 Tonnen am Tag produzieren. Die Genehmigung durch das Regierungspräsidium für 50 Tonnen steht noch aus. „Das hat immissionsschutzrechtliche Gründe“, so Stefan Radlmayr. Dabei geht es beispielsweise ums Abwasser. Die anfallende Menge dürfte für die Kläranlage, die schon ganz andere Dimensionen bewältigt hat, jedoch kein Problem sein. Zum Vergleich: Bis 2014 hat Scheufelen täglich bis zu 750 Tonnen Papier produziert.

„Graspapier 2.0“ nennt Dr. Ulrich Scheufelen, der dem Unternehmen beratend zu Seite steht, das aus Fasern der „Durchwachsenen Silphie“ hergestellte Papier. Bei der Produktion von Graspapier hatte das Unternehmen mit vielen störenden Stoffen wie Schmutzpartikeln zu kämpfen. Nun profitiere die Belegschaft von den Erfahrungen mit dem Vorläufer. Stefan Radlmayr bezeichnet das Silphie-Papier gar als revolutionär. Weil es sehr reißfest und stabil ist, eignet es sich besonders gut für Verpackungen aller Art. Eingesetzt werden kann es unter anderem für Schalen, Faltschachteln, Etiketten oder Banderolen.

Die Vermarktung übernimmt eine Tochterfirma des Schwarz-Konzerns, die Outnature GmbH. Sie wurde jetzt für die innovative Idee mit dem Deutschen Verpackungspreis in der Kategorie „Neues Material“ ausgezeichnet. „Das Papier dazu haben wir geliefert“, sagt Stefan Radlmayr.

Parallel zur Produktion wird in Lenningen weiter an einer Optimierung gearbeitet. Getüftelt wird an Beschichtungen, die eine Barriere für Fett beziehungsweise Wasser darstellen, damit die Verpackungen den strengen Hygienevorschriften, vor allem beim Einsatz für Nahrungsmittel entsprechen. Ein weiteres Ziel ist, den Anteil der Silphie-Fasern nach oben zu treiben. „70 bis 80 Prozent müssten machbar sein“, so Stefan Radlmayr. Derzeit liegt der Anteil bei gut 50 Prozent. Das Projekt fußt auf der Faserproduktion in Ostrach im Kreis Sigmaringen. Dort bauen Landwirte auf 800 Hektar die „Durchwachsene Silphie“ an. In einer speziellen Anlage wird die Faser für die Papierherstellung nutzbar gemacht. Ökologisch punktet die aus Amerika stammende mehrjährige Blühpflanze, weil Insekten auf sie fliegen, sie trotz ihres schnellen Wachstums dem Boden Humus zuführt und CO2 im Erdreich speichert. Die Papierproduktion ist mit einem viel geringeren CO2-Ausstoß verbunden als bei der Verwendung von Holz, der Einsatz von Energie und Chemie ist deutlich niedriger. Große Chancen rechnet sich Stefan Radlmayr deshalb aus, wenn der Preis für CO2 weiter ansteigt. Selbst Kunststoffverpackungen ließen sich mit der alternativen Verpackung vielfach ersetzen.

Wie Michail Ginsburg, Prokurist bei Outnature, sagt, seien nicht nur Lidl und Kaufland, die beide zur Schwarz-Gruppe gehören, an den Verpackungen interessiert. Großes Interesse bekundeten auch externe Kunden - Markenhersteller genauso wie Hersteller von Eigenmarken. Namen will Ginsburg noch nicht nennen. In Lenningen arbeite ein Team mit sehr viel Erfahrung. „Die Leute geben alles, damit ein gutes Produkt rauskommt“, so der Prokurist. Beim Kreieren der Verpackungen arbeitet Silphie-Paper auf dem „Packaging Campus“ eng mit der Vaihinger Hochschule der Medien zusammen. Auch von Schnittstellen mit dem Technikum Laubholz, das das Land auf dem Gelände der Papierfabrik ansiedeln möchte, könnte Silphie-Paper laut Stefan Radlmayr profitieren.

Scheufelen Ulrich Dr.Papiermaschiene 2Silphie Paper
Foto: Carsten Riedl

Der Energiepark „Hahnennest“ liefert die Fasern

Der Deutsche Verpackungspreis wird jährlich europaweit ausgeschrieben. Vergeben wird er unter der Schirmherrschaft des Wirtschaftsministers von einer hochkarätigen Jury aus Wirtschaft und Wissenschaft. Verpackungen aus Graspapier, das die Firma Scheufelen hergestellt hatte, wurden mehrfach ausgezeichnet. Am bedeutendsten war 2017 ein europäischer Verpackungspreis.

Der Energiepark „Hahnennest“ in Ostrach startete im Sommer als deutschlandweit einmaliges Modellprojekt. In eine Biogasanlage wurde eine neuartige Dampfaufschlussanlage eingebaut. Darin wird die Silphie gekocht, gewaschen und die Faser, die als Rohstoff für die Papierherstellung dient, getrennt. Mit dem übrigen Gärsubstrat wird die Biogasanlage beschickt. Derzeit liefern Lkw täglich 20 Tonnen Fasern nach Lenningen. Profitieren sollen von dem Projekt Umwelt, Landwirtschaft und Industrie gleichermaßen. Hauptsächlich finanziert wird es von der „GreenCycle“ Stiftung, die diese Woche in die „PreZero“ Stiftung umfirmiert hat und zur Schwarz-Lidl-Gruppe gehört. Outnature, ebenfalls eine Tochter des Schwarz-Konzerns, übernimmt die Vermarktung des Silphie-Papiers.ank

Anzeige