Lenninger Tal

Die Realisierung hängt von der Aussicht auf Erfolg ab

Nahversorgung Deutschlandweit gibt es über 40 DORV-Zentren. Sie gründen sich auf mehreren Säulen.

Was in einem DORV-Zentrum angeboten wird, richtet sich nach dem Bedarf. Foto: pr
Was in einem DORV-Zentrum angeboten wird, richtet sich nach dem Bedarf. Foto: pr

Jülich/Freiburg. Eine Rundum-Versorgung - es ist nichts weniger als das, was die Einwohner des 1300-Seelen-Orts Barmen an ihrem DORV-Zentrum schätzen. 2004 gegründet, fußt es auf mehreren Säulen: Zu kaufen gibt es dort Fleisch, Obst und Gemüse aus der Region sowie andere Produkte des täglichen Bedarfs. Mit im Boot sind unter anderem ein Versicherungs- und ein Reisebüro, ein Zeitungsverlag und ein Paketdienst. „Der Kunde kauft an der einen Seite der Ladentheke seinen Sonntagsbraten und erhält auf der anderen Seite seinen Führerschein“, heißt es auf der Internetseite des DORV-Zentrums. Es gibt eine medizinisch-soziale Servicestation mit der Vermittlung von Altenpflege sowie eine Vereins- und Infoecke. Ein Arzt bietet in seiner Zweig-Praxis Sprechstunden an. Die Leute begegnen sich beim Kaffee, und es finden kulturelle Veranstaltungen statt - kurz, das Zentrum gleicht der sprichwörtlichen Eier legenden Wollmilchsau.

Auch wenn oft die Schließung des letzten Geschäfts im Ort den Anstoß dafür gibt, dass sich Bürger zusammentun, um einen neuen Laden zu gründen: „Es geht nicht nur um die Versorgung mit Lebensmitteln, sondern darum, einen Ort der Begegnung zu schaffen“, betont die Geschäftsführerin und Vorsitzende von SPES, der Studiengesellschaft für Projekte zur Erneuerung der Strukturen, Ingrid Engelhart. Der Verein mit Sitz in Freiburg, der sich 2008 gründete, entwickelt Zukunftsmodelle. Dazu zählen Angebote, die es älteren Menschen ermöglichen, solange es geht, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, weitere Hilfen in vielerlei Lebensbereichen und dazu gehört das DORV-Zentrum. In enger Kooperation mit Experten aus der Praxis begleitet SPES die Initiatoren auf ihrem ganz individuellen Weg. Das Ergebnis sind maßgeschneiderte Zentren, die sich nach dem jeweiligen Bedarf richten. So versammelt das erste DORV-Zentrum in Baden-Württemberg in Eisental bei Bühl einen Laden und Dienstleistungen mit barrierefreiem Wohnen unter einem Dach.

In einem ersten Schritt wird eine Basisanalyse erstellt. Sie kostet 6000 Euro. 4000 steuert das Förderprogramm „Gut Beraten!“ des Landes bei. Die restlichen 2 000 Euro muss die Gemeinde zuschießen. Begleitet wird der Prozess unter anderem von Betriebswirtschaftlern und dem Barmener Ideengeber Heinz Frey. Zum Auftakt gehört eine Ortsbegehung. Unter die Lupe genommen werden unter anderem Dienstleistungen, es wird untersucht, wie stark sich die Bewohner mit dem Ort identifizieren und wie mobil sie sind. Nur wenn diese Daten vermuten lassen, dass das Zentrum wirtschaftlich arbeiten kann, wird der nächste Schritt angegangen. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie genau die Zahlen sind“, so Ingrid Engelhart. Gibt es grünes Licht für die Planung, werden alle Haushalte nach ihrem konkreten Bedarf befragt. Abgeklopft wird, welche Angebote die Bürger benötigen und welche Lebensmittel sie einkaufen. Wichtig ist die Einbindung regionaler Partner. Sie spielen auch eine Rolle bei der Festlegung der Betreiberstruktur. Während ein ehrenamtliches Team das Konzept entwickelt, wird das DORV-Zentrum später von Festangestellten betrieben. Ob GmbH oder Genossenschaft - denkbar sind verschiedene Modelle. „Ziel ist kein Strohfeuer, sondern Nachhaltigkeit“, betont Ingrid Engelhart. Hat das Projekt Aussicht auf Rentabilität, können bis zur Umsetzung weitere Fördergelder beantragt werden. In Deutschland gibt es gut 40 solcher Zentren. Kurz vor der Umsetzung ist Mehrstetten im Kreis Reutlingen. In der Dorfmitte entsteht ein Nahversorgungszentrum, das eine Genossenschaft betreiben wird. Anke Kirsammer

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