Lenninger Tal

Die Stille nach dem letzten Rave

Existenzangst Patrick Flander aus Owen verdient seit vier Jahren sein Geld mit den Stars der Techno-Szene auf den Bühnen der Welt – bis das Virus kam und heimlich den Stecker zog. Von Bernd Köble

Statt über Künstlergagen zu verhandeln, durchforstet Patrick Flander zurzeit den Stellenmarkt in München. Foto: privat
Statt über Künstlergagen zu verhandeln, durchforstet Patrick Flander zurzeit den Stellenmarkt in München. Foto: privat

Von München ist es nur ein Katzensprung. Sie liegen praktisch vor der Haustür. Berge verschaffen Überblick. Bergluft macht den Kopf frei. Patrick Flander ist zurzeit oft in den Bergen. „Es gibt vieles, was drückt und belastet“, sagt er. „Ich hab‘ im Moment keine Ahnung, wie es weitergeht.“ Dabei ist es nur drei Monate her, da ging vieles voran. Der Job lief auf Hochtouren, im Februar der Umzug in eine größere Wohnung am Stadtrand: 110 Quadratmeter mit Terrasse und Garten. Genügend Platz für ihn und seine Lebenspartnerin, deren 14-jährige Tochter und den gemeinsamen Sohn, der im Sommer zwei Jahre alt wird. Das Glück schien perfekt.

Bis das Virus kam und alles veränderte. Für wie lange, weiß er nicht. Nur soviel: Während Exit-strategien auf der ganzen Welt an Dynamik zulegen, wird die Krise nach Corona ihn in seinem Job wohl noch lange begleiten. An seinem Schreibtisch zu Hause in Unterföhring steht Patrick Flander mit Musikern, Veranstaltern und Bühnen auf der ganzen Welt in Kontakt. Er bringt zusammen, was Klubs, Arenen und Stadien füllte, bevor das Leben zum Erliegen kam. „B4bookings“ ist eine der weltweit größten Künstler- agenturen, die DJs vermittelt. Stars der House- und Techno-Szene wie Richie Hawtin, Dubfire oder Paco Osuna, der Anteilseigner und gleichzeitig sein Chef ist.

Knapp eineinhalb Millionen Euro Umsatz machte das Unternehmen mit zwölf festangestellten Mitarbeitern im vergangenen Jahr. Mehr als 140 Auftritte, vom kleineren Klub bis zum Stadion mit 60 000 Besuchern. Patrick Flander ist seit vier Jahren dabei. Zunächst im Hauptbüro in Barcelona, seit April letzten Jahres arbeitet er freiberuflich von zu Hause in München aus. Er bucht Flüge, Hotels und Locations, verhandelt mit Veranstaltern über Gagen, Spielzeiten und Konditionen. „Wir sind die Nannys“, sagt Flander. Den Stars der Szene den Rücken frei halten, von den ersten zähen Verhandlungen bis der Gig vorüber ist. Darum geht es.

Jetzt geht nichts mehr. Keine Jobs, kein Einkommen. Seine Lebensgefährtin arbeitet für eine andere Agentur, aber in der gleichen Branche. Die Büroräume in Spanien sind gekündigt. Die Einrichtung lagert in einer leer stehenden Fabrikhalle in der katalanischen Metropole. Bis sich zigtausende schwitzende Leiber wieder auf engstem Raum im Sog hämmernder Beats bewegen werden, kann es lange dauern - sehr lange. Wie man das durchhält? „Wir leben von Erspartem“, sagt der 36-Jährige. „Die ersten Wochen hat man sich‘s noch schöngeredet.“ Inzwischen geht er täglich die Stellenanzeigen durch und schreibt Bewerbungen. Für Jobs als Postbote, Kurierfahrer, was auch immer. Bisher gab es nur Absagen. „Der Markt in München ist leer gefegt“, sagt er.

Spanien ist einer der größten Märkte für House und Techno weltweit. Patrick Flander hat nicht nur seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, für ihn ist es auch Rückkehr zu seinen Wurzeln. Die Mutter ist Spanierin, der Vater Deutscher. Er und seine beiden Geschwister sind zweisprachig aufgewachsen, haben ihre Kindheit in Owen und in Spanien verbracht. Er hat Abitur gemacht, Wirtschaftsromanistik und Französisch auf Lehramt studiert, um schließlich beides an den Nagel zu hängen. Er hat in der Gastronomie gejobbt und eine Lehre zum Veranstaltungskaufmann abgeschlossen. Sein damaliger Lehrherr: Kirchheims Multi-Gastronom Gunnar Stahlberg, für den er in der Milchbar, Wunderbar und Minibar seine ersten Bühnen bespielte, bevor es ihn nach Berlin zog. „Ich habe lange gebraucht, um den roten Faden in meinem Leben zu finden“, sagt der 36-Jährige. „Deshalb geht es für mich nicht nur um Geld. Es geht um einen Job, der mich mit Leidenschaft erfüllt.“

Ein Job, den die Krise verändern wird, davon ist er fest überzeugt. Die ganz Großen werden auf niedrigerem Niveau überleben, viele Künstler und Veranstalter ganz verschwinden. „In Zukunft wird man wohl viele große Namen auf kleinen Bühnen finden“, sagt Patrick Flander. Er vertraut darauf, dass sich am Ende alles irgendwie zum Guten fügt. „Eines Tages wird man sich noch dunkel an 2020 erinnern“, meint er. „Dann kann man sagen: Ich hab‘s erlebt.“

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