Lenninger Tal

Digitale Welt und analoge Natur

Jubiläum 125 Jahre Einsatz mit Leib und Seele für Landschaft und Natur. Die Ortsgruppe Oberlenningen des ­Schwäbischen Albvereins feiert ihr 125-jähriges Bestehen. Von Daniela Haußmann

Heinz Lamparter, Hans Schroeder, Erich Haas und Michael Schlecht (von links) feierten zusammen mit rund 80 Mitgliedern, Freunden
Heinz Lamparter, Hans Schroeder, Erich Haas und Michael Schlecht (von links) feierten zusammen mit rund 80 Mitgliedern, Freunden, Unterstützern und Förderern das 125-jährige Bestehen der Oberlenninger Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins.Foto: Daniela Haußmann

Auch 125 Jahre nach ihrer Gründung hat die Oberlenninger Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins nichts von ihrem Elan verloren. Mit der Pflege von vier Wanderwegen, die direkt vor der Haustüre liegen, ermuntern die aktuell 153 Mitglieder nicht nur zum Gebrauch der Beine. Die Pfade, die zum weitverzweigten und einzigartigen Wegenetz des Landesverbandes gehören, erschließen neue Erfahrungsräume, vermitteln Einsichten und schaffen Aussichten. „1892 rief der damalige Bürgermeister Carl Sigel zusammen mit Sonnenwirt Keller, Kaufmann Renz, Dr. Adolf Scheufelen und Heinrich Scheufelen die Ortsgruppe ins Leben“, erzählte der stellvertretender Vertrauensmann Heinz Lamparter bei der Jubiläumsfeier am vergangenen Freitag.

Doch ohne den Mediziner und Inhaber der Esslinger Reichsapotheke, Valentin Salzmann, und den Verschönerungsverein Kirchheim, der sich beim Wiederaufbau der Burg Teck finanziell übernommen hatte, hätte es den Schwäbischen Albverein, und damit die Oberlenninger Ortsgruppe, wohl nie gegeben. Vielerorts gründeten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sogenannte Verschönerungsvereine, aus denen später die Fremdenverkehrs- und Tourismusvereine hervorgingen. Ziel ihrer Mitglieder war es, die Attraktivität des Ortsbildes von Städten und Gemeinden zu fördern, Kulturdenkmäler zu erhalten sowie das Interesse an den Schönheiten und Besonderheiten der Natur zu wecken.

Aus Geldmangel wand sich der Kirchheimer Verschönerungsverein in seiner Not an seine Schwesternvereine in den umliegenden Kommunen, wie Erich Haas, Vorsitzender des Teck-Neuffen-Gaus des Schwäbischen Albvereins berichtete. So wurde laut Heinz Lamparter im Plochinger Waldhorn am 12. November 1888 ein Treffen einberufen, an dem Vertreter von 18 Verschönerungsvereinen teilnahmen. Valentin Salzmann, der 1867 den Esslinger Verschönerungsverein gegründet hatte, nahm die Sitzung zum Anlass, „einen neuen und besser vernetzten Verein am Albtrauf zu gründen“. So entstand der Schwäbische Albverein, der in der weiteren Folge den Verschönerungsverein Kirchheim beim Aufbau der Burganlage unterstützte. Hier haben Erich Haas zufolge auch die Mitglieder der Ortsgruppe Oberlenningen, die sich nur vier Jahre später gründete, tatkräftig mitgeholfen.

Der Einsatz für Pflege des Wanderns, das unermüdliche Engagement für den Erhalt von Natur, Landschaft und Umwelt, aber auch das Bemühen um den Erhalt von Brauchtum und Tradition, sind für Heinz Schroeder wichtige Eckpunkte der Vereinsarbeit auf Landes-, aber vor allem auch auf lokaler Ebene. Der Vorsitzende der Oberlenninger Ortsgruppe betonte, dass die Beschilderung und Pflege der Wanderwege bis heute eine zentrale Aufgabe ist. Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht unterstrich beim Festakt im Julius-von-Jan-Gemeindehaus, dass in heutigen Zeit der Aufgabe, den Menschen auch durch Wanderungen die Augen für die Schönheit und Vielfalt der Natur zu öffnen, eine besondere Bedeutung zukommt. „Droht doch die Beziehung zur Natur und Heimat durch die Digitalisierung unserer Gesellschaft verloren zu gehen“, sagte der Rathauschef. „Es gilt daher mehr denn je, die unbestritten wichtige digitale Welt mit der analogen Natur zu verbinden.“

Über 125 Jahre lang hätten sich in Oberlenningen immer wieder engagierte Menschen gefunden, denen es ein Anliegen war, ihre Heimat zu schützen und zu pflegen. „Hier waren und sind Idealisten am Werk“, betonte Michael Schlecht, der sich bei der Ortsgruppe für die Pflege der vier Alb­aufstiege bedankte. Im Namen der Gemeinde spendete Schlecht der Ortsgruppe für jedes einzelne Jahr ihres Bestehens fünf Euro.

Antwort auf die zunehmende Industrialisierung

Die Verschönerungsvereine waren eine Antwort auf die zunehmende Industrialisierung, die immer mehr bäuerliche Idyllen und lauschige Orte verschwinden ließ.

Die Gründung des Schwäbischen Albvereins 1888 in Plochingen ist ebenfalls im Lichte dieses durch die Industrialisierung angestoßenen Transformationsprozesses zu sehen. „Die Städte wuchsen in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß“, sagte Heinz Lamparter bei der Jubiläumsfeier in Oberlenningen. „Mit dieser Ausdehnung waren sie unwirtlich geworden.“ Und als Reaktion darauf entstand eine Bewegung, die es zum Wandern in der freien Landschaft und im Wald hinaus in den ländlichen Raum drängte. „Dazu kam, dass die Schienenwege ausgebaut und das Reisen mit der Eisenbahn erleichtert wurde“, so Lamparter. „In jener Zeit fanden so auch viele Menschen den Weg nach Oberlenningen und entdeckten unsere schöne Landschaft.“ dh

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