Lenninger Tal

Dornröschen wird wachgeküsst

Ausflugstipp Im Truppen-Tonfilm-Theater in Münsingen flimmern wieder alte Filme über die Leinwand. Heute startet das Programm. Von Joachim Lenk

Foto: Joachim Lenk

Casablanca flimmert in Schwarz-Weiß und in Mono über die Leinwand. Humphrey Bogart sagt zu Ingrid Bergman den wohl bekanntesten Spruch der Filmgeschichte „Ich seh‘ dir in die Augen, Kleines“. Die 101 Zuschauer im Kinosaal schmelzen dahin. Gezeigt wird der Film in einem Lichtspielhaus, das vor fast 82 Jahren als Truppen-Tonfilm-Theater eröffnet wurde.

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Die Cineasten sitzen bei diesem Film nicht in bequemen Polstersesseln in einem klimatisierten Multiplexkino mit Dolby Surround 7.1., sondern ganz spartanisch auf alten Holz-Klappstühlen in einem Lichtspielhaus mit Oberlicht-Lüftung, das direkt an der ehemaligen Soldatensiedlung Altes Lager steht. Dort waren im 20. Jahrhundert Männer des Kaiserreichs, der Reichswehr, der Wehrmacht, der Bundeswehr und ausländischer Armeen stationiert, wenn sie auf dem angrenzenden Schießplatz ihre Übungen abhielten. Deswegen wurde dort, gleich hinter dem 2,50 Meter hohen Sicherheitszaun, das Truppen-Tonfilm-Theater vom Ludwigsburger Ehepaar Eugen und Emilie Schwarz eröffnet. Mit dem Hintergedanken, dass dort nicht nur Bürger aus der Region, sondern auch die benachbarten Soldaten Filme schauen. Die Rechnung ging auf. Bei der Premiere am 1. Februar 1936, als der Film „Der alte und der junge König“ mit Emil Jannings über die Leinwand flimmerte, strömten 595 Besucher in das Lichtspielhaus.

Der Boom hielt an

Der Boom sollte, auch während des Zweiten Weltkriegs, als Komödien und Revuefilme Zerstreuung und illusionistische Ablenkung boten, die nächsten 30 Jahre anhalten. Doch dann wurden in der Münsinger Innenstadt die Kammerlichtspiele eröffnet, und das Fernsehen feierte Einzug in die Haushalte auf der Alb. Die Konkurrenz war so groß, dass das Truppen-Tonfilm-Theater 1966 seine Pforten schließen musste. Danach nutzte die Bundeswehr das Gebäude im Hahnsteig zeitweise als Kirchensaal für die übende Truppe, dann als Lagerraum.

Vor drei Jahren kauften Hans-Jochen und Sandra Kraft das alte Gemäuer. Das Ehepaar aus Münsingen, das nebenher mit Motorrädern handelt, suchte entsprechende Verkaufsräume für seine heißen Öfen. Monatelang wurde neben der täglichen Arbeit renoviert und restauriert. Immer wieder entdeckten sie Spuren einer glanzvollen Vergangenheit: Originalplakate, Eintrittskarten, Filmspulen, der Schaltkasten mit Notbeleuchtung und viele weitere Dinge aus vergangenen Kinotagen kamen zum Vorschein. Nach und nach erkannten die Krafts, beide 47, das Potenzial dieser Räumlichkeiten im Retro-Charme. Im Eingangsbereich wurden die händisch beschrifteten „Garderoben“-, „Rauchen verboten“- und „Zum Balkon“-Schilder abgestaubt, am roten „Ausgang“-Zeichen die Glühbirnen ausgewechselt, die Holzvertäfelung poliert und Filmplakate von anno dazumal in den Schaukasten gepinnt. Die blaue Wandbespannung aus den 1930er-Jahren wurde gewaschen und wieder aufgehängt. Die trichterförmig sich nach oben öffnenden Wandleuchten und die Deckenleuchten mit gelben Stoffschirmen haben Elektriker wieder angeschlossen.

Der fehlende Kinokartenautomat aus der Vorkriegszeit mit den bunten Zettelreihen wurde kürzlich über Ebay ersteigert. Dafür sind die Leinwand und die vorgebaute Bühne samt Souffleurkasten noch im Original vorhanden. Am 3. Juli vergangenen Jahres wurde nach 1936 die zweite Eröffnung des Truppen-Tonfilm-Theaters mit James Deans „. . . denn sie wissen nicht, was sie tun“ gefeiert. Ohne großes Brimborium und Ehrengäste. Im Lichtspielhaus ist jetzt freitags und montags jeweils um 19 Uhr Kinotag. „Der Versuch nach so vielen Jahren ist geglückt“, freuen sich die Krafts. Zu den 42 Vorstellungen im zweiten Halbjahr 2017 kamen im Schnitt jeweils zwei Dutzend Besucher.

Das neue Jahr im Tonfilm-Theater im Alten Lager in Münsingen-Auingen startet am heutigen Freitag, 12. Januar, um 19 Uhr mit der Gruselkomödie „Tanz der Vampire“ mit Roman Polanski aus dem Jahr 1967. Eine Woche später gibt es dann den Kult-Klassiker „Immer diese Radfahrer“ mit Heinz Erhardt zu sehen.

1 www.tonfilm-theater.de

Viel Retrocharme: Das Truppen-Tonfilm-Theater. Foto: Joachim Lenk