Lenninger Tal

Draußen braucht’s einen Passierschein

Corona Sabine Baumann und Rainer Riepert aus Lenningen sind im Januar für zwei Jahre nach Sibiu in Rumänien gezogen. Militärverordnungen regeln den im März ausgerufenen Notstand. Von Anke Kirsammer

Lenninger in Sibiu
Sabine Baumann und Rainer Riepert leben in einer Altbauwohnung. Vor die Tür gehen dürfen sie nurzum Arbeiten, für den Einkauf oder Sport. Foto: pr

Das hatten sich Sabine Baumann und Rainer Riepert anders vorgestellt: Zwei Jahre mitten in der Stadt wohnen, das pulsierende Leben mit Märkten, Festivals, Pubs und Cafés genießen und einfach ohne Auto losziehen. „In Lenningen wohnen wir in einem Einfamilienhaus mit Garten. Als Kontrast haben wir uns für eine Altbauwohnung im Jugendstil im historischen Zentrum von Sibiu entschieden“, sagt Sabine Baumann. „Hätten wir gewusst, dass wir soviel Zeit daheim verbringen müssen, hätten wir wohl doch eher ein Haus im Grünen genommen.“

Zusammen mit ihrem Mann Rainer Riepert ist Sabine Baumann im Januar nach Sibiu, besser bekannt als Hermannstadt, im Herzen Rumäniens gezogen. Für zwei Jahre wurde der 53-Jährige als technischer Planer von Produktionsanlagen zur Daimler-Tochter Star Assembly als „Expat“ nach Sebes entsendet. Doch die Corona-Pandemie macht dem Ehepaar einen Strich durch die Rechnung. Wie in Deutschland standen auch in Rumänien die Bänder still.

Seit dieser Woche geht Rainer Riepert wieder arbeiten. Fiebermessen vor dem Werkstor und Mundschutz sind obligatorisch. „Der Job gibt dem Tag wenigstens eine Struktur“, sagt Sabine Baumann. Sie hatte sich anfangs mit anderen „Expat-Frauen“ getroffen. Jetzt nutzt sie die viele Zeit, um rumänisch zu lernen. Der Online-Kurs liegt erstmal auf Eis, deshalb klemmt sie sich alleine hinter die Vokabeln. „Außerdem lese ich viel und gehe oft laufen“, erzählt die 49-Jährige. „Das machen wir sowieso nur allein.“ Jeglicher Sport „im Kollektiv“ ist untersagt.

Mitte März wurde der Notstand ausgerufen. Mittlerweile gilt die zehnte Militärverordnung. Die jahrzehntelange Diktatur des Ceausescu-Regimes hinterlässt bis heute ihre Spuren. Überall in der Stadt kontrolliert das Militär die Passanten. Wer unterwegs ist, muss seinen Ausweis und eine Art Passierschein mit einer eidesstattlichen Erklärung dabei haben. „Wenn ich darauf Lidl notiert habe, traue ich mich nicht, noch bei Kaufland einzukaufen“, sagt Sabine Baumann. Sich auf eine Bank zu setzen, ist ebenfalls tabu. Zwischen 22 und 6 Uhr gilt eine völlige Ausgangssperre. Geöffnet haben nur Lebensmittelläden, Supermärkte und Apotheken.

Sämtliche Restaurants sind geschlossen, doch bieten viele Gastronomen Lieferdienste an. Obwohl erst Mitte Mai eine Maskenpflicht kommt, verlässt so gut wie niemand mehr ohne das Haus. „Die Leute haben sicher auch Angst, weil das Gesundheitssystem nicht das Beste ist und wollen nichts riskieren“, überlegt Sabine Baumann. Auf der Straße ist kaum jemand unterwegs. „Ich bin jedes Mal erstaunt, wenn ich im Fernsehen die Parks in Deutschland mit den vielen Menschen sehe“, sagt sie.

Eigentlich wollte die Unterlenningerin jeden zweiten Monat für ein paar Tage nach Hause fliegen, um die Eltern und die erwachsenen Kinder zu sehen, doch auch das vereitelt die Corona-Pandemie. Unklar ist, wann es überhaupt wieder Flüge nach Deutschland geben wird. Außerdem müsste sie nach der Rückkehr in Rumänien erst einmal für zwei Wochen zu Hause bleiben. „Ich habe hier noch gar keine Sommerkleider. Im Auto war nur begrenzt Platz“, erzählt Sabine Baumann lachend. Deshalb muss sie nun ihren Sohn bitten, ihr ein Paket mit den Sachen zu schicken. Der Besuch des 25-Jährigen Mitte März war ebenfalls zur Zitterpartie geworden. Fünf Stunden lang wurde er am Flughafen in Sibiu festgehalten, weil nicht klar war, ob er und die übrigen Passagiere zunächst in Quarantäne müssen.

Ob sie die Entscheidung bereuen, nach Rumänien gegangen zu sein? „Das ist schwierig zu sagen“, so die 49-Jährige. Jetzt die Koffer zu packen, ist für sie jedoch kein Thema. „Mein Mann hat ja hier einen Vertrag.“ Die Hoffnung des Ehepaars ruht auf Lockerungen, die für Mitte Mai in Aussicht gestellt sind. Dann soll es wieder ohne Passierschein vor die Tür gehen.

Sibiu Hermannstadt
Schön aber menschenleer: Ein Platz in Sibiu. Foto: pr
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